Vorsicht! Diese Vorstellungen über das Jurastudium sind falsch

Vor meinem Jurastudium habe ich an einer Fachhochschule für öffentliche Verwaltung studiert und dort einen Bachelor in Allgemeiner Verwaltung gemacht, der zur Arbeit im gehobenen Dienst qualifiziert.

Zu den Rechtswissenschaften bin ich allein durch dieses Erststudium gekommen, sodass ich diese Zeit nicht missen will - auch wenn ich dadurch etwas älter bin als die meisten meiner Kommilitonen.

Das dreijährige Verwaltungsstudium deckt ein paar Fächer ab, die Euch im Jurastudium begegnen werden, allerdings werden diese sehr oberflächlich behandelt und zielen auf die reine Anwendung ab.

Der Unterrichtsplan – es geht sehr verschult zu – umfasst außerdem Bescheidtechnik, Wirtschaft, IT und etwas Psychologie. Die Ausbildung ist auf den Beruf des Verwaltungsbeamten zugeschnitten und erfolgt in fast allen Bundesländern als duales Studium mit guten Aussichten auf Übernahme.

Wenn Ihr unbedingt in den Staatsdienst wollt, sind Eure Erfolgschancen beim Verwaltungsstudium auch um vieles höher als es für Juristen der Fall ist.

Natürlich zeichnet sich das auch bei der Vergütung ab, jedoch dauert die Ausbildung der FHöV nur drei Jahre, Ihr tretet finanziell nicht in Vorleistung und der Druck ist nicht so immens wie im Jurastudium.

Vor dem Jurastudium wertvolle Erfahrungen gesammelt

Falls Ihr Euch generell für Recht und die Arbeit der Verwaltung interessiert, aber eine praxisnahe, breit gefächerte Ausbildung sucht, könnte dies eine gute Alternative zum Jurastudium sein. Dasselbe gilt übrigens für die Finanzverwaltung, Rechtspflege oder die Studiengänge der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit. 

Solltet Ihr zufällig erwägen, denselben Weg einzuschlagen wie ich, informiert Euch rechtzeitig über etwaige Rückzahlungspflichten und die Finanzierung des Zweitstudiums, da Ihr kein Bafög mehr in Anspruch nehmen könnt.

Wenn man mich fragt, ob ich mein Erststudium als Zeitverschwendung betrachte, lautet die Antwort ganz klar „Nein“. Ich habe in Jura – abgesehen vom Gutachtenstil – zwar bei Null begonnen, wäre aber ohne das Erststudium, in welches ich eher planlos stolperte, nicht auf die Idee gekommen, dass ich eines Tages bei den Rechtswissenschaften landen würde. 

Falsche Vorstellungen über das Jurastudium

Meine Vorstellung war, dass Jurastudenten Paragraphen auswendig lernen und Plädoyers schreiben, die sie dann in amerikanischer Fernseh-Manier vortragen müssen. Das hat mich abgeschreckt. In Wahrheit setzt das Studium in Deutschland aber vielmehr auf die Vermittlung von Systematik, man lernt analytisches und logisches Denken, muss viel lesen, argumentieren und formulieren.

Im Gegensatz zu manch anderem Studiengang gibt es für Jura kein entsprechendes Schulfach, sodass man eigentlich erst während der ersten Semester feststellt, ob Jura einen anspricht und man dafür geeignet ist.

Zwar heißt es, dass Deutsch, Mathematik und Latein wichtig wären, Euer Augenmerk sollte jedoch mehr Euren Interessen und Talenten gelten als einzelnen Noten.

Das wichtigste ist, dass Ihr die deutsche Sprache sehr gut beherrscht. Je präziser Ihr Euch ausdrücken könnt, desto besser. Ihr solltet zudem ein ausgeprägtes Textverständnis aufweisen und Spaß am Schreiben haben – allerdings weniger im Stil einer Gedichtanalyse als einer Erörterung. Die mitunter geschwollene Sprache und den „Gutachtenstil“, welcher bis zum Ersten Staatsexamen verwendet wird, werdet Ihr mit etwas Sprachgefühl und Übung schnell verinnerlichen. 

Jura-Studium ohne Latinum?

