Brauchen Juristen Fremdsprachenkenntnisse?

von Giulia Antonelli, freie Journalistin

Eine Sprache, ein Code, ein Ziel. Der italienische Mandant sitzt im Wartebereich der Kanzlei: Miete zu spät bezahlt. Er hatte versucht, dem Vermieter seine Gründe zu erklären, aber ohne Erfolg. Rechtsanwalt Stefan Schmidt wurde ihm von einem guten Bekannten empfohlen. „Er versteht uns“. Im Mandantenverhältnis ist eine zielorientierte Verständigung das Wichtigste. Dabei schafft Sprache die Grundlage für ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Jurist und Mandant. In einer multikulturellen Gesellschaft wie in Deutschland ist Deutsch zwar Amtssprache, aber Behörden haben Merkblätter und Ausfüllanleitungen in zahlreichen Sprachen vorliegen. Wenn also staatliche Einrichtungen die Notwendigkeit erkannt haben, in verschiedenen Sprachen zu kommunizieren, dann darf in der Privatwirtschaft der Anspruch nicht geringer sein, diesen potentiellen Kunden-/Mandantenkreis zu erreichen.

„Prego, si accomodi“, sagt der Rechtsanwalt. Der Klang der vertrauten Sprache macht den Mandanten mutiger. Er betritt den Raum und fängt zu reden an. Der Rechtsanwalt ist nicht auf Mietrecht spezialisiert, aber er spricht Italienisch. Und das reicht unserem Mandanten. Sprache ist de facto Vertrauen. Und Vertrauen ist Geld. „Mehrsprachigkeit ist ein Pluspunkt in der Karriere. Man kann einen größeren Kundenkreis bedienen und wird kompetitiver auf dem Markt“, betont Schmidt. Von seiner italienischen Mutter hat er von klein auf Italienisch gelernt und so bietet er Beratung auf Deutsch, Englisch und natürlich auf Italienisch an. Viele seiner Mandanten sprechen immer noch den Dialekt aus der Herkunftsregion oder vermischen die Muttersprache mit der deutschen Sprache. In einigen Fällen können sie sich nur so vor Behörden oder vor Gericht erklären. Besonders in Fällen, in denen das Gegenüber gar nicht weiß, dass der Betroffene der deutschen Sprache nicht mächtig ist, ist die Kenntnis einer Fremdsprache eines der wichtigsten Auswahlkriterien des Anwalts für den Mandanten. Dies macht den Unterschied und schlägt sich auch in den Honoraren nieder, denn damit wird die rechtliche Angelegenheit umfangreicher und schwieriger. Das gilt auch für das Gehalt, wenn die Juristin oder der Jurist sich bei einem Arbeitgeber bewirbt, der international tätig ist. Im Beratungs- und Rechtsverkehr der Privatwirtschaft darf man sich nicht vor dieser Tatsache verschließen. In einem immer stärker globalisierten Markt ist Sprache die Basis, auf der Kompetenz vermittelt werden kann.

Auf der Internetseite der juristischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) wird für sprachlich interessierte Jurastudierende eine fachspezifische Fremdsprachenausbildung für Juristen (FFA) in folgenden Sprachen angeboten: Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Chinesisch, Griechisch, Portugiesisch, Russisch und Türkisch. Das Sprachenspektrum ist breit, daher sollte man sich genau überlegen, wo man zukünftig arbeiten will. Fremdsprachenkenntnisse sind von größter Bedeutung, wenn man in einem international agierenden Unternehmen oder als Diplomat tätig wird oder bei einer internationalen Organisation oder in der Entwicklungshilfe arbeiten will.
Und aus Sicht von Rechtsanwalt Schmidt ist ein guter Jurist nicht nur an den Beruf des Anwalts gebunden. Juristen sind in den verschiedensten Tätigkeiten wiederzufinden, die oft nicht mit einer juristischen Ausbildung assoziiert werden. Die Konrad-Adenauer-Stiftung bietet beispielsweise weltweit Auslandspraktika speziell für Jurastudenten. Neben dem Erlernen der Sprache an sich bringt ein Aufenthalt in Nairobi, Kenia, soziales Engagement, eine fachspezifische Arbeitserfahrung und persönliche Kontakte mit internationalen Akteuren. Fremdsprachen sind selbstverständlich auch im akademischen Bereich von großer Bedeutung. Will man in der Forschung arbeiten, Gesetze über ein Thema verschiedener Länder vergleichen oder Rechtsordnungen eines bestimmten Landes verstehen, bestehen über die Bedeutung der Sprachkenntnisse natürlich keine Zweifel. Betreibt man ein juristisches Studium mit dem nötigen Ernst, so bleibt in der Regel wenig Zeit für Aktivitäten nebenher. Je früher man sich jedoch Gedanken über das zukünftige Betätigungsfeld macht, desto klarer wird deutlich, dass die besten Examensnoten nicht helfen, wenn man die Inhalte nicht vermitteln kann. Die Aussage, Englisch reiche in der heutigen Zeit aus, verkennt diesen Zusammenhang.

Nie waren in deutschen Städten so viele Menschen mit Migrationshintergrund oder Ausländer ansässig, nie waren deutsche Städte so international.
Über Sprachkenntnisse zu verfügen bedeutet, andere Mentalitäten zu kennen, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten und eine gewisse Sensibilität für die spezifischen Probleme zu entwickeln. Rechtsberatung, zivil-, verwaltungs- und strafrechtliche Vertretung macht keinen Unterschied betreffend der Herkunft des Hilfesuchenden. Den Unterschied macht der Dienstleister, der auf die jeweiligen Bedürfnisse eingehen kann. Flexibel und dynamisch zu sein bringt Erfolg.

Quelle BECK Stellenmarkt 15/2017