Homeoffice: Die einen lieben’s, die anderen hassen’s – Teil 1

von Ghazzal Novid

Manche finden Homeoffice ganz toll, andere verzweifeln an der derzeitigen Mehrfachbelastung durch teilweisen Schul- und Kita-Ausfall. Dieser Beitrag entwickelt im ersten Teil eine kurze Geschichte der Lohnarbeit von zuhause aus und versucht, Hilfestellung dafür zu vermitteln, im zwangsläufigen Homeoffice Arbeit und Leben nicht unfreiwillig miteinander zu vermengen.
Im zweiten Teil darf sich der Leser oder die Leserin einige weitere Tipps zu Gemüte führen. Vielleicht können auch Homeoffice-Liebhaber ihre Lage optimieren. Mit anderen Worten: So kommen Sie gut durch die Krise!

Was ist Heimarbeit?

Der früher geläufige Begriff der Heimarbeit ist zumindest semantisch der Vorgänger des Homeoffice, wenngleich es Unterschiede im jeweiligen Konzept gibt. Dabei sind beide Arten der unselbstständigen Erwerbstätigkeit vom privaten Zuhause aus Spiegel der jeweiligen Zeit und der Art und Weise des Wirtschaftens vor ihrem zeitgeschichtlichen Hintergrund.

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Die Heimarbeit ist mehrere Jahrhunderte alt. Besonders Frauen haben im 19. Jh. Heimarbeit ausgeführt, oft mithilfe von weiteren Familienangehörigen (auch Kindern). Sie stellten Textilgüter, Kurzwaren, Streichhölzer und viele andere Dinge her, die in großer Stückzahl gebraucht wurden. Es war eine einfache handwerklich-repetitive Tätigkeit, vergleichbar mit Akkordarbeit.

Vor der Industrialisierung und der Globalisierung waren Heimarbeiterinnen sozusagen die Fabriken der Kapitalisten. So waren sie schon immer ausbeutungsgefährdet. Bis in das 20. Jh. hinein herrschte unter Heimarbeiterinnen großes soziales Elend, denn die Löhne waren gering, die Arbeit hart und für die Arbeitszeit würde angesichts von Überstundenzuschlägen so manch eine Facharbeiterin heutzutage ein sechsstelliges Jahresgehalt erhalten.  Gleichzeitig war die Heimarbeit eine unverzichtbare Einkommensquelle.

Mithilfe von Streiks haben die Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter Anfang des 20. Jh. erste Verbesserungen durchsetzen können. Im Unrecht des Nationalsozialismus wurde 1934 das erste Gesetz über die Heimarbeit erlassen, das Schutzvorschriften hinsichtlich der Arbeitszeit bzw. des Arbeitsentgelts enthielt. Der Grund: Heimarbeiter sollten als Teil der beschworenen „Volksgemeinschaft“ Hilfsmittel für den Krieg herstellen. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges schwächte sich die Bedeutung von Heimarbeit indes ab.

(Kein) Voller Arbeitnehmerschutz

Heutzutage werden die Nordseekrabben schließlich auch nicht mehr im deutschen Fischerort gepuhlt, sondern in chinesischen Fabriken. So wandelt sich die Form der Heimarbeit und die Nachfrage sinkt sowohl kosten- als auch kulturbedingt.

In seiner heutigen Fassung wurde das Heimarbeitsgesetz (HAG) seit 1974 nur geringfügig geändert. Heimarbeit im Sinne des Heimarbeitsgesetzes kann in Form eines Dienstvertrages oder Werkvertrages in einer frei gewählten Arbeitsstätte erfolgen, aber nicht mittels Arbeitsvertrag. Heimarbeiter unterliegen deshalb nicht einem Weisungsrecht des Arbeitgebers. Ihre Arbeitszeit können sie in Länge und Lage selbst bestimmen. Das originäre Arbeitsrecht sei einerseits auf Heimarbeit nicht anwendbar, weil persönliche Abhängigkeit fehle.

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Da der Heimarbeiter zumindest aber wirtschaftlich von ihrer Auftraggeberin abhängig ist, gelte andererseits eine „großzügige“ Anwendung arbeitsrechtlicher Grundsätze. Die Produktionsmittel werden übrigens in aller Regel vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellt. Dieser erwirbt das Eigentum an der hergestellten Sache und vertreibt diese. Im Übrigen werden von einer immer geringeren Gesamtzahl an Heimarbeitern lediglich kleinere Dienstleistungen und andere Arbeiten erbracht.

Stilles Kämmerlein kann aufs Gemüt schlagen

Homeoffice (Teleheimarbeit, Mobilarbeit) indes ist im Grunde nur die Verlegung des Arbeitsortes in den privaten Bereich des Arbeitnehmers und unterliegt damit originär dem Arbeitsrecht. Es tauchen hier zwar rechtliche Fragestellungen auf, die inmitten der Coronakrise wenig Beachtung fanden (etwa Datenschutz, Arbeitsschutz, Ausstattung mit Arbeitsmitteln). Viel bedeutender ist jedoch die persönliche Handhabung der neuen Arbeits- und Lebenssituation in Zeiten der Pandemie.

Wichtig ist, dass eine Struktur des Alltags strikt beibehalten wird. Auch wenn die Arbeit zeitweilig stillsteht, verlangt Homeoffice ein Mehr an Disziplin, um das eigene mindset in der Krise nicht zu verlieren. Denn die Krise kann schnell auf unsere psychische und sonstige körperliche Gesundheit umschlagen.

Der Wegfall von sozialen Kontakten, sozialer Interaktion, die uns Menschen motiviert und eine Rückmeldung über das eigene Verhalten gibt, wirkt sich oft schleichend aus. Setzen Sie also Arbeitszeitlagen fest und widerstehen Sie der Versuchung der Flexibilität. Klar ist es hilfreich, in Ruhe zu arbeiten, sobald die Kinder eingeschlafen sind und besonders Alleinerziehende können sich nicht auf das Teilen der Kinderbetreuungszeit mit einem Partner verlassen.

Ihnen sei nur geraten, dass sie sich Rat und nach Möglichkeit Hilfe holen und vor allem mit ihrem Arbeitgeber oder ihrer Vorgesetzten sprechen und ihr laufend die Lage erklären. In diesen Zeiten sind Toleranz und Verständnis die Gebote der Stunde. Fordern Sie dies ein!

Über den Autor:

Ghazzal Novid
derzeit Wissenschaftlicher Mitarbeiter
an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät
der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Quelle BECK Stellenmarkt 16/2020 (online-Vorabveröffentlichung)