
Wie oft verhandeln Sie? Und, noch relevanter: Wie oft initiieren Sie eine Verhandlung?
Wir alle wissen: Verhandlungen sind im juristischen Kontext besonders relevant. Gerade Anwältinnen und Syndikusanwältinnen agieren in einem Umfeld, in dem Verhandlungserfolg Macht und damit Umsetzungskraft zur Folge hat. Nicht nur Mandatsbedingungen, Honorare und Prozessstrategien erfordern ein klares Verhandlungsgeschick. Auch die berufliche Weiterentwicklung hängt stark von souverän geführten Gesprächen ab.
Der Grund liegt auch in der Struktur der Branche. Rechtliche Berufe galten lange als männlich dominiert. Zwar steigt der Anteil von Frauen im Beruf stetig. Dennoch stoßen sie oft auf traditionelle Rollenerwartungen und Vorurteile. Für die Karriere und das eigene Selbstbewusstsein ist es daher entscheidend, rechtzeitig und gezielt zu verhandeln.
Gleichzeitig bieten solche Verhandlungen Chancen. Wer Gehalts- oder Karriereverhandlungen mutig anpackt, demonstriert Verhandlungskompetenz. Das steigert die Anerkennung im Team und bei Mandanten. Es kann auch Weichen stellen für Beförderungen und Führungsaufgaben. Frauen, die ihren Wert selbstbewusst kommunizieren, zeigen damit, dass sie mitgestalten können und wollen.
Gehalt und Karriere: Frauen im juristischen Beruf verpassen oft Chancen
Viele Juristinnen zögern, Arbeitsbedingungen wie Gehalt, Arbeitszeit oder -ort anzusprechen. Dabei bieten Kanzleien und Unternehmen oft mehr Verhandlungsspielraum als angenommen. Wer nicht verhandelt, riskiert Unterbezahlung – besonders gravierend im juristischen Bereich, wo Frauen laut Bundesrechtsanwaltskammer 23% weniger verdienen als Männer. Bei Syndikusanwältinnen ist der Unterschied noch größer.
Auch wenn Gehaltsunterschiede nicht nur an Ihrem Verhandlungsgeschick liegen mögen: Verschiedene Quellen belegen die Wirksamkeit guter Verhandlungstechniken. Eine aktuelle Untersuchung von Indeed aus dem Jahr 2024 hat herausgefunden, dass Frauen in Deutschland, die aktiv ihr Gehalt verhandeln, in 85% der Fälle eine Gehaltserhöhung erreichen können. Auch Beförderungen erfordern aktive Verhandlungen. Titel wie „Partnerin“ oder Verantwortungsbereiche gehen oft an Kolleg*innen, die ihre Ambitionen klar kommunizieren. Abwarten führt häufig dazu, dass andere schneller zum Zug kommen.
Mandate, das Rückgrat der Kanzleiarbeit, sind ein weiteres Verhandlungsfeld. Frauen übernehmen oft belastende oder weniger strategische Fälle. Themen wie Honorargestaltung, Arbeitsumfang und Teamzusammensetzung lassen sich jedoch aushandeln. Flexiblere Modelle wie Teilzeit oder flexible Arbeitszeiten sind ebenfalls möglich – wer rechtzeitig agiert, erweitert seinen Spielraum.
Frauen verhandeln nicht schlechter als Männer – nur oft anders
In Trainings erleben wir, dass Frauen sich für die Beziehung in Verhandlung in hohem Maße verantwortlich fühlen. Viele befürchten Ablehnung oder ein negatives Image, wenn sie Forderungen auf den Tisch bringen. Männer sehen im „harten“ Verhandlungsstil häufig einen Beweis für Kompetenz. Frauen werden für das gleiche Verhalten eher als aggressiv eingestuft – und sie stufen sich auch selbst so ein! Das kann dazu führen, dass sich Juristinnen weniger trauen, offensiv nach ihren Interessen zu fragen.
