Von Monitor zu Monitor: Virtuell führen und Nähe kommunizieren

Sandra Dundler im Interview mit Susanne Kleiner

Seit Corona sind Online-Meetings Alltag. Wer im Home-Office sitzt, arbeitet ganz selbstverständlich von Monitor zu Monitor mit Kollegen und Mandanten zusammen. Sandra Dundler befasst sich schon seit zehn Jahren mit Kommunikation und Führung auf Distanz. Die Krise, sagt die Live-Online-Trainerin und Expertin für E-Learning, offenbart Chancen für eine zukunftsweisende Arbeitswelt. Im Interview mit Susanne Kleiner berichtet die begeisterte Online-Akteurin, was das für Kanzleien bedeuten kann. Vorausgesetzt, sie lassen sich darauf ein. 

Sie beschäftigen sich seit zehn Jahren mit digitalen Arbeitsformen. Wie blicken Sie auf die Arbeitswelt seit Corona?

Viele Unternehmen setzen sich längst mit Digitalisierung auseinander und optimieren ihre Prozesse. Dennoch gehört es in vielen Anwaltskanzleien noch zum guten Ton, im Büro anwesend zu sein. Nun heißt es: umdenken. Ich selbst bin vor zehn Jahren als junge Mutter und Führungskraft in Teilzeit bei einem Mittelständler in die Heimarbeit gestartet. Und es hat funktioniert. Für mich ist mobile Arbeit Normalität. Dass nun plötzlich in der Breite vieles möglich ist, was bislang undenkbar war, freut mich natürlich. Die virtuelle Zusammenarbeit bekommt Auftrieb. Ich beobachte auch: Corona rückt den Wert guter Führung ins Zentrum, speziell die Führung auf Distanz.

Wie schaffen es Vorgesetzte, das Team zusammenzuhalten?

Führungskräfte der Zukunft sind gute Zuhörer. Sie verstehen die Sorgen und Nöte ihrer Kollegen und sind ehrlich an deren persönlichen Situationen interessiert. Und sie unterstützen Teams dabei, deren Arbeit und Projekte zu strukturieren, damit sie ihre Ziele erreichen. Dabei gilt: Eine positive Grundstimmung stärkt das Wir-Gefühl. Versierte Kräfte wissen: Nur wer Kontrolle abgibt und bereit ist loszulassen, behält die Fäden in der Hand. Viele Führungskräfte aus der „alten Welt“ tun sich schwer damit und müssen ihre neue Rolle noch finden.

Wie schaffen es erfahrene Anwältinnen und Anwälte, das Onboarding junger Kollegen virtuell zu gestalten und gute Mentoren zu sein?

Es ist wichtig, Kontakt zu halten. Und es ist entscheidend, die Neuen via Web-Konferenz ins Team zu integrieren. Denn das Wir-Gefühl leidet, wenn jeder in den eigenen vier Wänden sitzt. Die jungen Kollegen sind in die Prozesse einzubinden. Es geht darum, sie zu begleiten und schrittweise Verantwortung zu übertragen. Technikaffine Kollegen nutzen dabei Projektmanagement-Tools. Beispiele sind: Software-Applikationen, die es ermöglichen, parallel an Themen und Dokumenten zu arbeiten. Mentoren von heute kommunizieren schnell via Videokonferenz und Application Sharing. Bewährt haben sich auch Konferenz-Lösungen wie MS Teams – übrigens nicht nur intern.

Welche Perspektiven sehen Sie für die Kommunikation mit Mandanten in der Zukunft?

Mehr und mehr Kunden sehen in der analogen Kommunikation einen unerwünschten Zeit- und Kostenfaktor. Besonders Geschäftskunden fordern bereits digitale Kommunikationswege ein. Immer mehr Unternehmen sind nicht mehr bereit, Aktenmappen per Post oder Boten zu transportieren. Aus gutem Grund sind sichere E-Mail-Programme inzwischen Standard.

Gleichzeitig sind das persönliche Gespräch und die menschliche Begegnung elementar für ein langfristiges und gutes Miteinander. Gut ist, man lernt sich zu Beginn persönlich kennen und wickelt alles Weitere virtuell ab. Natürlich treffen sich Geschäftspartner im Verlauf der Zusammenarbeit auch vor Ort, doch sicher nicht so oft wie früher. Welcher Personaler hat denn schon Zeit, sich stundenlang mit dem Anwalt für Arbeitsrecht von Angesicht zu Angesicht abzustimmen?

Kann eine gute Geschäftsbeziehung überhaupt wachsen, wenn die persönliche Begegnung und der Händedruck fehlen?

Ich bin immer wieder fasziniert, wie gut Menschen miteinander arbeiten, wenn sie nicht physisch beieinander sind. Klar, Vertrauen entsteht leichter, wenn man sich persönlich in die Augen schaut und wenn es gelingt, Juristisches kompetent und verständlich zu vermitteln. Es ist bestimmt auch von der Art der Aufgabe und dem Wunsch des Mandanten abhängig, ob es sinnvoll ist, überwiegend medial zu beraten. Einigen langjährigen Geschäftspartnern bin ich zunächst digital begegnet. Ein bis zwei Jahre lang waren wir ausschließlich online aktiv, bevor wir uns persönlich getroffen haben. Es ist tatsächlich so, dass mir für den so wichtigen ersten Eindruck meistens die Videokamera ausreicht.

Was können Anwälte dafür tun, um auf Distanz gute Geschäftsbeziehungen aufzubauen?

Ganz einfach: sich einlassen! Ich unterscheide zwischen der gefühlten und der physischen Distanz. Ich kann auch eine kühle Distanz wahrnehmen, wenn mir jemand persönlich gegenübersitzt. Online wie offline gilt: Machtpositionen und inszenierte Überlegenheit vergiften gute Beziehungen. Wer mit seinen Kontakten wertschätzend und respektvoll umgeht, nährt ein gutes Miteinander. Und wenn es Berater virtuell schaffen, Vertrauen aufzubauen, verliert die räumliche Entfernung das Trennende. Augenhöhe, ein paar persönliche Worte und Raum für Menschlichkeit verbinden. Es lohnt sich also, Neues auszuprobieren und digitale Arbeitsweisen im Kanzleialltag zu verankern – und damit auch die Arbeitgebermarke zu stärken.

Über die Interviewpartnerinnen:

Susanne Kleiner
Kommunikationsexpertin, Autorin,
Texterin, Trainerin (dvct) und Coach (dvct)
in Freiburg im Breisgau

www.susanne-kleiner.de

Sandra Dundler
Beraterin, Trainerin (dvct), Coach (dvct), Autorin,
Organisationsentwicklerin und Expertin für
E-Learning und -Coaching aus Burgau bei Augsburg

www.a-step-ahead.de

 

Quelle BECK Stellenmarkt 11/2020 (online-Vorabveröffentlichung)