Damit auch nach Corona das, was lange undenkbar war, Realität werden kann

Corona dominiert die Agenda. Am Tag X will so etwas Ähnliches wie Normalität Einzug halten. Doch unser Leben wird nicht mehr so sein wie vorher. Der Shutdown hat die Menschen geprägt, das Virus unser Denken verändert. Auch diese Krise ist eine Chance, meint Susanne Kleiner, Coach und Trainerin. Denn wer innehält, kann Wesentliches verstehen und besonders in diesen Zeiten persönlich wachsen. Eine Standortbestimmung mit Einladung zur Selbstreflexion.

Corona ist passiert, einfach so, und hat uns vollkommen überrascht. Was undenkbar war, wurde Realität: Flughäfen schließen. Produktionen stehen still und Kurzarbeit hält vielerorts Einzug. „Wir bleiben zuhause“ avanciert zum globalen Bekenntnis. Selbstisolation symbolisiert Gemeinsinn. Sicherheitsabstand ist die neue Nähe.

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Manche Mitarbeiter und Führungskräfte arbeiten zum ersten Mal von zuhause aus. Viele vermissen ihre eigenen vier Wände als Schutzraum für ihre Privatsphäre. Und wieder andere müssen sich am Küchentisch einrichten, weil der Arbeitsplatz fehlt – oder vom Partner beschlagnahmt ist. Das „soziale Grunzen“, der Plausch am Kaffeeautomaten im Büro fällt weg. Manchen schlägt das auf den Magen. Und Ängste verunsichern: Bleiben wir gesund? Wie steht es um die Finanzen, den Job? Wie organisiere ich den Alltag? Und wer Kinder hat, ist doppelt oder dreifach belastet.

Erleichterung im Ausnahmezustand

Schon früh werden Stimmen laut, die den Exit fordern. Die Wirtschaft braucht Normalität. Und auch der Mensch wünscht sich sein selbstbestimmtes Leben zurück, die Freiheit eben, die wir kennen und lieben.

Gleichzeitig scheint die Bereitschaft groß zu sein, sich einzuschränken. Die Mission, Ältere und Risikogruppen zu schützen und Nachbarschaftshilfe neu zu denken, ist Allgemeingut. Beeindruckend ist: Der Himmel zeigt sich blauer als sonst. Die Vögel zwitschern lauter und fröhlicher. Wald und Natur sind beliebt wie nie. Und Kinder dürfen endlich wieder Kinder sein: im Garten spielen, ohne von der Klavierstunde zum Tennisunterricht oder dem Englischkurs zu hetzen und den elterlichen Fahrdienst zu beanspruchen.

Und Nachrichten über Terroranschläge? Es gibt sie nicht mehr, so scheint es. Ja, Erleichterung ist spürbar: „Gut, dass das Hamsterrad endlich stillsteht“, „Schneller, höher, weiter – irgendwann geht das nicht mehr“, „Der Konsumwahnsinn muss ein Ende nehmen“, „Gesundes Essen, regionale Produkte, sauberes, fließendes Wasser, Kleidung und ein Dach über dem Kopf genügen“, „Und ja, es tut gut, zuhause zu bleiben“, „Schluss mit Reisen, verpflichtenden Verabredungen und gegenseitigen Einladungen“. Corona heißt also auch: Die Pausetaste drücken und durchatmen.

Ängste und Sorgen halten keinen Abstand

Und dann gibt es Menschen, die Stress haben, weil sie mit sich selbst konfrontiert sind. Klar ist jetzt: Weglaufen und Ablenken ist keine Option. Wenn das -zigte Webinar gesehen, der x-te Podcast gehört und die soundsovielte Online-Fitnessstunde durchgehüpft ist, ist es dann auch gut.

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Und was kommt jetzt? Es lohnt sich nachzuspüren und anzunehmen: Es kommt die Zeit, sich selbst zu begegnen. Ohne Ablenkung. Ohne Programm. Leise sein. Still werden. Zur Ruhe kommen. Die Stille annehmen und sich selbst tief im Inneren lauschen. So gehen Menschen in Kontakt mit sich selbst. So sensibilisieren sie sich für die eigenen Bedürfnisse. Und sie spüren kleine Freuden auf, Highlights im Rückzug, die sie gerade jetzt erleben, Glanzlichter wie: die Freiheit, sich die Arbeitszeit flexibel einzuteilen. Die Muße, Kochbücher zu wälzen und Rezepte auszuprobieren. Die Zeit für Yoga am Morgen oder eine Joggingrunde, weil das Pendeln wegfällt. Zu realisieren, wie wenig wir brauchen, um gut leben zu können.

Innehalten, sich öffnen und sinnvoll weitergehen

Jede und jeder tut gut daran, sich bewusst Zeit zu nehmen: zum Hinhören und zum Hinschauen. Es geht darum wahrzunehmen, welche Ängste, Stärken, Fragen, Erkenntnisse und Visionen sich auftun. So hält die Krise Chancen bereit. Damit Menschen sich neu kennenlernen und über sich hinauswachsen. Und damit sie sich im Job und privat mehr und mehr treu bleiben; damit sie Impulsgeber sind; Botschafter für neue Werte wie Nachhaltigkeit, Jobflexibilität, Regionalität, Innovation oder Freiheit. Damit Sie vorleben, was die Ideale Vertrauen, Wissen teilen, Gemeinwohl, Gemeinschaft oder Gesundheit bedeuten. Und damit Einfachheit und Dankbarkeit genauso Raum greifen wie eine offene Kommunikation, gegenseitige Unterstützung und lebenslanges Lernen.

Die Zeit ist überreif, sich selbst zu reflektieren und zu fragen: „Was habe ich aus der Krise gelernt?“, „Was habe ich entdeckt oder hinter mir gelassen?“, „Was habe ich vermisst?“, „Was habe ich liebgewonnen und möchte es beibehalten?“, „Was ist mir wichtiger denn je?“, „Wovor habe ich Angst?“, „Woran glaube ich?“, „Wie will ich mich einbringen?“, „Was wünsche ich mir von meinem Arbeitgeber oder meinem sozialen Umfeld?“.

Wer Ja sagt zu den Antworten, trägt wesentlich dazu bei, dass wir erleben: Die Krise ist eine reelle Chance. Damit auch nach Corona das, was lange undenkbar war, Realität werden kann.

Über die Autorin:

Susanne Kleiner
Kommunikationsexpertin, Autorin,
Texterin, Trainerin (dvct) und Coach (dvct)
in Freiburg im Breisgau

www.susanne-kleiner.de

von Susanne Kleiner
Quelle BECK Stellenmarkt 14/2020 (online-Vorabveröffentlichung)