Mental Health: Stärke beginnt im Inneren

von Susanne Kleiner

Anwältinnen und Anwälte, die mentale Balance leben, arbeiten konzentrierter, klarer und gesünder. Und sie prägen eine Kanzleikultur, die für Nachwuchskräfte attraktiv ist.

In Kanzleien ist es angesagt, Überstunden zu machen. Ständig erreichbar zu sein, kommt einem stillen Statussymbol gleich. Es ist an der Zeit, umzudenken. Nur wer gut für sich sorgt, legt den Grundstein für gesunden Erfolg. Zwar übernimmt die Künstliche Intelligenz inzwischen Routinearbeiten und entlastet Berufsträger, doch für die eigene mentale Balance bleibt der Mensch selbst verantwortlich. Das ist umso gravierender, da wir in einer Zeit der allgegenwärtigen Unsicherheit leben. Das, was in der Welt passiert, ist für jede und jeden Einzelnen nicht steuerbar. Doch jeder Mensch hat die Wahl, innere Anker zu setzen.

Die innere Haltung neu justieren Unsere

Gedanken formen unsere Welt. Wer sich mental nonstop im Karussell der Arbeit verheddert, verliert den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen. Was dann hilft: immer wieder Distanz zum Job gewinnen und Kraftquellen anzapfen. Gute Führungskräfte leben das vor. Sie achten auf Pausen, setzen Grenzen und holen Unterstützung, wenn die Luft dünn wird. Und sie reflektieren sich regelmäßig selbst: Was signalisiert mir mein Körper? Wie gelingt es mir, abzuschalten? Welche Aufgaben stärken mich? Welche Beziehungen rauben mir Energie? Ein Beispiel: Eine Partnerin einer mittelgroßen Kanzlei praktiziert jeden Montagmorgen ein Ritual der Stille. Für 30 Minuten bleibt der Laptop geschlossen, das Smartphone stumm. Sie nutzt die Zeit, um Prioritäten zu sortieren.

Der mentalen Gesundheit eine Stimme geben

In Kanzleimeetings dominieren Mandate, neue Gesetze oder die Personalsuche die Tagesordnung. Doch was, wenn die Standortleiterin oder der Standortleiter fragt: Wie geht es Ihnen mit diesem Projekt? Was brauchen Sie, seit Ihre Eltern Pflegefälle sind? Wie bleiben Sie ruhig, wenn es heiß hergeht? Was begeistert Sie? So lebt die Kanzleiführung ehrliches Interesse vor und rückt Mental Health in den Fokus. So kultivieren Führungskräfte eine offene Gesprächskultur. Sie berichten selbst, dass sie sich mit 30 Minuten Stille am Morgen auf den Tag einstimmen. Oder sie erzählen von einem Spaziergang im Park, den sie dem Konferenzraum vorziehen, um Wichtiges zu besprechen. Selbstachtung bezeugt auch, wer ein klares „Nein“ artikuliert oder sogar Mandate ablehnt, wenn das Maß voll ist.

Selbstwirksam handeln

Es liegt in der Natur des Anwaltsberufs, dass er durchterminiert ist. Gut möglich, dass sich junge und erfahrene Rechtsberaterinnen und -berater oft fremdbestimmt fühlen, wenn sie ihren To-dos hinterherlaufen. Was dann hilft: sich im Kleinen Freiräume schaffen und selbst das Heft in die Hand nehmen. Etwa so: Morgens früher aufstehen, um mit Gymnastik zu starten oder ein gesundes Frühstück zu genießen, einem guten Freund nach langer Zeit wieder zu schreiben oder dem Kind einen handgeschriebenen Brief in die Schultasche zu stecken. So banal diese Aktivitäten scheinen: Sie stärken das Selbstvertrauen, weil der Mensch verinnerlicht: „Ich bin einflussreich. Ich übernehme Verantwortung für mein Leben. Und für andere.“ Wer regelmäßig aus dem Autopiloten aussteigt, geht bewusst durchs Leben. Wer immer wieder Dinge zum ersten Mal tut, verlässt die Komfortzone. Dabei sind diese Premieren bestenfalls weniger von sportlichem Ehrgeiz getrieben als von der Lust, offen und präsent zu sein. Es geht darum, sich überraschen zu lassen und Kontrolle abzugeben. Auch der Kanzleikultur tut Neues gut. Wie wäre es mit wöchentlichen „Learning Lunches“, damit die Youngsters und betagteren Teammitglieder ihre Strategien teilen, wie sie Stress bewältigen oder Erfolge feiern?

Mentale Gesundheit im Team stärken

Erfreulich ist, dass viele Kanzleien inzwischen erkennen: Wer pausenlos brennt, verbrennt. Viele schaffen den Rahmen dafür, dass Mitarbeitende sich persönlich entwickeln und innerlich aufrichten. Sie ermöglichen dauerhaft 1:1-Coaching oder bieten moderierte Reflexionsworkshops im Team an. Sie wagen sich an eine Teamentwicklung der sensiblen Art, besuchen einen Achtsamkeitskurs, verbringen gemeinsam eine Auszeit im Kloster oder begeben sich auf intuitive Schreibreisen. Gemeinsam über das Erlebte zu reflektieren, stärkt das gegenseitige Vertrauen. Ein weiteres Plus: Wer regelmäßig nach innen schaut, entfaltet seine persönliche Ausstrahlung und fördert spürbar die eigene Präsenz in Gesprächen.

Hand aufs Herz: Wie denken Sie über diese Impulse? „Schön und gut, doch im Tagesgeschäft bleibt keine Zeit dafür“? Seelische Gesundheit zu priorisieren, verlangt Mut, Pioniergeist und den Willen, alte Muster hinter sich zu lassen. Ohne dass sich die Kanzleiführung persönlich dazu bekennt, ist das nicht zu schaffen. Es braucht starke Köpfe an der Spitze, die verhindern, dass wirksame Maßnahmen für mentale Balance reflexhaft bagatellisiert werden. Kanzleien, die verstanden haben, was attraktive Arbeitgeber der Zukunft ausmacht, setzen Mental Health konsequent unter die Top 3 ihrer Agenda.

Über die Autorin:
Autoren Name

Susanne Kleiner - Trainerin und Coach

Sie kommt aus Freiburg im Breisgau ist Trainerin (dvct) und Coach (dvct) für Führungskräfte und Teams, Kommunikationsexpertin in Krisen und Veränderungsprozessen. Sie arbeitet in der DACH-Region und auf Sri Lanka in ihrem eigenen Ayurveda Resort. www.susanne-kleiner.de | www.sandaru-lanka.com

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