Zwischen Legal und Tech: als Jurist:in ins Produktmanagement

von Dr. Katrin Fenrich

Juristische Arbeitsprozesse optimieren, die Digitalisierung der Anwaltschaft voranbringen und Innovation in diesem Bereich aktiv mitgestalten – all das ermöglicht das Berufsfeld der Software-Produktmanger:innen. Als Jurist:in ist der Weg ins Produktmanagement sicherlich kein typischer und das, obwohl insbesondere durch die Entwicklungen im Bereich Legal Tech dieses spannende Berufsfeld für Jurist:innen sehr viel zugänglicher geworden ist. Es ist ein Schnittstellenberuf zwischen Anforderungsmanagement, Entwicklungskoordination und Nutzeranalyse mit viel Raum für Innovation, Kreativität und Platz für eigene Ideen.

Tech: Arbeitsalltag einer Produktmanager:in

Als Produktmanager:in im juristischen Softwarebereich ist man primär für die strategische und konzeptionelle (Weiter)entwicklung der Software verantwortlich. In erster Linie ist man das Sprachrohr der Nutzer:innen einer Software, also dafür verantwortlich, Nutzerbedürfnisse zu erkennen und diese in Funktionalität der Software zu übersetzen. Was sich abstrakt anhört, bedeutet im Berufsalltag eine Vielzahl von ganz unterschiedlichen Aufgaben, angefangen beim Einholen von Kundenfeedback über die Betreuung der technischen Umsetzung bis hin zur Schulung von Kund:innen oder dem eigenen Team.

Ein konkretes Beispiel ist die Integration des anwaltlichen beA-Postfachs  in die allgemeine Kanzleisoftware. Die Konzeptionsphase dieser Programmfunktionalität beginnt häufig zunächst mit inhaltlicher Recherche: was genau soll das besondere Anwaltspostfach zukünftig können, wie sehen einzelne Funktionalitäten wie das elektronische Empfangsbekenntnis aus und welche Anforderungen existieren auf der rechtlichen Seite.

Wenn die Rahmenbedingungen klar sind, geht es an die eigentliche Kreativarbeit: wie kann das neue Anwaltspostfach in die bestehende Kanzleisoftware möglichst nahtlos integriert werden. Dabei spielen nicht nur Designfragen eine Rolle, sondern auch Überlegungen im Bereich Workflow-Optimierung und ggf. die Automatisierung bestimmter Teilbereiche. In enger Zusammenarbeit mit dem Designteam, das in der Regel aus Expert:innen aus dem Bereich User Experience und User Interface besteht, entsteht so ein erstes Konzept inklusive Skizzen. Dieses Konzept wird in einem iterativen Prozess verbessert und verfeinert und an einer Reihe von Pilotkunden verprobt.

Die seitens des Produktmanagements formulierten Anforderungen werden nun an das Entwicklerteam übergeben und die Umsetzung der neuen Funktionalität begonnen. Im Laufe des Entwicklungsprozesses bleibt das Produktmanagement Anlaufstelle für aufkommende Fragen. Ist die Funktionalität fertig entwickelt, durchläuft sie die Qualitätsprüfung, um eventuell noch existierende Fehler aufzudecken und zu beseitigen. Die finale Abnahme und das OK für das Ausrollen an die Nutzer:innen liegt dann wiederum beim Produktmanagement. Vor dem Ausrollen der neuen Funktionalität müssen Hilfeartikel geschrieben und der Support geschult werden, um Rückfragen von Kund:innen schnell beantworten zu können. Eine enge Zusammenarbeit besteht auch zwischen dem Produktmanagement und dem Vertrieb bzw. dem Marketing. Auch hier muss das Wissen über die neue Funktion und konkrete Anwendungsszenarien geteilt werden.

Mit dem Livegang einer neuen Funktionalität endet die Arbeit des Produktmanagements jedoch nicht. Jetzt geht es darum, zu überprüfen, ob und wie die neue Funktion genutzt wird und welche Verbesserungen möglicherweise noch notwendig sind. Hier spielt der enge Austausch mit Nutzer:innen eine zentrale Rolle.

Legal: Das Juristische am Produktmanagement

Als Produktmanager:in im juristischen Softwarebereich ist man aus mehreren Gründen gut aufgehoben:

Zum einen versteht man die Anwender:innen der Software und ihre Bedürfnisse, man spricht dieselbe Sprache und ist so in der Lage eine Software von Jurist:innen für Jurist:innen zu konzipieren. Dieses Wissen hilft dabei, sich in die Nutzerperspektive hineinzuversetzen, beim Einholen von Nutzerfeedback die richtigen Fragen zu stellen und die Entwicklung neuer Funktionalitäten richtig zu priorisieren.

Außerdem ist die Liste der rechtlichen Anforderungen an die (digitale) anwaltliche Tätigkeit lang und komplex. Die fachliche Nähe hilft insbesondere dabei, die durch die Rechtsprechung aufgestellten Anforderungen beispielsweise an das digitale Fristenmanagement, den elektronischen Rechtsverkehr oder auch die Möglichkeit, Routineaufgaben zu automatisieren, zu verstehen und in konkrete Softwarefunktionalität zu übersetzen.

Zu guter Letzt ergeben sich nicht selten bei der Einführung neuer Funktionalitäten Haftungsrisiken. Zwar gehört es nicht zu den Aufgaben einer Produktmanager:in diese rechtlich zu prüfen, aber die Zusammenarbeit mit der internen Rechtsabteilung oder der beratenden Kanzlei wird durch das fachliche Verständnis für die Problematik deutlich erleichtert.

Wer kreativ, konzeptionell und strategisch arbeiten möchte, ist im Produktmanagement an der richtigen Stelle – hier ist sowohl Raum für ganz große Ideen als auch Platz für Detailverliebtheit und Präzision.

Über die Autorin: 

Dr. Katrin Fenrich
ist Volljuristin und Produktmanagerin bei Actaport. 

Dieser Artikel erschien erstmals als Beitrag in der Printausgabe Beck-Stellemarkt 19/22.