Digitalisierung in der Steuerberatung – Eine Branche im Wandel

von Veronika Gebertshammer, Dipl.-Jur.

Die Folgen der Digitalisierung sind in der Steuerberatungsbranche deutlich spürbar. Stand heute sind nach dem Job-Futuromat – eine Plattform des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung – acht der elf Kerntätigkeiten eines Steuerberaters und sogar alle zwölf Kerntätigkeiten eines Steuerfachangestellten automatisierbar. Die Studie „The Future of Employment“ der Oxford Universität aus dem Jahr 2013 kam zu dem Ergebnis, dass es den Beruf eines Steuerberaters in den USA bald nicht mehr geben werde. Ist das alles nur Panikmache oder ist die Steuerberatungsbranche wirklich vom Aussterben bedroht? Obwohl die Digitalisierung längst in der Steuerberatungsbranche angekommen ist, lässt sich nicht mit Zahlen belegen, dass der Beruf des Steuerberaters kurz vor dem Aussterben steht. Im Gegenteil: die Zahl der Mitglieder in den Steuerberaterkammern ist nach der offiziellen Statistik der Bundessteuerberaterkammer im Jahr 2022 im Vergleich zum Vorjahr um 866 auf 101.070 Mitglieder gestiegen. Welche Chancen und Risiken ergeben sich nun aus der Digitalisierung für die Steuerberatungsbranche?

Nutzen der Digitalisierung für die Steuer­beratungsbranche

Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Steuerberatungsbranche bringt durchaus Vorteile mit sich. Denn die Automatisierung von Routineaufgaben kann den Steuerberater entlasten, sodass er den Fokus auf komplexere Problemstellungen legen kann, die nicht automatisierbar sind. Der Einsatz von KI unterstützt in großen Steuerkanzleien beispielsweise bei der automatischen Auftragsvergabe an den passenden Steuerberater. Somit werden sich die Aufgabenfelder des Steuerberaters in der Zukunft verändern und sich eher um Auswertungen und Analysen drehen. Um am Markt bestehen zu können, wird es notwendig sein, ganzheitliche Beratungen anzubieten. Für Steuerberater können die Optimierung von betrieblichen Prozessen der Mandanten sowie die Unterstützung mit digitalen Lösungskonzepten interessante neue Betätigungsfelder sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Beruf des Steuerberaters überflüssig wird, ist also gering einzuschätzen, auch wenn er sich wohl wandeln wird.

Eine Gefahr für Ein-Mann-Kanzleien?

Doch nicht jede Kanzlei kann sich auf den Wandel in der Steuerberatungsbranche einstellen und von der Digitalisierung profitieren. Gefährlich könnte es vor allem für kleine Kanzleien sowie für Ein-Mann-Kanzleien werden, weil ihnen für eine umfassende Digitalisierung der Prozesse und eine damit verbundene Neuorientierung der angebotenen Beratungsleistungen häufig die zeitlichen und finanziellen Ressourcen fehlen. Zudem sind viele Steuerberater Generalisten, deren Kerntätigkeiten schon heute teilweise automatisierbar wären. Ein Ausweg aus dem Dilemma könnte ein Zusammenschluss mit anderen Steuerberatern sein.

Standortunabhängige Beratung dank des DMS

Als Chance kann wiederum das zentrale Dokumentenmanagementsystem (DMS) gesehen werden. Zum einen ermöglicht es den Mitarbeitern, von zuhause aus arbeiten zu können. Gerade in Zeiten, in denen Steuerkanzleien es immer schwerer haben, gute Mitarbeiter zu finden, stellt die Möglichkeit, im Home-Office zu arbeiten, einen wertvollen Benefit dar und verschafft der Kanzlei im Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter einen echten Vorteil. Zum anderen profitieren auch die Mandanten von den digitalen Möglichkeiten. Dank des DMS wird es zukünftig nicht mehr notwendig sein, dass sich das Büro des Steuerberaters in der Nähe des Mandanten befindet. Sie können also bundesweit nach einem geeigneten Steuerberater suchen, wodurch die Qualifikationen sowie die Spezialisierung des Steuerberaters zusätzlich an Bedeutung gewinnen werden.

Fazit

Wie auch für andere Branchen bedeutet die Digitalisierung für die Steuerberatungsbranche einen teils enormen Umbruch. Stirbt der Berufsstand aus? Wahrscheinlich eher nicht. Der Beruf des Steuerberaters wird durch die Digitalisierung nicht verschwinden – wohl aber eine Wandlung durchlaufen. Steuerberater sind deshalb gut beraten, sich für neue Beratungsfelder und Tätigkeiten zu interessieren und offen für Veränderungen zu sein. Nur durch Anpassung kann die Digitalisierung als Chance erkannt und als solche genutzt werden. Eine Option ist, den Mandanten auch in betriebswirtschaftlicher Hinsicht zu beraten. Die erforderlichen Kenntnisse und das Know-How hierfür bringt der Steuerberater schon mit.

Über die Autorin:

Veronika Gebertshammer, Dipl.-Jur.,
ist Texterin, Lektorin und Schreibcoach.
www.veronika-gebertshammer.de