Mediation: Auch für Rechtsanwälte mehr als nur eine Alternative?

von Tina Heil, LL.B. Wirtschaftsrecht, freie Autorin und zertifizierte Wirtschaftsmediatorin (DMA)

Gerichtsprozesse sind teuer, sehr zeitintensiv und bergen ein gewisses Risiko. Und sie führen selbst bei positivem Ausgang nicht immer zu einem befriedigenden Ergebnis. Die Mediation ist deswegen als außergerichtliches Verfahren oft eine echte Alternative zum Gerichtsverfahren, die es ermöglicht, aus einem Konflikt im Idealfall eine win-win-Situation zu machen.

Und auch die Wahrnehmung und Bedeutung der Mediation hat sich deutlich gewandelt: Die Vorteile der Mediation werden inzwischen auch im wirtschaftlichen Kontext bewusster wahrgenommen, weshalb auch der Bedarf an qualifizierten Mediatoren bzw. Wirtschaftsmediatoren steigt.

Deswegen stellt sich für viele Juristen – gerade für solche, die konstruktive Lösungen offenem Streit vorziehen – also die Frage: Lohnt sich die Ausbildung zum Mediator oder zur Mediatorin auch für Rechtsanwälte?

Rechtlicher Rahmen der Mediationsausbildung

Obwohl das Mediationsverfahren und seine Anfänge bis in die Antike zurückreichen, erfolgte die erste Kodifikation in Form von verbindlichen Regeln erst in den letzten Jahren. Die erste Regelung war 2004 der European Code of Conduct, allerdings nicht als verbindliches Recht, sondern nur als freiwilliger Verhaltenscodex für Mediatoren. Seine Inhalte waren später aber maßgeblich für die Vorschriften der Mediationsrichtlinie und des deutschen Mediationsgesetzes (MediationsG).

Die Ausbildung zum Mediator oder zur Mediatorin

An die Aus- und Weiterbildung von Mediatoren stellt das Mediationsgesetz, das seit 2012 gilt, keine besonderen Anforderungen. „Zertifizierter Mediator“ oder „zertifizierte Mediatorin“ darf sich aber dennoch nur nennen, wer eine bestimmte Ausbildung absolviert hat. Art, Inhalt und Umfang der zertifizierten Mediationsausbildung sollte die Verordnung über die Aus- und Fortbildung von zertifizierten Mediatoren (ZMediatAusbV) festlegen, die allerdings bis heute nicht existiert.

Einheitliche Standards gibt es weder für die Ausbildung selbst noch für die Ausbilder. Deshalb wird die Mediationsausbildung derzeit von vielen unterschiedlichen Anbietern angeboten. Es gibt sowohl Hochschulen als auch spezielle Mediationsakademien und etliche private Unternehmen, bei denen man eine Ausbildung zum Mediator oder zur Mediatorin machen kann. Man kann deshalb kaum allgemein gültige Aussagen zu den Rahmenbedingungen und Anbietern einer Mediationsausbildung treffen.

Klar ist aber, dass die Mediationsausbildung oft in Form eines Fernlehrgangs angeboten wird, was die Ausbildung zum Mediator auch neben dem eigentlichen Beruf und in kleineren Städten erleichtert. Die Fortbildung setzt sich dabei meist aus theoretischen und praktischen Komponenten zusammen und umfasst in der Regel circa 120 Stunden.

Inhalte einer Mediationsausbildung

Die Inhalte der Mediationsausbildung variieren deshalb auch von Ausbildungsstätte zu Ausbildungsstätte. Insgesamt beziehen sich die Inhalte der Mediationsausbildung nicht nur auf die praktische Tätigkeit als Mediator/in. Vielmehr ergänzt die tiefergehende, theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff „Konflikt“, mit unterschiedlichen Konflikthandhabungsstilen, Kommunikationsmodellen und Verhandlungstechniken, mit der Bedeutung und mit dem Umgang mit Emotionen sowie dem Harvard-Konzept den ganz individuellen Werkzeugkoffer angehender Mediatoren.

Die Mediationsausbildung ist deshalb nicht nur eine Ausbildung zur Ausübung des Mediatorberufs, sondern zeitgleich eine Weiterbildung auf dem Gebiet der eigenen soft skills.

Aufgabe des Mediators

Die Kernkompetenz und wichtigste Funktion des Mediators besteht darin, Medianten auf einen Weg zu bringen, auf dem sie sich nicht mehr als Kontrahenten unterschiedlicher Positionen gegenüberstehen, sondern als Team zur Umsetzung ihrer verschiedenen Interessen zusammenarbeiten.

Während die inhaltliche Verantwortung dabei vollständig bei den Medianten liegt, ist der Mediator zuständig für die Strukturierung des Verfahrens und dafür, Gespräche als eine Art Moderator in eine bestimmte Richtung zu lenken. Diese Aufgaben sind bei allen Konfliktarten grundsätzlich gleich und müssen immer an den individuellen Konflikt angepasst werden. Deswegen ermöglicht bereits die Grundausbildung zum Mediator die Durchführung von Mediationen auf allen Gebieten.

Zahlreiche Möglichkeiten zur Weiterbildung und Spezialisierung

Um den Blick des Mediators für typische Schwierigkeiten in einzelnen Fachgebieten zu schärfen und seinen „Methodenkoffer“ auszubauen, gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten, sich weiterzubilden und zu spezialisieren. Die Angebotspalette ist hier enorm groß: Sie reicht von Weiterbildungen für Kreativtechniken oder Coaching in der Mediation über besondere Fachgebiete wie die Wirtschaftsmediation, die Familienmediation und Baumediation bis hin zu Cross-Border-Mediationen im internationalen Feld, den Täter-Opfer-Ausgleich im strafrechtlichen Gebiet oder hochstrittigen Verfahren.

Fazit

Die Mediation gewinnt unter anderem durch die fortschreitende Globalisierung immer mehr an Bedeutung. Außerdem öffnet die Mediationsausbildung als zusätzliche Qualifikation für jeden Rechtsanwalt vor allem beruflich viele Türen, weil bereits die Ausbildung das Blickfeld für kreative Ideen und unterschiedliche Ansätze erweitert, um neue Lösungswege in Rechtsstreitigkeiten einschlagen zu können. Weil sie den anwaltlichen Horizont vergrößert und weil Mediationsverfahren eine zusätzliche Einnahmequelle sind, lohnt es sich für Anwälte, in diese Zusatzqualifikation zu investieren.

Foto oben: Hanna/stock.adobe.com

Quelle BECK Stellenmarkt 19/2015