Mentale Gesundheit – immer noch ein Tabu unter uns Juristinnen und Juristen

von Sophie Louise Kleine, Maître en droit

Wie viele von uns Juristinnen und Juristen kennen das: der Schreibtisch voller Akten, das Gefühl, nie genug zu sein, der ständige Druck, funktionieren zu müssen. Und doch – über unsere mentale Gesundheit sprechen wir kaum.

In meiner täglichen Arbeit als zertifizierte Mental Health Coach und Rechtsanwältin erlebe ich immer wieder, dass viele meiner Klientinnen und Klienten das Thema Mental Health zunächst weit von sich weisen. Auch wenn sie unter Schlafproblemen, Migräne oder innerer Unruhe leiden, heißt es oft: „Das liegt nur am Job oder ist nur eine Phase, das geht schon wieder weg.“

Doch genau hier beginnt das eigentliche Problem.

Wer sich über längere Zeit in einem Zustand ständigen Stresses befindet, verliert den Zugang zu den eigenen Ressourcen. In diesem Modus sind klare Entscheidungen oder kreative Lösungen nicht mehr möglich und unser System kämpft ums Überleben. Bleibt dieser Alarmzustand bestehen, kann er zu Erschöpfung (bis hin zu einem Burnout), Depressionen oder Angstzuständen führen.

Gerade im juristischen Umfeld ist das kein Einzelfall. Der Beruf ist geprägt von Perfektionismus, Fehlerintoleranz und Konkurrenzdenken. Hinzukommen lange Arbeitszeiten, Fristen und Billable Hours. Kein Wunder also, dass viele Juristinnen und Juristen glauben, keine Schwäche zeigen zu dürfen. Dabei ist mentale Gesundheit die Basis für Leistungsfähigkeit, Konzentration und Lebensfreude, nach der wir uns alle tief in uns sehnen.

Zahlen, die aufhorchen lassen

Eine Studie des Legal Liquid Institute („The Silent Epidemic“, 2021)1 zeigt:

  • 70 % der befragten angestellten Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte haben mindestens einmal in ihrem Berufsleben mentale Gesundheitsprobleme erlebt. 
  • 80 % empfinden das Thema in der Rechtsbranche als stigmatisiert.

Und der Druck beginnt früh: Schon im Studium werden Konkurrenz und Angst systematisch genährt, durch ein Bewertungssystem, in dem 18 Punkte nahezu unerreichbar sind, oder Sätze wie: „Wenn Sie keine 9 Punkte schaffen, werden Sie Taxifahrer. Schauen Sie nach links und rechts, einer von Ihnen wird am Ende des Studiums nicht mehr hier sitzen!“ verstärkt.

Im Referendariat berichten laut einer Umfrage der Referendariatskommission2 aus dem Jahr 2024 über 90 Prozent der befragten Referendarinnen und Referendare von psychischem Druck, ausgelöst durch Mehrfachbelastung (33,7 Prozent), Prüfungs- und Zeitdruck (24,1 Prozent), Zukunftssorgen (16 Prozent), finanzielle Unsicherheit (11,3 Prozent) oder die schlechte Organisation des juristischen Vorbereitungsdienstes (10,2 Prozent).

Schlafprobleme (40,1 Prozent), Angstzustände (16,7 Prozent), innere Unruhe (12,8 Prozent) und depressive Verstimmungen (9,7 Prozent) sind die Folge.

Das alles zeigt: Das System krankt und wer darin überlebt, braucht mehr als nur Durchhaltevermögen.

Was wir selbst tun können

Natürlich tragen Universitäten, Referendarstellen, Kanzleien und andere Arbeitgeber eine Verantwortung, mentale Gesundheit strukturell zu fördern. Doch auch jede und jeder Einzelne kann lernen, auf sich zu achten und das eigene Wohlbefinden aktiv zu schützen.

Ein gesunder Umgang mit Gefühlen und Bedürfnissen ist dabei entscheidend. Gerade wir Juristinnen und Juristen sind es gewohnt, kognitiv und rational zu arbeiten: Gefühle haben im Berufsalltag selten Platz. Doch ohne emotionale Balance leidet langfristig auch unsere Leistungsfähigkeit.

Drei Elemente, die innere Stärke fördern

Zum Aufbau von innerer Stärke und Resilienz helfen die drei Elemente des Selbstmitgefühls3 :

Achtsamkeit: Wahrnehmen, was gerade da ist: Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen. Fragen wie „Was fühle ich gerade?“ oder „Was braucht mein Körper jetzt?“ schaffen Bewusstsein, bevor der Stress übernimmt.

Gemeinsames Menschsein: Sich bewusst machen, dass niemand perfekt ist und dass alle Menschen Stress erleben. Gerade Juristinnen und Juristen neigen zum Einzelkämpfertum – dabei tut Verbindung oft mehr als Perfektion. 

Selbstfreundlichkeit: Sich selbst mit Wohlwollen begegnen. Eine Pause machen, tief durchatmen, sich selbst eine freundliche Geste schenken. Manchmal ist es nicht das Wochenende auf dem Land, das hilft, sondern fünf bewusste Minuten mit sich selbst.

Mentale Gesundheit ist kein Luxus, sondern die Voraussetzung dafür, dass wir als Juristinnen und Juristen unseren Beruf mit Freude, Klarheit und Stärke ausüben können. Der erste Schritt? Hinsehen. Zuhören. Sich selbst ernst nehmen.

Wenn Sie merken, dass Sie ständig unter Strom stehen oder die Freude am Beruf verloren geht, ist das kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen, dass Ihr System nach mehr Bewusstheit und Veränderung ruft.

1 LLI WHITEPAPER | Nº 1 (EN) | 2022
2https://bundesfachschaft.de/wp-content/uploads/2025/04/Psychischer-Druck
3 Kristin D. Neff, Self-Compassion: An Alternative Conceptualization of a Healthy Attitude Toward  Oneself“ Self and Identity 2 (2003): 85-102



Über die Autorin:
Autoren Name

Sophie Louise Kleine, Maître en droit - Rechtsanwältin

Sie ist außerdem zert. Systemische & Mental Health Coach. Sie begleitet Juristinnen und Juristen auf ihrem Weg zu mehr innerer Stärke und mentaler Balance, damit Erfolg nicht auf Kosten der Gesundheit geht und sowohl ihre Leistungsfähigkeit als auch ihr Wohlbefinden langfristig erhalten bleiben

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