Zwischen Vertragsgestaltung und Lebensentscheidung – der Beruf der Notarin

von Dr. Sophie Godt-Nordhues

Für viele Außenstehende sind Notarinnen vor allem eines: Vorleserinnen von Urkunden. Dieses Bild greift jedoch deutlich zu kurz. Tatsächlich ist der Beruf der Notarin ein vielschichtiger, verantwortungsvoller und zugleich lebensnaher juristischer Beruf.

Bürgerinnen und Bürger wenden sich in besonders prägenden Momenten ihres Lebens an ihre Notarin – etwa bei der Gestaltung von Eheverträgen oder Scheidungsfolgenvereinbarungen, in erbrechtlichen Angelegenheiten, beim Erwerb der ersten Immobilie oder bei der Gründung ihres Start-ups. Dabei geht es regelmäßig um zentrale persönliche Entscheidungen und nicht selten um erhebliche wirtschaftliche Werte.

Vielfältige Tätigkeit in besonderen Lebenslagen

In diesen Situationen beschränkt sich die Aufgabe der Notarin keineswegs auf das bloße Verlesen einer Urkunde. Vielmehr berät sie die Beteiligten umfassend, klärt über rechtliche Konsequenzen auf und entwickelt ausgewogene, rechtssichere Vertragsgestaltungen. Gerade bei emotional oder wirtschaftlich sensiblen Sachverhalten sind neben juristischer Präzision auch Kommunikationsfähigkeit und Empathievermögen gefragt.

Während der Beurkundung erklärt die Notarin sodann die getroffenen Regelungen, beantwortet Fragen und stellt sicher, dass der Urkundstext den erklärten Willen der Beteiligten zutreffend widerspiegelt. Spontane Änderungswünsche oder neu angesprochene Details können dabei erhebliche rechtliche Auswirkungen haben. In solchen Situationen ist schnelle juristische Auffassungsgabe erforderlich: Die Notarin muss entscheiden, ob punktuelle Anpassungen ausreichen oder ob eine grundlegende Überarbeitung des Vertrags und ein neuer Beurkundungstermin notwendig sind.

Die notarielle Tätigkeit setzt umfassende Kenntnisse in einer Vielzahl von Rechtsgebieten voraus. Das Tätigkeitsspektrum reicht vom Familien- und Erbrecht über das Gesellschaftsrecht bis hin zum Immobilienrecht.

Notarinnen üben in Deutschland ein öffentliches Amt aus: Der Staat hat ihnen hoheitliche Befugnisse übertragen, sodass sie Urkunden mit besonderer Beweiskraft errichten können, die bindend sind und unmittelbare Vollstreckbarkeit entfalten können. Als Teil der vorsorgenden Rechtspflege prüfen sie Rechtsgeschäfte nicht erst im Streitfall, sondern bereits im Vorfeld, um rechtliche Risiken zu erkennen, ausgewogene Lösungen zu entwickeln und spätere Auseinandersetzungen zu vermeiden. Als unparteiische Amtsträgerinnen vertreten Notarinnen keine Einzelinteressen, sondern sorgen für einen angemessenen Ausgleich der Belange aller Beteiligten und tragen so zu nachhaltigem Rechtsfrieden bei.

Wie wird man Notarin?

Voraussetzung für die Tätigkeit als Notarin in Deutschland ist das erfolgreiche Absolvieren des ersten und zweiten juristischen Staatsexamens – häufig mit überdurchschnittlichen Ergebnissen. Neben der fachlichen Qualifikation ist auch die persönliche Eignung für das Amt entscheidend.

Je nach Region bestehen zwei unterschiedliche Notariatssysteme: das hauptberufliche Nur-Notariat und das Anwaltsnotariat. Hauptberufliche Notarinnen absolvieren nach dem zweiten Staatsexamen eine mehrjährige Ausbildung als Notarassessorin. In dieser Phase werden sie – vergleichbar mit Richterinnen auf Probe – im Notariat praktisch ausgebildet und vertreten Notarinnen. Anschließend werden sie in begrenzter Zahl auf Lebenszeit bestellt. Eine weitere berufliche Tätigkeit, etwa als Rechtsanwältin, ist ihnen nicht gestattet.

Anwaltsnotarinnen üben das Notaramt neben ihrer Tätigkeit als Rechtsanwältin aus. Voraussetzung sind unter anderem eine mehrjährige anwaltliche Tätigkeit sowie das Bestehen der notariellen Fachprüfung sowie eine gewisse praktische Ausbildung im Notariat. Die Bestellung erfolgt grundsätzlich dort, wo die Bewerberin zuvor bereits als Rechtsanwältin tätig war.

Attraktivität für Frauen: Selbstständigkeit mit Sicherheit

Gerade für Frauen bietet der Notarberuf besondere Vorteile. Als Notarin arbeitet man selbstständig und kann den beruflichen Alltag weitgehend eigenverantwortlich gestalten. Termine, Arbeitsabläufe und Büroorganisation lassen sich planbar strukturieren.

Diese Selbstständigkeit erleichtert zugleich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Arbeitszeiten können flexibel an unterschiedliche Lebensphasen angepasst werden; gesetzlich vorgesehene Vertretungsregelungen ermöglichen es, Zeiten der Elternschaft zuverlässig abzusichern.

Hinzu kommt die Bestellung auf Lebenszeit, die langfristige Perspektiven eröffnet und klassischen Karrieredruck reduziert. Der Notarberuf verbindet juristische Exzellenz, gesellschaftliche Verantwortung und persönliche Gestaltungsfreiheit. Digitalisierung und elektronische Verfahren verändern den Arbeitsalltag, ohne die tragenden Säulen des Berufs – Neutralität, Rechtssicherheit und persönliche Beratung – in Frage zu stellen. Für qualifizierte Juristinnen bietet das Notariat eine seltene Kombination aus Stabilität, Sinnhaftigkeit und Abwechslungsvielfalt.

Über die Autorin:
Autoren Name

Dr. Sophie Godt-Nordhues

Sie ist rheinische Notarassessorin und ist derzeit als Pressesprecherin bei der Bundesnotarkammer abgeordnet. 

Entdecken Sie attraktive Stellenausschreibungen für Steuerberater und Steuerberaterinnen auf beck-stellenmarkt.de. Jetzt schnell und einfach für Ihren Traum-Job bewerben!

Zu den Jobs für Steuerberater und Steuerberaterinnen

Die juristischen Positionen im BECK Stellenmarkt werden von renommierten Arbeitgebern aus der Rechtsbranche inseriert. Informieren Sie sich in unseren ausführlichen Online-Profilen über die juristischen Top-Arbeitgeber.

Zu den Arbeitgeberprofilen