In Jura gibt es zwar ein paar lateinische Ausdrücke, die Ihr dann lernt wie Vokabeln oder Definitionen, aber Ihr benötigt kein Latinum für das Studium. Das Graecum schon dreimal nicht. Dasselbe gilt übrigens auch für Wirtschaft und Recht – dieses Fach gibt es ohnehin nicht in jedem Bundesland und es verschafft auch keinen wirklichen Vorsprung. Die Universitäten gehen davon aus,  dass Ihr das Studium ohne nennenswertes Vorwissen aufnehmt und fangen bewusst bei Null an.

Zu Mathe bzw. „Rechnen“ ist zu sagen, Ihr braucht es im Jurastudium nicht mehr als im alltäglichen Leben.

Ich möchte an dieser Stelle die These aufstellen, dass Informatik als Schulfach für Jura von größerer  Relevanz ist. Ihr solltet nämlich logischem Denken sowie Systematiken nicht abgeneigt sein und Euch gedanklich auf Wenn-Dann-Strukturen einlassen können.

Es ist außerdem von Vorteil, wenn Ihr Euch für gesellschaftliche Zu- sammenhänge und Politik interessiert. Ihr solltet Spaß am Diskutieren haben und gerne Argumente austauschen. Wenn Euch Zeitungsartikel zu rechtspolitischen Themen nicht langweilen, ist das schon mal ein gutes Zeichen.

Weil das Jurastudium von Außenstehenden meist falsch wahrgenommen wird, ist es für jemanden aus einem Juristen-freien Umfeld schwer, das Studium einzuschätzen.

Wenn man nicht gerade einen Richter zum Vater hat, die Mutter Anwältin ist oder ein Bekannter als Unternehmensjurist arbeitet, ist man deswegen auf die Hilfe von Leuten angewiesen, die einen selbst kaum kennen.

Umso wichtiger ist es, jemanden zu Rate zu ziehen, der weiß, wovon er spricht. Ich würde bei Eurer Entscheidung daher weniger auf die Einschätzung von Lehrern, Jobcenter-Beratern und anderen Nicht-Juristen vertrauen, sondern die Studienberatung einer juristischen Fakultät in Eurer Nähe aufsuchen.

Auch wenn Ihr einen anderen Standort präferiert, wird man Euch hier über die grundsätzlichen Voraussetzungen und Herausforderungen im Jurastudium aufklären können.

Außerdem könnt Ihr bei der Gelegenheit der Fachschaft oder Bibliothek einen Besuch abstatten und Jurastudenten aus unterschiedlichen Semestern nach deren Meinung fragen. Juristen sind oftmals sehr kommunikativ und freuen sich, wenn sie über sich erzählen können – also scheut Euch nicht davor zu fragen!

Jura-Studium: Das sollte euch am wenigsten abschrecken

Was Euch am wenigsten abschrecken sollte, ist das vorurteilsbehaftete Image, welches Jurastudenten bisweilen anhaftet und durch die Kultfigur eines gewissen Justus aus M. weiter angefacht wird. Jura ist kein exklusiver Club, sondern ein Massenfach und in der Realität kommt die überwiegende Mehrheit in Jeans, T-Shirts und auf Fahrrädern daher. Selbst in M.

Wenn die Entscheidung zum Jurastudium gefallen ist, ist es empfehlenswert, sich mit den Zulassungsvoraussetzungen der für Euch infrage kommenden Unis vertraut machen.

Ihr solltet nachlesen, wie genau die Immatrikulation abläuft und Fristen notieren. Speziell wenn Ihr das Studium an einer Uni mit NC anstrebt, kein „Standard“-Abitur gemacht habt oder es sich um ein Zweitstudium handelt, müsst Ihr Euch einige Monate im Voraus informieren, da die Bewerbung hier anders abläuft und häufig früher stattfindet.

Wenn Ihr Bafög beantragen wollt oder ins Wohnheim ziehen möchtet, solltet Ihr dies ebenfalls frühzeitig recherchieren.

Wahl der Universität für Jura: Bauchgefühl und Bundesland

Bei der Wahl der Universität solltet Ihr primär auf zwei Dinge achten: Das Bundesland und Euer Bauchgefühl. Das Bundesland deswegen, da Ihr am Ende ein Staatsexamen schreibt und sich die Prüfungsmodalitäten der einzelnen Länder unterscheiden.

