Legal Coaching – ein Hybrid oder: Was der Rechtsberatung Beine macht

von Dr. Geertje Tutschka, ACC, Managing Partner: CLP-Consulting for Legal Professionals, Rechtsanwältin in Deutschland/Europaanwältin Österreich, Ausgebildeter und Zertifizierter Coach und Trainer, Autorin, Präsidentin der ICF Deutschland/Delegierte im Round Table Coaching und Ausbilderin im Legal Coaching

Coaching ist in der Rechtsbranche angekommen. Für die strategische Karriereentwicklung, aber auch für die eigene, persönliche Weiterentwicklung, gegen Frustration im Job und als Burn-out-Prävention.

Für die Kanzleientwicklung bei der Umsetzung der Kanzleikultur, der Positionierung, in Strategiefragen, aber auch in der Moderation bei Partnerentscheidungen, Teamentwicklung und Konfliktlösung, Personalführung sowie in den Personalentwicklungsprogrammen beim Aufbau der High Potentials, der Unterstützung junger Eltern oder auch weiblicher Führungskräfte.

So weit, so gut. Das ist nicht anders als in anderen Branchen. Nun aber entdeckt die Rechtsberatung Coaching als sinnvolle Ergänzung im  Beraterbusiness. Coaching kann Beratung professionalisieren. Inwieweit?

Coaching war immer schon Teil der Kommunikationswissenschaften und Psychologie; hat sich jedoch vor gut 150 Jahren dort heraus als eigenständige Methode in der Begleitung von Individuen und Teams entwickelt. Heute grenzt sich Coaching deutlich ab von Beratung, Training, Therapie, dem Mentoring aber auch der Lehre.

Doch was ist Coaching überhaupt?

Als Modewort hat es längst Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch gehalten und kann neudeutsch den Fußballtrainer ebenso wie den Ernährungsberater, den Hundetrainer, die Führungskraft und den zum Mentoren ernannten Partner bezeichnen.

Coaching und die Profession Coach sind in Deutschland nicht geschützt und nur in Teilbereichen reglementiert. Dies ist in unseren Nachbarländern anders. Dass es in Deutschland (noch) keine gesetzliche Regelung gibt, ist vor allem der Verdienst der seit Jahrzehnten bestehenden über 15 Berufsverbänden für Coaches, Trainer, Mentoren, Supervisoren, Psychologen, Speaker und Berater, die alle für sich unterschiedliche Ausbildungs- und Zertifizierungssysteme verfolgen. Der ICF ist dabei der einzige Berufsverband nur für ausgebildete Coaches und auch der einzige internationale Verband.

Der deutsche Markt war durch diese Berufsverbände überreguliert. Diese Vielfalt war für Personalentwickler und Kunden schlicht überfordernd und unübersichtlich. Vor fast zehn Jahren haben sich daher die größten Verbände zum sogenannten Round Table Coaching (RTC) zusammengeschlossen, um Klarheit und Transparenz zu schaffen: das gemeinsame Papier zum Qualitätscoaching und die gemeinsame Ethikrichtlinie stellt nun sicher, dass alle 14.000 professionellen Coaches, die in diesen Verbänden organisiert sind, einheitlichen Qualitätsanforderungen an Ausbildung und geprüfter Nachhaltigkeit durch Zertifizierung unterfallen und sich einem einheitlichen Ethikverständnis hinsichtlich Menschenbild, Vertrauensaufbau und Verschwiegenheit verpflichtet haben.

Der Terminus „Coaching“ bezeichnet einen strukturierten und gelenkten Kommunikationsprozess, in dem der Coach mit bestimmten Techniken, Tools, Methoden und Modellen den Klienten darin unterstützt, schneller, effizienter und tiefgreifender Klarheit über eine ihm wichtige Lebensfrage zu erhalten und in der Umsetzung begleitet.

Eine gute Coachingausbildung ist dabei nicht auf eine einzige Methode oder ein einziges Tool beschränkt, sondern bietet eine (begrenzte) Auswahl zum Erlernen von wirksamen und geprüften Techniken (zirka 50 % der Ausbildung), ein strukturiertes Coaching-Prozessmanagement (weitere 25 %) sowie profundes Verständnis von Qualitätsstandards, Ethik und Regularien (weitere 25 %). Dabei ist ähnlich wie bei dem Erwerb eines Fachanwaltstitels zwischen der geprüften Ausbildung einerseits und dem Erwerb des Fachanwaltstitels, der Zertifizierung, andererseits zu unterscheiden. Erst die Zertifizierung weist den erfahrenen und sich ständig weiterentwickelnden Praktiker aus.

Bislang hat die Rechtsbranche diese professionellen Kommunikationstechniken im Rahmen einer Mediationsausbildung eingekauft, allerdings zum Preis des Mandatsverlustes als Rechtsanwalt.
Doch wie sonst lernt die Rechtsbranche wirksame und nützliche Kommunikationstechniken? Wie lernt die Rechtsberatung laufen?

Dass professionelle Kommunikation etwas anderes als die Vermittlung von Fachwissen ist und dass sie als Jurist absolut notwendig ist, muss nicht mehr diskutiert werden. Die Branche wird vom hohen Konkurrenzdruck, der Digitalisierung und Marktverlust durch Legal Tech ordentlich durchgeschüttelt. Bestehen kann in so einem Markt nur, wer den Kopf nicht in den Sand steckt oder sich in Angstszenarien flüchtet, sondern sich auf seine Ursprungsqualität besinnt: den Faktor Mensch.

Vertrauen, Empathie und Zuversicht sind entscheidend für den Mandanten, ob er einen Anwalt wählt und welchen. Kompetenz und professionelle Kanzleiprozesse werden vorausgesetzt. Fachwissen kann heute überall und jederzeit kostenfrei abgerufen werden.

Eine Ausbildung im Legal Coaching versetzt den Juristen in die Lage, die notwenigen Kommunikationstechniken und das professionelle -management zu erlernen und punktgenau im Rahmen des jeweiligen Mandats anzuwenden, als Sequenz oder als kompletter Prozess, bei der Entwicklung von Strategie und Taktik oder der Umsetzung von Entscheidungen („Changemanagement“).

Legal Coaching lässt Anwälte Anwälte bleiben, sorgt für mehr Nähe zum Mandanten, mehr Verantwortung für das Mandat, mehr Nachhaltigkeit und damit für zufriedenere Mandanten.

Andere Beraterbranchen wie die Unternehmensberater haben das längst erkannt und für sich genutzt. Auch Anwälte beraten heute nicht mehr, sondern coachen ihren Mandanten. Die einen, weil es schick ist, andere, weil sie einen Wochenendkurs in Kommunikation belegt oder ähnliches gelernt haben, Mediation zum Beispiel oder Wirtschaftspsychologie. Richtig ist, dass Kommunikationstechniken – wie sie in der Mediation u. a. vermittelt werden – zirka 50 % einer Coachingausbildung ausmachen. Die andere Hälfte fehlt hingegen, insbesondere die Zertifizierung der praktischen Erfahrung. Diese Kollegen dürften auf einer Stufe stehen mit Absolventen des 1. Staatsexamens, die sich unmittelbar quasi-anwaltlich betätigen.
Kann man so machen. Der Markt wird es bereinigen.

Coaching ist in der Rechtsberatung angekommen. Die Verbindung von juristischem Know-how und Coachingkompetenz ist keine Additionsaufgabe. Beide Bereiche werden sich gegenseitig potenzieren. Damit Rechtsberatung auch morgen noch läuft, ohne ihre Stimme zu verlieren.

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Quelle NJW 30/2018