Weiterentwicklung am deutschen Anwaltsmarkt – Spin-off als (Einstiegs-)Alternative zur Großkanzlei

von Dr. Julia B. List, LL.M., Volljuristin und Solicitor (England & Wales), als Personalberaterin bei Schollmeyer & Steidl Legal Recruitment

Ein Sprichwort besagt, dass sich die Zeiten ändern und wir uns in ihnen. Galt dies bezogen auf Berufsbilder lange Zeit vor allem für naturwissenschaftliche und technische Berufe, beansprucht es nun auch schon geraume Zeit Geltung für das Berufsbild des Volljuristen, vom Berufseinsteiger bis zum Partner. Dabei hat sich insbesondere die Kanzleilandschaft in den letzten Jahren wesentlich ausdifferenziert.

Als um die Jahrtausendwende der Fusionstrend deutscher Sozietäten mit Großkanzleien anglo-amerikanischen Ursprungs nachhaltig einsetzte, wurde die Grundlage für einen wichtigen Gegentrend am Rechtsmarkt gesetzt: für sog. Spin-offs, d. h. Abspaltungen bzw. Ausgründungen einzelner Rechtsanwälte oder auch ganzer Teams am Markt. Doch es dauerte noch einige Zeit, ehe die ersten Spin-offs vermehrt am Markt erschienen. Diese sich als Alternative zu Großkanzleien positionierenden Einheiten sind heute in Anbetracht steigenden Kostendrucks der Mandanten, dem Wunsch nach maßgeschneiderter Rechtsberatung und besonderer persönlicher Betreuung durch den Partner vom Rechtsmarkt nicht mehr wegzudenken.

Zu den Beweggründen einer Neu(Aus-)Gründung

Dabei sind die Motivationsgründe, sich unter eigener Flagge selbstständig zu machen, vielfaltig. Für ambitionierte Senior Associates und/oder Counsel ist es zunächst eine interessante Option zum (oft versperrten) Partnertrack in einer Großkanzlei. Für bereits ernannte Partner einer Großkanzlei ist die Gründung einer „eigenen“ Kanzlei zumeist die einzige Antwort auf steigenden Akquisedruck, unterschiedliche Strategieausrichtungen und häufige „Fremdbestimmtheit“ durch Vorgaben aus USA oder Großbritannien. Aspekte wie größere Flexibilität und Effizienz in der Mandatsführung, Fokussierung auf den eigenen Beratungsbereich, der Wunsch nach unternehmerischer Tätigkeit und Freiheit motivieren zusätzlich, den Schritt in die Eigenständigkeit zu wagen. Doch nicht zu unterschätzen sind auch hier die Risiken wie sie bei jedem Start-up bestehen: Passende Partner müssen gefunden werden, ebenso neue Kanzleiräume und geschultes Personal, die neue Einheit hat noch keine Bekanntheit am Markt, das Leistungsangebot ist zumeist (erst einmal) eingeschränkt, auf die bisherige (oft) internationale Vernetzung kann nicht zurückgegriffen werden und finanzielle Engpässe gilt es zu Beginn einzukalkulieren. Besonderes Augenmerk muss insbesondere auch auf den angemessenen Verbleib mit der „alten“ Kanzlei gerichtet werden. Gerade wenn die neue Einheit der „alten“ Kanzlei noch freundschaftlich verbunden ist, kann sich dies für erstere lukrativ auswirken und so, beispielsweise im Fall von Interessenskonflikten, spannende Mandate akquiriert werden.

Spin-off als erster und nächster Karriereschritt für junge Associates

Doch stellt ein Spin-off auch für junge Associates, die ihren Berufseinstieg oder ihre nächste Berufsstation suchen, eine attraktive Option zur Großkanzlei dar?

Von Vorteil kann zunächst die typische Start-up-Atmosphäre sein, d. h., eine Aufbruchsstimmung verbunden mit (oft) jungen Partnern und einem Team, das keine verkrusteten Strukturen aufweist und in dem die individuelle Entfaltung auch junger Kollegen zur unternehmerischen Anwaltspersönlichkeiten gefördert wird. Damit einher geht eine oft überdurchschnittlich dynamische und hochmotivierte Arbeitsatmosphäre. Darüber hinaus wird aufgrund der geringeren Personaldecke und der intendierten Betreuungsintensität in der Regel auch früher Mandantenkontakt viel eher gegeben sein als in Großkanzleien. Hinsichtlich der Gehaltsstrukturen sind die Unterschiede nicht sehr groß, da evident um hochqualifizierte Associates konkurriert wird. Zusätzlich wird jedoch oft mit einer gelebten worklife-balance geworben. Da die (neuen) Partner in der Regel auch aus sehr angesehenen Großkanzleien kommen, wird juristisch auf sehr hohem Niveau gearbeitet, so dass auch hier keine Abstriche gemacht werden müssen. Dies gilt ebenso für eine vom Associate gewünschte (weitere) Spezialisierung in einem Rechtsgebiet, was ebenfalls in einer kleinen Einheit meist ohne weiteres möglich ist. Schließlich sind auch die späteren Partnerchancen bei einem Spin-off grundsätzlich höher zu bewerten als in einer Großkanzlei.

Zu bedenken gilt dagegen, dass Ausbildungs- und Förderungsstrukturen in der neuen Einheit in der Regel noch nicht etabliert sind, d. h., dass sich die Unterstützung bei fachlicher Weiterbildung oftmals individuell gestaltet. Auch das regelmäßige Angebot von Großkanzleien, im Laufe der ersten Jahre ein Secondment an einem anderen Standort oder bei einem Mandanten zu verbringen, können Associates bei einem Spin-off eher weniger erwarten. Zu bedenken ist weiterhin, dass natürlich bei einem Wechsel vom Spin-off zu einer neuen Kanzlei oder in ein Unternehmen der Spin-off-Name im Lebenslauf mehr Fragen aufwirft als der einer international renommierten Wirtschaftskanzlei.

Unter Berücksichtigung dieser nicht abschließend aufgezählten Aspekte kann ein wohlüberlegter Berufsanfang als auch Wechsel in eine neu am Rechtsmarkt gestartete Einheit also durchaus eine echte Alternative zu einer Großkanzlei darstellen. Denn es gilt umso mehr auch im Rechtsmarkt: „…alles ist im Wandel…“. Daher ist es sinnvoll, sich diesbezüglich mit einem kompetenten Partner zu beraten, um so das jeweils richtige Einstiegsszenario für sich zu finden.

Quelle BECK Stellenmarkt 11/2016