Arbeiten im Ausland als Jurist: Traum oder Wirklichkeit?

von Pia Löffler, Rechtsanwältin und Inhaberin von anwaltstexte.com, München und Tina Heil, LL.B. Wirtschaftsrecht, freie Autorin und zertifizierte Wirtschaftsmediatorin (DMA)

In einer der großen Metropolen der Welt zu Hause morgens den Weg ins Büro anzutreten statt in einer durchschnittlichen deutschen Kleinstadt, vom Büro auf eine berühmte Skyline zu blicken statt auf eine gewöhnliche Geschäftsstraße.

Zu arbeiten, wo andere Urlaub machen, klingt nach einer reizvollen Idee und die Globalisierung macht den Traum von der Arbeit im Ausland einfacher. Aber für Juristen ist es nicht so einfach, im Ausland zu arbeiten wie für Vertreter vieler anderer Berufe. Denn anders als die Naturgesetze gelten in jedem Land eigene Rechtsordnungen.

Aber kann man nicht vielleicht doch mit deutscher Juristenausbildung und dem Abstraktionsprinzip „im Blut“ auch im Ausland beruflich Fuß fassen – als Rechtsanwalt oder Unternehmensjurist?

Wer ist eigentlich ein „Jurist“?

Allerdings sollte man sich dann zunächst fragen: Was ist eigentlich der „deutsche Jurist“? Denn dieser Begriff ist inzwischen vielschichtig: Einerseits sind da die Volljuristen, die Richter, Staatsanwalt oder Rechtsanwalt werden dürfen. Aber auch Personen ohne zweites juristisches Staatsexamen üben ja diverse Tätigkeiten eines Juristen aus, z. B. mit den auch international anerkannten Abschlüssen als „Bachelor of Laws“ und/oder „Master of Laws“.

Gerade für die freie Wirtschaft – auch im Ausland – sind Absolventen von Studiengängen, die Wirtschafts- und Rechtswissenschaft kombinieren, eine interessante Alternative zu Volljuristen, beispielsweise, wenn es um die Besetzung einer Stelle als „Legal Counsel“ oder „Contract Manager“ etc. in einem Unternehmen geht. Denn diese Positionen erfordern neben Rechtskenntnissen auch betriebswirtschaftliches Verständnis – vor allem Letzteres bleibt in der deutschen Ausbildung zum Volljuristen aber meist unterentwickelt.

Als deutscher Anwalt ins Ausland

Die Chancen, als deutscher Jurist im Ausland schnell beruflich Fuß zu fassen, hängen stark davon ab, ob man als Rechtsanwalt oder etwa als Unternehmensjurist arbeiten will. Denn im Ausland kennt man meist weder das System der Staatsexamina noch – zumindest in vielen Ländern der EU – das Rechtsberatungsmonopol für Rechtsanwälte.
Zwar gilt innerhalb der EU für Rechtsanwälte die Niederlassungsfreiheit und damit, dass man sich grundsätzlich als in Deutschland zugelassener Anwalt in jedem anderen Mitgliedsstaat niederlassen kann. Um aber tatsächlich im Land seiner Wahl als Anwalt arbeiten zu können, existieren in einigen Mitgliedsstaaten besondere Prüfungen, die z. B. vor der Rechtsanwaltskammer abzulegen sind. Denn die Arbeit als Anwalt im Ausland – so der Europäische Gerichtshof – erfordert auch genaue Rechtskenntnis des Landes, in dem man sich als Rechtsanwalt niederlassen will – und das ist ja vollkommen richtig. Rechtsanwalt nach deutschem Recht zu sein, reicht also auch in der EU oft nicht, um sich ohne weiteres als Anwalt niederlassen zu dürfen. Aber vor allem außerhalb der EU sind zusätzliche Qualifikationen und Prüfungen notwendig: In den USA beispielsweise ist der international anerkannte Master of Laws ein Muss und auch das State Bar Exam muss erfolgreich abgelegt werden, damit man als „Rechtsanwalt“ sein Schild dort an die Hauswand schrauben darf.
Es zeigt sich also: Die Einarbeitung in die jeweils geltende fremde Rechtsordnung und zusätzliche Prüfungen für die Zulassung sind oft Voraussetzung, um im Ausland als Anwalt arbeiten zu dürfen – und diese Hürden sind oft nicht ganz ohne – vor allem, wenn das Rechtssystem sich erheblich vom deutschen Rechtssystem unterscheidet (z. B. das Case Law!).

Als Unternehmensjurist ins Ausland

Etwas leichter hat man es, sich im Ausland in der Rechtsabteilung eines Unternehmens, aber auch auf anderen verantwortungsvollen Positionen im Unternehmen zu etablieren, vor allem als Wirtschaftsjurist. Denn egal, ob mit ein oder zwei deutschen Staatsexamina oder mit abgeschlossenem Masterstudiengang Wirtschaftsrecht
- in beiden Fällen bekommt der deutsche Jurist in seiner Ausbildung neben Rechtskenntnissen auch wichtiges, anerkanntes Handwerkszeug mit auf den Weg, um in anderen Rechtsordnungen bestehen zu können: Der Umgang mit dem Recht allgemein, wie man Recht anwendet, die vielbeschworene Methodenkompetenz und die Fähigkeit, abstrakt und analytisch Problemlösungen anzugehen.
Diese juristischen Kernkompetenzen sind im Ausland und dort gerade in Unternehmen sehr gefragt und lassen mangelnde Kenntnisse der jeweils geltenden Rechtsordnung schnell in den Hintergrund treten. Denn wer sein „Handwerkszeug“ beherrscht, hat nur selten Schwierigkeiten, sich in eine andere Rechtsordnung einzuarbeiten, sofern er in der jeweiligen Sprache versiert ist.

Fazit

Der deutsche Ansatz der Juristenausbildung bewährt sich also im internationalen Vergleich vor allem, wenn man sich nicht unbedingt als Rechtsanwalt im Ausland niederlassen will.

Als Unternehmensjurist hat man es leichter, im Ausland in Lohn und Brot zu kommen. Das gilt vor allem für Juristen, die neben einer soliden juristischen Ausbildung außerdem betriebswirtschaftliche Kenntnisse nachweisen können. Wer also den Schritt in Richtung Ausland wagen will – egal, mit welcher juristischen Ausbildung und unabhängig vom bisherigen Werdegang – für den lohnt es sich, darüber nachzudenken, ob nicht eine Tätigkeit in einer Rechtsabteilung im Ausland reizvoll wäre. Denn um die Niederlassung als Rechtsanwalt kann man sich – wenn man es wirklich will – dann immer noch kümmern.

anwaltstexte.com

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Quelle BECK Stellenmarkt 16/2015