Authentizität durch Stimmbildung - Was die Stimme für Anwältinnen und Anwälte bewirkt

von Ute Bolz-Fischer M.A.

Berufe im juristischen Umfeld sind kommunikativ. Der Umgang mit Kolleg:innen, Mandant:innen, Richter:innen usw. gehört zum Alltag. Deshalb ist die Stimme – neben dem soliden Fachwissen – das wichtigste Soft Skill in diesem Berufsstand. Sie bewirkt Unverwechselbarkeit und sorgt für den passenden Auftritt in jeder Situation. Trotzdem wird ihr immer noch viel zu wenig Beachtung geschenkt. Dabei hat sie sogar maßgeblichen Einfluss darauf, ob und wie sich Karrieren entwickeln.

Jeder kennt die folgende Situation: Man hört einen Vortrag. Das Thema ist interessant. Nicht nur das, es ist auch noch relevant für den eigenen (Berufs-)Alltag. Trotzdem schafft die Rednerin oder der Redner es nicht, die Konzentration des Publikums zu halten. Man driftet ab, denkt über den Einkaufszettel oder die Arbeit nach. Doch was ist hier eigentlich schiefgelaufen? Am Thema kann es nicht  liegen, das hatte man ja schon im Vorfeld für interessant befunden. Die Antwort liegt meist in der stimmlichen (Selbst-)Präsentation des Sprechers oder der Sprecherin. Klingt er oder sie monoton oder – schlimmer –  unangenehm? Hat er oder sie vielleicht einen Sprachfehler, der uns ablenkt? Oder wirkt er oder sie einfach nicht authentisch?

Was den ersten Eindruck ausmacht

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Was wir über andere Menschen denken, wird entscheidend vom ersten Eindruck bestimmt – und für den hat man bekanntermaßen keine zweite Chance. Das wirkt sich auf den beschriebenen Vortrag genauso aus wie auf den Kontakt mit Mandant:innen oder beim Termin vor Gericht. Doch was macht diesen ersten Eindruck aus? Was ist verantwortlich für die Sympathie? Was lässt uns authentisch wirken? Kleidung, ein Lächeln und ein angenehmer Händedruck gehören dazu. Sicher sorgen Anwält:innen dafür, dass sie adäquat gekleidet sind und potenzielle Mandant:innen nicht mit bösen Blicken verschrecken. Ein weiterer, noch entscheidenderer Faktor liegt jedoch in der Stimme. Man stelle sich vor, man trifft z. B. eine kleine zierliche Frau, deren „Guten Tag“ klingt, als hätte man ihre Stimme über ein Reibeisen gezogen. Das irritiert. Und es sorgt für ein „unrundes“ Gesamtbild. Etwas, das auf diese Weise unstimmig ist, muss nicht immer so auffällig sein, dass es tatsächlich ins Bewusstsein rückt. Aber kleine Irritationen, die durch die Stimme ausgelöst werden, machen am Ende das Bild aus, das man von einem Menschen bekommt.

Umgekehrt heißt das: Wer seine Stimme gut und richtig einzusetzen weiß, sorgt für einen optimalen ersten Eindruck und schafft darüber hinaus noch sein eigenes Markenzeichen. Die Stimme ist individuell und unverwechselbar. Richtig genutzt, arbeitet sie für das gesamte Image von Anwält:innen.

Die Stimme als Markenzeichen

Wer dieses Statement für übertrieben hält, der denke an seine:n Lieblingsmoderator:in im Radio. Schon beim ersten Einschalten ins Programm weiß man, wer da spricht. Natürlich handelt es sich bei Radiomoderator:innen meist um ausgebildete Sprecher:innen, die ihr Handwerk verstehen. Und genau darum geht es: das Handwerk zu verstehen. Wer mit seiner Stimme richtig umgehen will, der muss den Umgang mit ihr erlernen. Vielleicht nicht im Maße eines oder einer professionellen Sprecher:in. Aber doch so, dass man eine große Wirkung über die Stimme erzielen kann.

Dazu muss man vor allem wissen, in welcher Tonlage man zu Hause ist. In welcher Tonlage spricht man am ausdauerndsten, klingt am angenehmsten und ist am Ende des Tages nicht heiser? Das Gute an der Sache: All das ist in unserer Wohlfühltonlage bereits gegeben. Diese sogenannte Indifferenzlage erfüllt alle diese Kriterien und wird uns in die Wiege gelegt. Deshalb klingen wir auch am authentischsten, wenn wir sie nutzen. Leider sorgt kulturelle Überformung oft dafür, dass wir sie uns abgewöhnen. Mit Training und Schulung der Stimme allerdings kann man sie wiederentdecken – und sie sich vor allem zu Nutze machen.

Dimensionen des guten Sprechens

Doch für gutes Sprechen ist die Tonlage erst die Basis. Auf ihr baut der Stimmklang auf. Doch kann man am Klang der eigenen Stimme etwas ändern? Ja, man kann. Und zwar mit den Mitteln des Gesangs! Wo das reine Sprachtraining an seine Grenzen stößt, erarbeitet man sich durch das Singen von Tönen eine neue Dimension der Stimme. Mittels Tiefenatmung und Resonanzräumen, die man durch das Singen in Schwingung versetzt, wird die eigene Stimme wohlklingender und angenehmer. Wer diese Techniken erlernt und in die Sprechstimme transportiert, sorgt für einen guten Ton in jeder Situation. Und nicht nur das, Gesang sorgt außerdem durch die Freisetzung von Hormonen für Ausgeglichenheit und Stressresistenz, was medizinisch erwiesen ist. Das alles zahlt auf das Konto von Sympathie und Authentizität ein.

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Für einen authentischen und charismatischen Auftritt sollten Anwältinnen und Anwälte sich der Kraft ihrer Stimme bewusst sein. Wer sie richtig einzusetzen weiß, hat sich ein Soft Skill erschlossen, das weit trägt und große Auswirkungen hat. Wie man auf sein Gegenüber wirkt, sollte man als Anwält:in nicht dem Zufall überlassen!

Über die Autorin: 

Ute Bolz-Fischer M.A.,
ist Stimmcoach, Sängerin und Musik-wissenschaftlerin. Im Rahmen von  Law & Voice Stimmbildung für Juristinnen und Juristen hat sie ein speziell auf die Bedürfnisse von Juristinnen und Juristen abgestimmtes Stimm-training entwickelt. Ihre Arbeit zielt darauf ab, die Stimme zu stärken und die Resilienz ihrer Coachees zu fördern.
www.law-and-voice.de

Dieser Artikel erschien erstmals als Beitrag in der Printausgabe Beck-Stellemarkt 22/22.