
In Anbetracht des zunehmenden Fachkräftemangels gewinnen moderne, nachhaltige Personalstrategien sowie gesetzliche Reformen wie das Entgelttransparenzgesetz 2026 an Bedeutung – sie eröffnen Unternehmen neue Chancen, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.
Wachstum trifft Engpass
Die deutsche Steuerberatungsbranche durchläuft eine tiefgreifende Transformation. Während das Marktvolumen bis 2025 auf 21,5 Mrd. Euro steigen soll, fehlt es gleichzeitig an qualifizierten Fachkräften. Laut KfW sind 64,6 % der Kanzleien betroffen – mehr als in jeder anderen Branche.
Die Folge ist ein dramatischer Widerspruch zwischen Wachstumspotenzial und Personalengpässen. Flexible Arbeitsmodelle und attraktive Benefits sind längst kein „nice-to-have“ mehr, sondern Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit. Zusätzlichen Handlungsdruck erzeugt das Entgelttransparenzgesetz, das bis Juni 2026 umgesetzt werden muss.
Demografie und Erwartungen neuer Generationen
Die demografische Entwicklung verschärft die Situation zusätzlich: Mehr als die Hälfte der Steuerberater:innen ist über 50 Jahre alt, während die Zahl der Berufseinsteiger:innen sinkt. Gleichzeitig ändern sich die Erwartungen der jungen Generationen. Generation Y und Z priorisieren Work-Life-Balance und Flexibilität – 73 % fordern diese ausdrücklich.
Die Auswirkungen sind bereits heute sichtbar: 30 % der Kanzleien haben Mandate wegen Personalmangels gekündigt, 25 % können keine neuen Mandanten mehr annehmen. Besonders alarmierend ist, dass nur noch 20 % der offenen Stellen erfolgreich besetzt werden, während es vor zehn Jahren noch 50 % waren.
Digitalisierung als Schlüssel
Neben der Demografie entscheidet der Digitalisierungsgrad darüber, ob moderne Arbeitsmodelle funktionieren können. Bereits 80 % der Kanzleien arbeiten papierlos, der DATEV-Digitalisierungsindex erreichte 2024 einen Stand von 109,1 Punkten.
Automatisierung eröffnet zusätzliches Potenzial: Bis 2027 können pro Fachkraft Produktivitätssteigerungen von 40 % erreicht werden. Schon heute lassen sich durch smarte Lösungen bis zu 30 % der Arbeitszeit einsparen, während repetitive Tätigkeiten um 70 % reduziert werden. So entsteht Raum für höherwertige Beratung und verkürzte Arbeitszeiten.
Das Entgelttransparenzgesetz 2026 als Game-Changer
Parallel zur Digitalisierung verändert das Entgelttransparenzgesetz die Anforderungen an Personalführung und Gehaltsstrukturen grundlegend. Die Richtlinie sieht vor, dass Arbeitgeber bereits vor Beschäftigungsbeginn Gehälter oder Gehaltsspannen in Stellenanzeigen offenlegen müssen.
Darüber hinaus werden Unternehmen mit mindestens 100 Mitarbeitenden verpflichtet, geschlechtsspezifische Lohngefälle transparent zu machen – ein besonders sensibles Thema in der Steuerberatung, die mit 32 % den höchsten Gender Pay Gap aller Branchen aufweist. Neu ist auch die Beweislastumkehr: Im Falle von Diskriminierung muss künftig der Arbeitgeber nachweisen, dass keine Benachteiligung vorliegt.
Damit wird eine objektive, dokumentierte und diskriminierungsfreie Gehaltsgestaltung unverzichtbar – und zugleich zur Chance für modernes Employer Branding.
Flexible Arbeitsmodelle und Benefits im Praxistest
Ein Blick in die Praxis zeigt, dass erste Schritte bereits unternommen werden. 92 % der performanten Kanzleien ermöglichen bis zu vier Homeoffice-Tage pro Woche – ein überdurchschnittlicher Wert im Vergleich zu anderen Branchen. Bei der Vier-Tage-Woche hingegen sind bisher nur rund 35 % der mittelständischen Kanzleien in Planung. Erfolgreiche Beispiele wie das von Andreas Schollmeier in Moers belegen aber, dass nach Prozessoptimierung eine 32-Stunden-Woche sogar Wachstum ermöglichen kann.
Auch bei Benefits gibt es noch ungenutztes Potenzial. Viele Kanzleien beschränken sich auf den steuerfreien Sachbezug von 50 Euro oder Essenszuschüsse von bis zu 112,50 Euro monatlich. Dagegen sind moderne Optionen wie Mobilitätsbudgets bis 2.400 Euro jährlich, Gesundheitsförderung bis 600 Euro oder Weiterbildungsbudgets von 1.000 bis 2.000 Euro noch unterrepräsentiert – obwohl sie die Attraktivität als Arbeitgeber nachweislich steigern.
Vom Maßnahmenpaket zur Strategie
Was vielen Kanzleien noch fehlt, ist die systematische Steuerung. Ohne aussagekräftige Kennzahlen zu Produktivität, Homeoffice-Quote oder Benefit-Nutzung bleiben Initiativen unscharf. Best Practices zeigen dagegen, dass hybride 32 – 36-Stunden-Modelle, digitale Benefit-Cards und KPI-gesteuerte Prozesse klare Wettbewerbsvorteile verschaffen.
Das Entgelttransparenzgesetz verstärkt diesen Trend. Nur mit belastbaren Daten lassen sich faire Gehaltsstrukturen nachweisen und geschlechtsspezifische Unterschiede nachhaltig abbauen.
Handlungsempfehlungen für Kanzleien
Um den Wandel aktiv zu gestalten, sind mehrere Schritte erforderlich:
- Gehaltsstrukturen analysieren und Gender Pay Gaps identifizieren.
- Objektive Kriterien für Entgeltentscheidungen entwickeln, etwa Kompetenzen, Verantwortung und Arbeitsbelastung.
- Dokumentation sicherstellen, um bei Streitfällen Transparenz zu gewährleisten.
- Recruiting-Prozesse anpassen, indem Gehaltsspannen in Stellenausschreibungen integriert werden.
- Benefits strategisch ausbauen und mit Weiterbildungs- und Gesundheitsangeboten kombinieren.
- Führungskräfte schulen, um diskriminierungsfreie Entgeltgestaltung umzusetzen.
Fazit: Wandel als Chance
Der Fachkräftemangel ist die größte Herausforderung der Branche. Doch Kanzleien, die flexible Arbeitsmodelle, transparente Gehaltsstrukturen und attraktive Benefits systematisch verbinden, können ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern.
Das Entgelttransparenzgesetz ist dabei nicht nur regulatorische Pflicht, sondern ein Impuls für die strategische Weiterentwicklung. Untersuchungen zeigen, dass integrierte Konzepte die Bewerberquote um bis zu 60 % steigern und Mandatskündigungen deutlich reduzieren können.
Die Zukunft gehört den Kanzleien, die traditionelle Strukturen hinterfragen, datenbasiert handeln und faire Arbeitgebermarken aufbauen. Wer den Wandel aktiv gestaltet, gewinnt Fachkräfte, stärkt Mandantenbeziehungen und sichert den langfristigen Erfolg.
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Über die Autorin:
Uwe Loof - Experte der Taxwerkstatt
Außerdem begleitet er seit über 10 Jahren Steuerkanzleien und Mittelständler bei Fachkräftesicherung, Employer Branding und digitaler Transformation. Die Taxwerkstatt vernetzt Steuerberater:innen und Mitarbeitende zu Themen wie Digitalisierung, Marketing und Personal.