Das Bewerbungsgespräch oder die Büchse der Pandora

von Dr. Henning Rauls

Ich arbeite seit 27 Jahren als Anwalt und bin heute Partner in der Kanzlei GÖHMANN Rechtsanwälte und Notare mit Standorten in Berlin, Magdeburg, Braunschweig, Hannover, Bremen, Frankfurt am Main und Barcelona. In Braunschweig betreue ich die Themenbereiche Insolvenzrecht, Gesellschaftsrecht und Arbeitsrecht.

In meiner eigenen Bewerbungsphase habe ich drei Bewerbungsgespräche geführt, die unterschiedlicher nicht hätten verlaufen können. In der Zeit kurz nach der Wiedervereinigung habe ich trotz dieser unterschiedlichen Bewerbungsgespräche drei Jobangebote erhalten. Ich habe damals aus dem Bauch heraus entschieden und mich für die Kanzlei entschieden, bei der ich mich während des Bewerbungsgespräches am wohlsten gefühlt habe. Wenn man auf meine langjährige Tätigkeit zurückblickt, war dies scheinbar die richtige Entscheidung.

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Heute führe ich für den Standort Braunschweig einen Großteil der Bewerbungsgespräche.

Hierzu einige Tipps:

1. Gute Vorbereitung

Nur wer einen Bewerber zu einem Vorstellungsgespräch einlädt, hat auch Interesse an diesem. Von daher sollte sich der Bewerber optimal vorbereiten und präsentieren. Der Ablauf eines Vorstellungsgespräches ist dabei in keiner Weise im Vorfeld zu prognostizieren.

Wichtig ist jedoch, dass man sich individuell auf die Kanzlei, die eingeladen hat, vorbereitet. Sollten zum Beispiel der oder die am Vorstellungsgespräch teilnehmenden Anwälte zunächst die Frage stellen, warum sich der Bewerber ausgerechnet bei dieser Kanzlei beworben hat, sollte man nicht ins Stocken geraten, sondern ggf. schon konkrete Hintergründe und die Positionierung der Kanzlei im Anwaltsmarkt kennen.

2. Informationsbeschaffung

Eine wichtige Möglichkeit zur Recherche ist hierbei nicht nur das Netzwerk, sondern auch die Website der Kanzlei sowie Zeitschriften. In einem Handbuch für die Bewerbung des Anwaltes steht, dass Anwaltskanzleien, im Gegensatz zur Wirtschaft, Vorstellungsgespräche oftmals chaotisch gestalten.

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Hintergrund ist, dass Anwälte in der Regel keine Personalprofis sind. Von daher muss sich der Bewerber ggf. auch auf weit ausschweifende Selbstdarstellungen des Anwaltes und einen nicht prognostizierbaren Gesprächsverlauf einstellen und trotzdem versuchen, unter diesen Bedingungen einen guten Eindruck zu machen.

Gerade aus diesem Grund ist es wichtig, sich vorab über die Kanzlei zu informieren und für sich selbst festzulegen, welche eigenen Zukunftswünsche man hat. Nur so kann man auf eine entsprechende chaotische Gesprächsführung gut reagieren und ggf. auch selbst die Gesprächsführung mitgestalten.

Hierzu ist es geboten, auch selbst für sich noch offene Fragen vorzuformulieren und im Bewerbungsgespräch zu stellen. Diese Fragestellungen zeigen, dass der Bewerber sich mit dem Beruf des Anwaltes identifiziert und qualifiziert ihn für die spätere anwaltliche Tätigkeit.

3. Nervosität

Die Nervosität eines Bewerbers beim Bewerbungsgespräch ist normal. Regelmäßig führt sie jedoch nicht unbedingt zu Nachteilen, solange sie sich in einem überschaubaren Rahmen hält.

4. Die Gehaltsfrage

Auch die Frage zum Gehalt ist üblich. Insoweit ist Vorbereitung notwendig. Dabei muss es jedoch noch keine Einigung im ersten Vorstellungsgespräch geben. Man sollte vielmehr im Vorfeld, auch bei Kollegen und in der Presse, sich über die allgemeinen Anfangsgehälter in den Anwaltskanzleien informieren. Dabei gibt es sicherlich Berufseinsteiger mit überragendem Examen in Großkanzleien, die mit sehr hohen Gehältern starten. Außer in diesen Großkanzleien, die sich oft in Ballungszentren befinden, sind jedoch Gehälter um EUR 50.000,00 die Regel.

Dabei kommt es, aus Sicht des Unterzeichners, nicht auf das Einstiegsgehalt, sondern darauf an, dass die Kanzlei Entwicklungspotenzial und eine Ausbildungschance bietet. Gute Examensnoten und ggf. eine Promotion oder ein LL.M. dürften dabei das Selbstbewusstsein des Bewerbers bei diesem Thema stärken.

5. Zweites Vorstellungsgespräch

Ein zweites Vorstellungsgespräch ist sicherlich kein Nachteil, sondern der erste Schritt zum Job. In Anwaltskanzleien wollen in der Regel nicht nur ein Partner, sondern mehrere Partner einen zukünftigen Kollegen kennenlernen. Wer daher zu einem zweiten Vorstellungsgespräch eingeladen wird, hat den ersten Schritt zum Job geschafft.

6. Eine Empfehlung

Für Anwälte ist es oft wichtig, dass sich der Bewerber vorstellen kann, in der Stadt, in der sich die Kanzlei befindet, leben zu wollen. Der Anwaltsberuf bedingt mittelfristig auch eine Teilnahme am öffentlichen Leben im direkten Umfeld. Von daher sollte sich der Bewerber auf die entsprechende Frage gut vorbereiten.

 

Über den Autor:

Dr. Henning Rauls
Fachanwalt für Steuerrecht
Partner der Kanzlei GÖHMANN
Rechtsanwälte und Notare in Braunschweig
Lehrbeauftragter an der Ostfalia Hochschule
für angewandte Wissenschaften in Wolfenbüttel und 
an der TU Braunschweig