Es existieren jedoch auch Gegenbeispiele. Erfolgreiche Rechtsanwältinnen, die sich als klare Verhandlerinnen profilieren, sind auf dem Vormarsch. Sie kombinieren kommunikative Feinfühligkeit mit Zielstrebigkeit. Sie verstehen es, ihre Interessen hart aber mit menschlicher Wärme zu vertreten. Genau diese Mischung kann im juristischen Umfeld besonders effektiv sein und Kosten für die Mandanten vermeiden.
Verhandlungserfolg lässt sich lernen – drei umsetzbare Tipps
1. Bereiten Sie sich vor!
Ein klares Ziel ist essenziell für jede Verhandlung, zum Beispiel „der Aufstieg zur Partnerin in zwei Jahren“. Wenn Sie Vergleichsgehälter, Branchenstandards und eigene Leistungen kennen, argumentieren Sie sicherer. Statistiken von Verbänden wie der Bundesrechtsanwaltskammer bieten hilfreiche Orientierung.
Zusätzlich stärkt ein Plan B Ihre Verhandlungsposition, vor allem festigt Sie ein solcher innerlich enorm, beim Kern Ihrer Forderung zu bleiben. Das Konzept der BATNA (Best Alternative to a Negotiated Agreement) hilft Ihnen, vorab Alternativen zu definieren und souverän zu bleiben, selbst bei harten Verhandlungen. Mit einem klaren Fokus auf zentrale Forderungen lassen sich Gespräche gezielt steuern.
2. Nutzen Sie gezielte Kommunikation und Psychologie!
Empathie statt Konfrontation sind meist der Schlüssel zu erfolgreichen Verhandlungen. Verständnis für das Gegenüber schafft Vertrauen und senkt Widerstände. Fragen wie „Was ist drin für dich?“ verbinden Empathie mit Stärke, indem sie Win-win-Situationen aufzeigen.
Mit kurzen, klaren Aussagen, einer ruhigen Stimme und einem stabilen Stand signalisieren Sie, dass Sie Ihre Position ernst meinen. Auch mentale Vorbereitung auf Einwände stärkt die Verhandlungsposition: Wer mögliche Gegenargumente antizipiert, bleibt souverän. Und so banal es klingt: Flache Schuhe können dabei helfen, buchstäblich geerdet zu bleiben.
3. Machen Sie es nicht alleine!
Ein starkes Netzwerk ist essenziell – wie der Deutsche Juristinnenbund oder breakingthrough.de, aber auch interne Frauennetzwerke und Mentor:innen. Sie helfen, Kanzleistrukturen und Marktbedingungen besser zu verstehen und strategisch zu agieren. Für die mentale Verhandlungsvorbereitung und ein Gefühl von innerer Souveränität bieten Coaches wertvolle Unterstützung.
Fazit
Frauen in juristischen Berufen profitieren enorm, wenn sie lernen, konsequent für sich und ihr Anliegen einzustehen. Mutig zu verhandeln ist ein Signal, dass Sie Ihren Wert kennen und verteidigen. Das motiviert zudem gleichzeitig andere, ähnliche Wege zu gehen.
Fangen Sie im Kleinen an: Im privaten Alltag lässt sich Verhandeln üben und führt auch dort zu spürbarer Entlastung – beispielsweise, wenn es sich um die Aufteilung der Familienaufgaben handelt. Wer übt, wächst. Wer verhandelt, gewinnt Selbstbewusstsein. Die Zukunft braucht Juristinnen, die sich Gehör verschaffen – im Mandat, aber auch für das eigene Potenzial. Das stärkt nicht nur die eigene Position, sondern hebt das Niveau der gesamten Branche.
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Über die Autorin:

Charlotte zu Knyphausen - Coach
Sie begleitet vor Verhandlungen, in schwierigen Führungssituationen und in Fragen der beruflichen Neuorientierung. Sie gibt Trainings zu Verhandlung, Potenzial und Resilienz und gestaltet Dialoge zu verschiedenen Themen wie Wahrnehmung, Macht, Zuversicht und viele mehr. www.knyphausen.org