Und Euer Bauchgefühl, weil es letztlich vor allem auf die Examensnoten ankommen wird und nicht auf Rankings, Bekanntheit und berühmte Alumni.

Ein guter Ruf schadet freilich nicht, aber da ihr dieselbe Prüfung schreibt wie alle anderen Studenten desselben Bundeslandes, könnt ihr euch ohne Bedenken an der Uni einschreiben, die euch persönlich am meisten zusagt. Faktoren sind hier natürlich die Unistadt als solche, aber auch Fremdsprachenprogramme sowie Zusatzqualifikationen und „exotische“ Lehrstühle, wie etwa für Medizinrecht oder Weltraumrecht.

Unbedingt die Studienordnung nachlesen

Speziell zu Beginn des Studiums und Eures Studentenlebens solltet Ihr Euch in der neuen Wahlheimat wohlfühlen, um einen guten Start hinzulegen. Wenn Ihr später den Standort wechseln wollt, ist dies nach der Zwischenprüfung kein Problem und übrigens auch an jene Universitäten möglich, deren NC Ihr momentan verpasst. 

Zu Studienbeginn solltet Ihr unbedingt in der Studienordnung Eurer Uni nachlesen, welche Leistungsnachweise Ihr erbringen müsst und wie viel Zeit Ihr hierfür habt. Außerdem solltet Ihr Euch über Wiederholungsmöglichkeiten informieren und verstehen, wie die einzelnen Leistungen zusammenhängen.

Zum Beispiel könnt Ihr bestimmte Prüfungen erst ablegen, wenn Ihr andere bestanden habt, oder müsst eine Hausarbeit im selben Semester wie eine dazugehörige Klausur schreiben.

Das variiert von Uni zu Uni und kann sich auch von einem Semester aufs nächste ändern. Lest also immer in der Studienordnung nach, die für Euren Jahrgang gilt. Ich habe mir seinerzeit einen Vierjahres-Plan gemacht. 
 Er enthält neben den wichtigsten Klausuren Zeitfenster für Praktika, Reisen und Projekte wie einen Moot Court.

Speziell für Menschen mit einer Neigung zum Chaos ist das sehr hilfreich, da man nichts aus den Augen verliert. Die meisten Unis bieten übrigens auch Muster-Studienpläne an, an denen man sich orientieren kann. 

Tipps von erfahrenen Jura-Kommilitonen sind Gold wert

Was generell Gold wert ist, sind Tipps von Kommilitonen, die bereits einige Semester hinter sich haben.

Sie können Euch mit Altklausuren versorgen und von den  Eigenheiten der einzelnen Professoren berichten. Außerdem wissen sie, welcher Mitarbeiter in Bezug auf verpasste Fristen kulanter ist und an welchem Lehrstuhl gerade ein Job frei wird. Hier gilt: Sammelt von mehreren Leuten Informationen, die Schnittmenge ist dann meistens zutreffend.

Leider gehen viele Leute mit falschen Erwartungen ins Studium und erwägen nach wenigen Wochen einen Abbruch.

Wenn einem Jura nicht völlig zuwider ist, sollte man dem Studium eine Chance geben und zumindest ein, wenn nicht zwei Semester durchhalten.

Jura-Studium abbrechen? Unbedingt vier Monate durchhalten

Fragt Euch immer, was Euch bewogen hat, dieses Studium zu beginnen und ob sich an diesen Gründen etwas geändert hat.

Zwischen dem Vorlesungsbeginn und Euren ersten Klausuren liegen nur vier Monate. Da man im laufenden Semester ohnehin nichts Neues beginnen kann, sollte man sich für die Zeit aufraffen - möglicherweise erkennt Ihr beim Lernen die ersten Zusammenhänge und das Studium beginnt Spaß zu machen.

Oder Eure Abneigung wächst stetig, sodass  Ihr das Studium voller Überzeugung abbrechen könnt  und Euch niemals fragen müsst, ob Jura nicht doch das  richtige gewesen wäre.  

Dieser Text ist aus dem Studienführer 2017/2018, den Sie hier kostenlos bestellen können.

Den jeweils aktuellen Studienführer können Sie hier herunterladen.

Quelle Studienführer 2017/2018