Auslandssemester oder Auslandsjahr – die vielleicht beste Zeit eures Studiums

von Karolin Borcherding

Die üblichen Vorteile des Auslandsstudiums – so toll für den Lebenslauf, Sprachkenntnisse verbessern, neue Kulturen kennenlernen, alle Arbeitgeber wollen heutzutage Auslandserfahrung sehen usw. – sind wohl allen Studierenden aus Infoveranstaltungen, Flyern und der Werbung von Austauschprogrammen hinreichend bekannt.

Gerade in Jura ist aber der Reflex häufig die Frage, ob das denn überhaupt etwas bringt, man würde schließlich im Ausland kein deutsches Recht und somit keinen examensrelevanten Stoff lernen, und was nicht examensrelevant ist, sei doch auch den Zeitaufwand nicht wert?

Nach einem Jahr am Trinity College Dublin kann ich dem nur entschieden widersprechen. Ganz davon abgesehen, dass zumindest an europäischen Universitäten auch Europarecht (examensrelevant!) gelehrt wird, ist das Auslandsstudium persönlich wie fachlich unschätzbar wertvoll und ich kann es nur empfehlen. Sich ein bis zwei Semester mit einem fremden Rechtssystem zu beschäftigen, fördert das systematische und strukturelle Verständnis des eigenen Rechtssystems außerordentlich.

Im deutschen Jurastudium bleibt das rechtsvergleichende Lernen naturgemäß auf der Strecke, sodass der eigene juristische Horizont durch einen Auslandsaufenthalt maßgeblich erweitert wird. Zu lernen und zu verstehen, von welchen Werten die Verfassung eines anderen Landes geprägt ist, welche Richtungsentscheidungen dem Handels- oder Erbrecht zugrunde liegen oder wie europäische Vorgaben umgesetzt werden können, wenn jede Verfassungsänderung eines Referendums bedarf, ist nicht nur spannend, sondern sorgt auch für ein vertieftes Verständnis von Recht und Gesellschaft.

Und natürlich stimmt es tatsächlich, dass sich die eigenen Sprachkenntnisse deutlich verbessern. Auch die soziale Erfahrung des Auslandsstudiums ist den Aufwand definitiv wert. Der Kontrast von einer weitgehend anonymen Massenuniversität wie etwa München zu einer vergleichsweise kleinen law school in Irland (insgesamt ca. 500 Jurastudierende) ist natürlich extrem, aber das soziale Leben auf dem Campus war eine (sehr positive) Überraschung.

Fast jeden Tag veranstaltet eine der insgesamt über 150 student societies ein Event, wobei die Spannweite von Crêpe-Verköstigungen über mock trials, Wanderausflüge und einem Vortrag des ehemaligen Generalstaatsanwalts des IStGH bis hin zu diversen Bällen reicht. Die Mitgliedschaft in societies ist auch gleichzeitig eine gute Möglichkeit, aus der »Erasmus-Bubble« herauszukommen und irische Studierende kennenzulernen. Dadurch ist man auch direkt in das Sozialleben im College und in der Stadt eingebunden, was den Start in die neue Stadt viel einfacher macht. Gerade Dublin ist natürlich für sein Nachtleben bzw. die Iren sind für ihren offenen Charakter bekannt und sie werden ihrem Ruf auch wirklich gerecht.

Selbst wer also nur sekundär an der juristischen Weiterbildung Interesse hat, wird hier auf seine Kosten kommen. Generell sollte man nicht den Fehler machen, während der Zeit im Ausland nur auf dem Campus bzw. in der Unibibliothek zu versauern – es lohnt sich, auch mal die Stadt zu verlassen und das neue Land zu erkunden.

Abschließend bleibt mir nur zu sagen: Wenn ihr die Möglichkeit habt, ein oder zwei Semester im Ausland zu verbringen (macht, wenn möglich, zwei, das erste ist schneller vorbei, als man denkt), nutzt die Gelegenheit! Erkundigt euch bei den zuständigen Stellen an eurer Fakultät, unter welchen Voraussetzungen ihr in welche Städte gehen könnt, bewerbt euch und habt dann – Achtung, Werbeformulierung, aber wahr – die vielleicht beste Zeit eures Studiums.

 

Über die Autorin:
Karolin Borcherding
Jurastudentin an der LMU

 

Quelle Beck´scher Studienführer 2020/2021