Karrieremann sucht Superheldin – Wie Rollenbilder unsere Vorstellung von Vereinbarkeit beeinflussen

von Diane Manz

Die gute Tochter, die ihre Eltern stolz macht, die Sportskanone, die bewundert wird und bei den Mädchen gut ankommt, Mutter oder Vater, Politikerin oder Hausarzt, beste Freundin, der Ernährer der Familie: Die Auswahl der verschiedenen Rollen, die wir im Laufe unseres Lebens nacheinander oder parallel einnehmen können, ist endlos. Allen Rollen ist etwas gemein – sie prägen eine Vorstellung von Verhalten und oft auch äußerem Erscheinungsbild der Person, die die jeweilige Rolle einnimmt. Sie prägen sie neben den Erwartungen, die an die Inhaber und Inhaberinnen der Positionen gestellt sind, auch deren Stellung in der Familie, am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis. Und damit strukturieren und stabilisieren sie sowohl das jeweilige Weltbild als auch den eigenen Platz darin. Wir wissen, worauf wir uns einlassen und was von uns erwartet wird. Rollen sind aber keine statischen Gebilde. Viele verändern sich, neue Rollen kommen hinzu, manch alte Rolle fällt komplett weg. Und natürlich unterscheiden sich Rollenbilder auch kulturell, religiös und regional. Wenn wir uns die Entwicklung der Geschlechterrollen über die letzten 100 Jahre anschauen, wird deutlich, wie stark Rollenbilder von äußeren Gegebenheiten und Möglichkeiten beeinflusst werden, z.B. durch Kriege, wirtschaftliche und technische Entwicklungen oder Gesetzesänderungen. Auch zieht die Veränderung eines Rollenbildes häufig eine Anpassung angrenzender Rollenbilder nach sich.

„Working Mom“ oder Rabenmutter?

Heute stehen wir damit an einem Punkt, an dem es für Frauen und Männer, Mütter und Väter eine Vielzahl von verschiedenen Rollenbildern gibt, die zum Teil noch gar nicht vollständig „ausgemalt“ sind. Sich selbst hier einzuordnen, seinen Platz zu finden und das Rollenbild zu leben, mit dem man sich am stärksten identifiziert, ist schon eine Herausforderung an sich. Insbesondere dadurch, dass manche Vorstellungen zu einzelnen Rollen sehr kritisch sind und sich auf den ersten Blick fast auszuschließen scheinen. Ist die Vollzeit-Partnerin einer Kanzlei eine erfolgreiche „Working Mom“, die Kind und Karriere erfolgreich vereinbaren kann oder sie schlichtweg eine herzlose, karrieregeile Rabenmutter, die sich die Kinder doch auch hätte sparen können? Ist der Anwalt, der länger als zwei Monate Elternzeit macht, ein moderner Mann, der seine Vaterrolle ernst nimmt und trotzdem ein erfolgreicher und an die Kanzlei gebundener Mitarbeiter oder ist er ein Weichei, der zudem sowieso nicht ambitioniert für höhere Ziele in der Kanzlei ist? Je nachdem, wen Sie fragen, werden Sie bei beiden Beispielen unterschiedliche Antworten bekommen, die unterschiedliche Reaktionen bzw. einen unterschiedlichen Umgang mit den jeweiligen Personen nach sich ziehen. Möchte ich als junge Anwältin lieber der Working Mom oder der Rabenmutter nacheifern? In „Rabenmutterkulturen“ wird es mit den positiven Rollenvorbildern schwer. Möchte ich als Kanzlei die Lusche fördern, die gar nicht richtig committed ist und sechs Monate in Elternzeit verschwindet oder lieber in den jungen aufstrebenden Anwalt investieren, dem die Familie wichtig ist und der durch eine höhere Zufriedenheit die Möglichkeiten der Vereinbarkeit eine Traumkarriere vor sich hat? Alles eine Frage der Perspektive.

Integration bewährter und neuer Rollenbilder ist wichtig

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Die Umsetzung der neuen Rollenbilder von erfolgreichen und zufriedenen „Working Parents“ mit glücklichen Kindern und ebensolchen Arbeitgebern wird leider häufig aus eigenen Reihen erschwert. Aus Sorge um die eigene Stabilität und die der Organisation möchten viele Menschen ihr eigenes bewährtes Rollenbild, das ihr Leben geprägt hat, als das Rollenbild der Wahl in der Unternehmenskultur verankert sehen. Das Zulassen eines veränderten oder neuen Rollenbildes könnte dazu führen, mit dem eigenen Weg, auf den einen das alte Rollenbild geschickt hat, zu hadern. Ob das nun heißt, dass man im Rahmen eher traditioneller Geschlechterrollen als Mann seine Familie zugunsten der Karriere vernachlässigt hat, weil man sonst nicht der „Ernährer“ hätte sein können oder ob man als Frau nicht als Rabenmutter angesehen werden wollte und deshalb den weniger ambitionierten Karriereweg gewählt hat – vielleicht hätte man es selbst gern anders gemacht, aber im eigenen Umfeld war die Zeit noch nicht reif dafür. Das kann wehtun und auch dafür braucht es in der modernen Welt Verständnis und Wertschätzung. Ebenso sollte den Menschen, die sich auch heute aus Überzeugung für einen eher traditionellen Weg entscheiden, Akzeptanz entgegengebracht werden, anstatt Ihnen vorsintflutliches Verhalten vorzuwerfen.

Es ist offensichtlich, dass eine echte Förderung von Vereinbarkeit erst dann möglich und wirksam ist, wenn die Kultur einer Kanzlei oder eines Unternehmens einerseits neue Rollenbilder integriert und andererseits auch Verständnis und Raum für alte Rollenbilder lässt. Denn erst, wenn hier eine friedliche Koexistenz geschaffen wird, können bewusste und unbewusste Sorgen und Abwehrmechanismen reduziert und gemeinsam neue Möglichkeiten für Vereinbarkeit, Kooperation und Geschäftserfolg entdeckt werden.

 

Infos zur Autorin:

Diane Manz ist Dipl.-Psychologin und systemischer Business Coach. Als Inhaberin von brandung | coaching & consulting liegt ihr Fokus der Beratung auf den Bereichen Kommunikation, Karriereentwicklung, Führung und Selbstmanagement, insbesondere im Hinblick auf Umgang mit Stress. Mit 17 Jahren Erfahrung im Personalbereich, davon 13 Jahre als Personalleiterin einer internationalen Großkanzlei, ist die Beratung von JuristInnen ein branchenspezifischer Schwerpunkt ihrer Arbeit.