„Das öffentliche Recht braucht weibliche Talente“

Dr. Barbara Stamm im Gespräch mit Susanne Kleiner

Barbara Stamm aus Bonn ist konsequent ihren Weg als Rechtsanwältin bei Dolde Mayen & Partner gegangen. Sie weiß: Es lohnt sich für angehende Anwältinnen, Vorbehalte zu überwinden - besonders wenn sich junge Kolleginnen scheuen, sich Rechtsgebieten zu öffnen, die als männerdominiert gelten. Einblicke in die Praxis und Impulse für Nachwuchstalente gibt die Spezialistin für Telekommunikationsrecht im Gespräch mit Susanne Kleiner.

Das öffentliche Recht gilt als Männerdomäne. Was sagen Sie dazu?

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Wiesbaden
Öffentliches Recht | Verwaltungsrecht | Zivilrecht

In Rechtsanwaltskanzleien sind im öffentlichen Recht unbestreitbar nach wie vor Männer in der Überzahl. Gerichte oder Behörden beschäftigen deutlich mehr Frauen, allerdings mit Einschränkung: In der Hierarchie ganz oben besetzen immer noch überwiegend die Herren die besten Plätze. Vorsitzende Richterinnen, gar in Teilzeit, sind auch an einem Oberverwaltungsgericht oder dem Bundesverwaltungsgericht noch lange keine Selbstverständlichkeit. Insofern kommt es durchaus vor, dass ich in Besprechungen, Verhandlungen bei der Bundesnetzagentur oder bei Gericht die einzige oder jedenfalls eine unter wenigen Frauen bin.

In der Sache spielt das aber keine Rolle. Meine Erfahrung zeigt: Wer seinen Beruf beherrscht und persönlich überzeugt, wird gehört, gesehen und respektiert. Das gilt für Anwälte und Anwältinnen gleichermaßen.

Wieso haben Sie sich gerade für das öffentliche Recht entschieden?

Das öffentliche Recht hat mir im Studium von Anfang an am meisten Spaß gemacht. Sowohl während meiner Studienzeit in Bayreuth als auch in Regensburg habe ich an öffentlich-rechtlichen Lehrstühlen gearbeitet und den Wissenschaftsbetrieb kennengelernt. Dass ich nach dem ersten Examen meine Doktorarbeit im öffentlichen Recht geschrieben habe, war dann eine Selbstverständlichkeit.

Ich habe mich damals für das Telekommunikationsrecht entschieden, das ein Novum war. Die Verbindung von Recht mit wirtschaftlichen und technischen Fragestellungen fand ich unglaublich spannend, und sie begleitet mich seitdem. Meine Wahlstation führte mich dann zu meinem heutigen Sozius, Herrn Professor Mayen – dort wollte ich bleiben. Ich verwarf die Idee, bei einer Behörde zu arbeiten, bin Rechtsanwältin geworden und bis heute glücklich mit meiner Entscheidung.

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Öffentliches Recht | Verwaltungsrecht

Wie sind Sie mit Kommilitonen umgegangen und umgekehrt? Und wie erleben Sie das Miteinander im Kanzleialltag heute?

In der Ausbildung hatte ich nie das Gefühl, meine Kommilitonen hätten mir irgendetwas voraus. Also bin ich selbstbewusst in den Beruf gestartet. Ich hatte das Glück, in Herrn Mayen einen Mentor zu haben, der mich bestärkt und gefördert hat. Ich gebe zu: Der Berufseinstieg hat mich gefordert, plötzlich fand ich mich in einem Kreis erfahrener Profis wieder. Und ich habe enorm viel gelernt. Wichtig ist: Damals wie heute gilt mein und unser Fokus der konstruktiven inhaltlichen Diskussion. Schwarz-Weiß-Denken oder ein sonstiges Gegeneinander erlebe ich im Alltag nicht.

Aktuell sind wir fünfzehn Berufsträger in Bonn und Stuttgart – vier davon sind Frauen – und pflegen eine kooperative Teamkultur. Allerdings sind in der Branche Phänomene zu beobachten, die mich durchaus wundern.

Was versetzt Sie in Staunen?

