Karriere deutscher Rechtsanwälte in Österreich – Herausforderung und Chance

von Prof. Gerauer

Ist Österreich auch für deutsche Rechtsanwälte attraktiv? In Österreich gibt es für das Jurastudium zwar keinen Numerus Clausus. Die Mindeststudienzeit beträgt wie in Deutschland regelmäßig acht Semester.

Wer in Deutschland an der österreichischen Grenze wohnt, Rechtsanwalt werden will und somit der Bezug zur österreichischen Rechtsordnung buchstäblich „auf der Hand“ liegt, für den kann es interessant sein, bereits sein Jurastudium an einer der bekannten Universitäten wie Salzburg, Linz, Wien, Graz oder Innsbruck zu absolvieren.

In Deutschland ist es relativ einfach, Anwalt zu werden, vorausgesetzt man hat die beiden juristischen Staatsexamina wenigstens mit Erfolg bestanden. Die Zulassung erfolgt dann bei der für den Wohnsitz zuständigen Rechtsanwaltskammer. Einer besonderen zusätzlichen Prüfung bedarf es nicht.

In Österreich hingegen ist Grundvoraussetzung nicht nur ein erfolgreich abgeschlossenes Studium der Rechtswissenschaften. Hinzu kommt dann noch eine fünfjährige praktische Berufsausbildung, welche sich in zwei Abschnitte gliedert: jenen mit „kleiner Legitimationsurkunde (kleine LU) “ und jenen mit „großer LU“. So ist man zu Beginn (kleine LU) lediglich befugt bis zu einem Streitwert von 5.000,00 Euro zu verhandeln – darüber hinaus besteht absolute Anwaltspflicht. Hier darf man erst nach 18 Monaten Ausbildung zu Gericht (große LU).

Der Berufsanwärter („Konzipient“) muss mindestens sieben Monate bei Gericht und mindestens drei Jahre in einer Kanzlei absolvieren. Während dieser Zeit sind auch noch Ausbildungsveranstaltungen von 42 Halbtagen zu besuchen. Schließlich hat der Anwärter noch eine alle Rechtsgebiete umfassende Rechtsanwaltsprüfung vor der Kommission eines Oberlandesgerichts zu bestehen. Erst wenn diese bestanden ist und der junge angehende Anwalt von dem Ausschuss der Rechtsanwaltskammer positiv als vertrauenswürdig befunden worden ist, kann er in die bei der Rechtsanwaltskammer geführte Liste eingetragen werden. Dann ist er befugt, die Bezeichnung „Rechtsanwalt“ zu führen und eine Kanzlei in Österreich zu eröffnen.

In Österreich ist also im Vergleich zu Deutschland die Zulassung als Rechtsanwalt erheblich erschwert. Wer sich allerdings diesem Prozedere unterzieht, darf von sich behaupten, dass er mit einer gewissen Leidenschaft über einige Jahre dieses Ziel verfolgt und sich beim rechtsuchenden Bürger ein besonderes Vertrauen erworben hat. Damit ist dem Rechtsanwalt freilich noch lange nicht eine erfolgreiche Karriere als österreichischer Anwalt sicher.

Zu einem solchen Anwalt gehört in beiden Ländern neben einem hohen juristischen Fachwissen auch Mut, Beharrlichkeit und vor allem unternehmerisches Denken. Wem eine professionelle Akquise nicht liegt, wer keine unbedingte Kundenorientierung und ein unverwechselbares Beraterprofil für sich in Anspruch nehmen kann und dem zumindest gute Kenntnisse im strategischen Marketing nicht geläufig sind, dem wird auch in Österreich eine erfolgreiche Karriere versagt bleiben müssen.

Auch in Österreich gibt es für einen erfolgreichen Anwalt keinen 8-Stunden-Tag. Eine 60-Stunden-Woche und mehr sind die Regel. Allerdings kann der deutsche Jurist dafür im Vergleich zu seiner Arbeit in Deutschland mit einem ungleich höheren Einkommen rechnen.

Das deutsche Gebührensystem zeichnet sich nämlich dadurch aus, dass sich die Höhe der anwaltlichen Vergütung lediglich entweder aus dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz (RVG) oder aus einer schriftlichen Vergütungsvereinbarung errechnet. Die Vergütungsvereinbarung erfolgt dann an Stelle der gesetzlichen Gebühren.

In Österreich gilt hingegen neben dem Rechtsanwaltstarifgesetz und den Allgemeinen Honorar-Kriterien die freie Honorarvereinbarung. Der österreichische Rechtsanwalt kann also, je nach seiner eigenen Einschätzung, sein Honorar gegenüber dem eigenen Mandanten nach Leistung oder auf Stundenbasis in Rechnung stellen. Vor Gericht gelten allerdings ebenfalls die gesetzlich festgelegten Tarife. Damit liegen die Kosten bei Inanspruchnahme eines Rechtsanwalts in Österreich in der Regel oft um ein Drittel höher als in Deutschland. Allerdings bewegt sich das Jahresbruttoeinkommen eines Rechtsanwaltes zu Beginn seiner Tätigkeit häufig zunächst erst einmal zwischen 56.500,00 Euro und 76.100,00 Euro.

So überrascht es nicht, dass immer mehr deutsche Rechtsanwälte versuchen, neben der deutschen Zulassung als Rechtsanwalt (Doppelzulassung) auch eine Zulassung in Österreich zu erwerben. Der in Deutschland zugelassene Rechtsanwalt, der nicht ein zusätzliches Jurastudium in Österreich mit anschließender fünfjähriger Ausbildung und Prüfung als Rechtsanwalt absolviert hat, kann nach dem Europäischen Rechtsanwaltsgesetz (EIRAG) in Österreich bereits ohne besondere Prüfung als „Europäischer Rechtsanwalt“ dort in die Liste der „niedergelassenen europäischen Rechtsanwälte“ eingetragen werden. Damit darf er in Österreich jede Form von anwaltlicher Tätigkeit ausüben und auch entsprechend nach dem österreichischen Gebührensystem seine Tätigkeit abrechnen.

Ein solcher Anwalt ist natürlich auch als Unternehmensjurist sehr gefragt. Als ein meist im Angestelltenverhältnis befindlicher Anwalt erzielt er oft ein Jahresbruttoeinkommen zwischen 80.000,00 Euro und 100.000,00 Euro.

Ein Unternehmensjurist übt zwar eine sehr abwechslungsreiche Tätigkeit aus. Allerdings ist ihm auch bekannt, dass sich seine „Work-Life-Balance“ häufig nicht im Gleichgewicht befinden wird. Überstunden sind die Regel und Verhandlungen sowie Gespräche finden nicht selten zu später Stunde statt.

Foto oben: Gina Sanders/stock.adobe.com

Über den Autor:

Prof. Gerauer
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht,
Honorarprofessor an der Fakultät 13 der
Hochschule München sowie Seniorpartner
einer Kanzlei mit sieben Partnern im
Landgerichtsbezirk Passau

Quelle BECK Stellenmarkt 1/2019