LL.M.-Studium Mediation und Konfliktmanagement – ein Kontrast- und Komplementärprogramm zur juristischen Ausbildung

von Prof. Dr. Ulla Gläßer und Robert Pfeiffer

„Ich studierte also Jus. Das bedeutete, dass ich mich in den paar Monaten vor den Prüfungen unter reichlicher Mitnahme der Nerven geistig förmlich von Holzmehl nährte, das mir überdies von Tausenden Mäulern vorgekaut war.“

Diese traurige Bilanz zog seinerzeit Franz Kafka, der 1906 an der Deutschen Karl-Ferdinands-Universität in Prag den Doktor der Rechte erwarb. So sehr sich die juristische Ausbildung seitdem auch fortentwickelt hat – Kafkas eloquente Kritik stieße auch heute noch bei zahlreichen Studierenden auf deutliche Resonanz.

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Denn weiterhin werden Jurastudierende darauf getrimmt, prüfungsnah detailliertes Fachwissen zu akkumulieren, um es dann an passender Stelle im Gutachten wiederzukäuen. Mit Blick auf den mächtigen – Berufslaufbahnen vorzeichnenden – Rotstift der Korrektor*innen gilt: „Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“. So wird vor allem der Lösungsskizze gehuldigt, deren gedanklichen Korridor es klausurtaktisch zu erfassen und formulierungstechnisch möglichst reibungsfrei zu beschreiten gilt. Doch zu welchem Preis?

Das Erlernen des Gutachtenstils allein bereitet auf das breite Spektrum juristischer Tätigkeiten (auch abseits der streitigen Konfliktaustragung) nur unzureichend vor.Zudem mangelt es dem Curriculum an Interdisziplinarität: Kontextwissen und Erkenntnisse anderer Fachrichtungen finden viel zu selten Einzug in das juristische Studium; auch der intellektuelle Austausch mit Expert*innen und Studierenden anderer Wissenschaften wird sträflich vernachlässigt.

Nicht zuletzt werden angehende Jurist*innen im Rahmen ihrer Ausbildung nicht angemessen darauf vorbereitet, als Berufsträger*in und ganzer Mensch verantwortungsvolle Positionen auszufüllen. Denn die Übernahme von Verantwortung setzt neben professioneller auch persönliche Reife sowie die Reflexion der eigenen Position und Perspektive voraus („Wo stehe ich – und inwiefern prägt das meine Sicht der Dinge? Was ist mir wichtig – und wofür stehe ich ein?“).

Vor diesem Hintergrund lässt sich vielleicht schon erahnen, welches Kontrast- und Komplementärprogramm ein LL.M.-Studium Mediation und Konfliktmanagements für Jurist*innen bereit hält – und welche professionellen und persönlichen Entwicklungen hierdurch befördert werden können.2

Im Rahmen eines derartigen LL.M.-Programms erlernen und erproben die Studierenden zum einen ganz praxisorientiert das mediative Handwerk, das nicht nur in der klassischen Vermittlerrolle, sondern auch in einer Fülle anderer beruflicher Situationen wie der Mandantenberatung, Verhandlungsführung oder Vertragsgestaltung nutzbringend einsetzbar ist. Parallel dazu wird das interdisziplinäre theoretische Fundament des Konfliktmanagements erarbeitet, zu dem insbesondere auch kommunikationspsychologische und verhaltensökonomische Grundkenntnisse gehören.

Dozent*innen verschiedener Fachrichtungen treten dabei auf Augenhöhe in einen intensiven (Erfahrungs-)Austausch mit den (überwiegend berufstätigen) Studierenden, die in ihrer interdisziplinären Perspektivenvielfalt auch einander bereichern – wenn etwa ein Jurist gemeinsam mit einer Architektin, einem Ethnologen und einer Theaterintendantin in einer Fallsimulation eine Konfliktsituation durcharbeitet.

Das alternative Streitbeilegungsverfahren der Mediation basiert darauf, dass antrainierte Scheuklappen objektiver Subsumtionsrelevanz abgelegt werden und die Beteiligten eines Konfliktes als aktive, selbstwirksame Subjekte mit eigenen Interessen, Bedürfnissen und Emotionen verstanden und gewürdigt werden. Gefragt wird nicht primär: „Wer will was von wem woraus?“, sondern: „Was bedeutet xy für Sie – und warum ist Ihnen das wichtig?“. Geschult wird der Blick für das Wesentliche, das sich nicht abstrakt-generell antizipieren, sondern nur konkret-individuell erfragen lässt.

So werden in einem strukturierten Verfahren gemeinsam mit den Konfliktparteien die individuellen Interessen herausgearbeitet, die hinter der bedrohlichen Fassade kontradiktorischer Positionen stehen. In ihrer Funktion als Empathiebrücken und Wegweiser zu integrativen Lösungen fördern diese Interessen wechselseitiges Verständnis und Kooperationsbereitschaft und eröffnen Möglichkeiten gemeinsamer Wertschöpfung.

Um dies professionell unterstützen zu können, lernen Studierende der Mediation nicht nur Verfahrensgestaltung, Kommunikationsmethodik und Moderationstechniken, sondern üben sich auch in einer lösungsoffenen, wertschätzenden Grundhaltung, im Perspektivwechsel, in der Selbstreflexion und in konstruktivem Feedback.

Dies wiederum trägt nicht zuletzt zu Selbsterkenntnis und persönlichem Wachstum bei. Zu guter Letzt darf aber auch nicht unterschlagen werden, dass viele der klassischen juristischen Kompetenzen auch in der Mediation gewinnbringend einsetzbar sind. So lernen Jurist*innen, Unterschiede zwischen Fallkonstellationen klar herauszuarbeiten und präzise zu formulieren. Für die mediatorische Arbeit sind diese Fähigkeiten elementar.

Zusammenfassend lässt sich also konstatieren: Die Kombination von juristischer Ausbildung und einem LL.M.-Studium Mediation und Konfliktmanagement ergibt – beruflich und persönlich – ein echtes „win-win-Szenario“.

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1 Dazu prägnant das aktuelle Themenheft der Zeitschrift brand eins zu juristischer Berufstätigkeit insbes. in Wirtschaftskanzleien, brand eins/thema Heft 16, Mai 2020.

2 Vielfältige empirische Belege hierzu erbrachte eine deutsch-dänische Absolventen-Studie, siehe Gläßer/Schroeter/Adrian, Was wird durch Mediationsausbildungen bewirkt?, ZKM 2/2020, S. 44ff.

Über die Autoren:

Prof. Dr. Ulla Gläßer, LL.M. (UC Berkeley)
Professorin für Mediation, Konfliktmanagement
und Verfahrenslehre an der juristischen Fakultät
der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
und wissenschaftliche Leiterin des postgradualen
Master-Studiengangs Mediation und Konfliktmanagement

Robert Pfeiffer
Jurist und zertifizierter Mediator sowie wissenschaftlicher
Mitarbeiter am Master-Studiengang Mediation und Konfliktmanagement der Europa-Universität Viadrina
Frankfurt (Oder)

Quelle NJW 28/2020