Ich engagiere mich ehrenamtlich im Präsidium und Vorstand der Rechtsanwaltskammer Köln. Von achtzehn Kandidaten war ich im letzten Jahr die einzige Anwältin, die sich zur Wahl gestellt hat. Warum ist das so? Schließlich ist das Verhältnis der Juraabsolventinnen und -absolventen fünfzig zu fünfzig. Auch bei Fortbildungen stehen mehr Männer als Referenten auf der Bühne. Und: Wortmeldungen kommen ganz überwiegend von Herren. Mir scheint, dass viele Anwältinnen sich nicht so selbstbewusst präsentieren, wie es ihren Kompetenzen und Persönlichkeiten gebühren würde.

Wie nehmen Sie den Berufsnachwuchs wahr?

Ich bin immer wieder auf Jobmessen, um mit jungen Menschen zu sprechen. Heute formulieren potenzielle Bewerberinnen überaus selbstverständlich, dass und wie sie Beruf und Familie vereinbaren wollen. Sie klären direkt, ob Teilzeit funktioniert. Es ist wichtig und gut, sich über persönliche Ziele im Klaren zu sein. Werte wie Familie, Freizeit und Gesundheit sind unbedingt ernst zu nehmen. Was mir auffällt: Bisher hat kein einziger Mann das Thema Teilzeit angesprochen. Kindererziehung gilt offenbar immer noch als Frauensache. Schade ist, dass immer mehr Juristinnen absolute Ausschlusskriterien definieren. So klammern begabte Kräfte von vornherein gute Karrierewege aus.

Ich vermisse den Mut, sich beherzt ins Berufsleben zu stürzen. Ich wünsche mir Vertrauen, dem Lauf der Zeit und dem Arbeitgeber die Chance zu geben, mit den Entwicklungen mitzuwachsen. Wir betreuen Verfahren, die einen hundertprozentigen Start und eine intensive Einarbeitung erfordern. Entscheiden sich Teammitglieder im Laufe der Zeit für Familie, gestalten wir flexibel individuelle Modelle. Auch das nehmen wir als unsere Verantwortung an. So arbeitet eine Kollegin mit zwei Kindern nun schon viele Jahre in ihrem eigenen Dezernat konsequent und erfolgreich in Teilzeit.

Was empfehlen Sie jungen Anwältinnen?

Ich empfehle, Hilfe anzunehmen. Das kann bedeuten, auf Mentorinnen zuzugehen. Ich habe im vergangenen Jahr beim Career-Family-Coaching-Programm der Uni Köln eine junge Mutter und Doktorandin betreut. Ihr Ziel war es, die Dissertation voranzubringen und sich gut zu organisieren. Dabei kamen auch Denkmuster ans Licht, die sie blockierten. Über innere Stärke und Klarheit haben wir gesprochen und darüber, wie wichtig es ist, Nein zu sagen; wie entscheidend es ist, Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen.

Grundsätzlich rate ich jungen Frauen, selbstbewusst zu ihren Stärken zu stehen. Ich lege es ihnen ans Herz, nicht a priori auszuschließen, als Partnerin unternehmerische Verantwortung zu tragen. Nur so kann die neue Generation Frau zukunftsfähige Jobmodelle einfordern. Und so ermutigen anspruchsvolle Kolleginnen Arbeitgeber, praktikable und realistische Lösungen zu entwickeln. Klar ist: Das öffentliche Recht braucht weibliche Talente: als Wissensträgerinnen, Expertinnen und als starke Kommunikatorinnen. Dieses Beratungsfeld ist topaktuell, zu vielfältig und aussichtsreich, um berufliche Chancen ungenutzt zu lassen.

Über die Interviewpartnerinnen:

Susanne Kleiner
Kommunikationsexpertin, Autorin,
Texterin, Trainerin (dvct) und Coach (dvct)
in Freiburg im Breisgau

www.susanne-kleiner.de

Dr. Barbara Stamm
Rechtsanwältin, Fachanwältin für
Verwaltungsrecht und Partnerin bei
Dolde Mayen & Partner in Bonn

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Quelle JuS 4/2020