Gewinner und Verlierer - ein Rückblick auf die einzelnen Fachbereiche von Anwaltskanzleien im Lichte der Finanzkrise und Ausblicke auf die Zukunft (Teil 1)

von Sven Laacks, LL.M., Schollmeyer & Steidl Legal Recruitment

Das zur Neige gehende Jahr 2009 hat auf dem juristischen Arbeitsmarkt in Deutschland zahlreiche Wellen geschlagen. Der nun etwas mehr als ein Jahr zurückliegende Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers hat die schon stark trudelnde Weltwirtschaft in verheerende Turbulenzen geworfen.

An dieser Stelle sollen eine Rückschau auf die Entwicklungen der verschiedenen Fachbereiche von Anwaltskanzleien in den letzten zwölf bis achtzehn Monaten gehalten und auch ein Zukunftsausblick gewagt werden – vor allem aus dem Blickwinkel des Rekrutierungsverhaltens von Firmen und des Zukunftspotentials für Bewerberinnen und Bewerber.

Allgemein lässt sich sagen, dass natürlich gerade transaktionsfokussiert aufgestellte Kanzleien die nachlassende Wirtschaftskraft zuerst zu spüren bekamen und bereits im letzten Drittel des Jahres 2008 ihre Rekrutierungsbemühungen zurückfuhren bzw. ganz einstellten. Auch sahen sich einige Häuser dazu gezwungen, sich von juristischem Personal zu trennen. Doch während für die deutschen Standorte vieler Kanzleien 2008 noch ein sehr erfolgreiches Jahr war, kam das Jahr 2009 gleich mit einem starken Rückgang des Geschäfts daher.

Corporate/M&A/PE

Mit die stärksten Folgen konnten im transaktionslastigen M&A- und Private Equity-Geschäft wahrgenommen werden. Zahlreiche bereits geplante Deals scheiterten Ende 2008 und Anfang 2009 an ausbleibenden (Fremd-)Kapitalzusagen. Dasselbe Schicksal teilten ebenso viele neue Projekte, so dass im ersten Halbjahr 2009 große Deals eine Ausnahmeerscheinung wurden. Die Folge hiervon war ein starker Bewerberandrang aus diesem Segment. Zum Teil zwangsweise, teilweise um dem Unvermeidbaren zuvorzukommen, schauten sich viele Junior- und Mid-Level-Associates auf dem Arbeitsmarkt nach einer neuen Beschäftigung um.

Der Markt nahm diese Bewerber jedoch nur langsam auf. Sie fanden unter Anderem neue Anstellungen in Unternehmen, aber vor allem kleinere sowie mittelständische Kanzleien und Boutiquen konnten sich so durch gute Kräfte mit erster Praxiserfahrung verstärken. Besonders benachteiligt waren Berufseinsteiger im ersten Halbjahr 2009. Große Wirtschaftskanzleien verstärkten sich nur vereinzelt und zögerlich, so dass sich neben den Bewerberinnen und Bewerbern mit Berufserfahrung die Berufseinsteiger/innen zumeist nicht etablieren konnten.

Grund für die weiterhin anhaltende Nachfrage von Wirtschaftskanzleien kleineren Maßstabs war und ist das Geschäft, das vornehmlich – abseits der großen internationalen Wirtschaftskanzleien – im Small- und Mid Cap-Bereich und der gesellschaftsrechtlichen Dauerberatung von Mandanten aus dem Mittelstand angelegt ist. Hier vermeldeten die genannten Kanzleien – wenn überhaupt – kaum signifikante Rückgänge.

Zum Ausblick und der aktuellen Entwicklung lässt sich festhalten, dass seit dem Ende der Sommerpause 2009 eine deutliche Belebung in diesem Segment festzustellen ist. Zahlreiche Kanzleien, unter ihnen auch viele der internationalen Law Firms, zeigen wieder eine erhöhte Nachfrage nach Nachwuchskräften und Mitarbeitern mit erster beruflicher Erfahrung. Bereits ein Jahr nach dem größten Bankencrash aller Zeiten zeigt sich der juristische Markt hier wieder stabiler und mit einem deutlichen Aufwärtstrend.

Real Estate

Wie auch die vorgenannten Transaktionsbereiche ist das Fachgebiet Real Estate weitestgehend von heute auf morgen zum Erliegen gekommen, da Transaktionen ebenso unter der sogenannten „Kreditklemme“ litten. Große Immobiliendeals, wie sie in den letzten Jahren üblich waren, fanden nicht mehr statt. Lediglich vereinzelte Großobjekte wechselten hier und da den Eigentümer, was jedoch nicht als lebhaftes Geschäft bezeichnet werden kann. Vielmehr verlagerte sich das Tagesgeschäft hin zur Unterstützungsarbeit beim Asset-Management, die in der Boomphase der Immobiliendeals deutlich vernachlässigt oder gar nicht betrieben worden war.

Das Immobilienrecht ist sicherlich ein Paradebeispiel dafür, dass nach dem Höhenflug ein ebenso tiefer Fall folgen kann. Während andere Fachbereiche wie das M&A-Geschäft nach dem Zusammenbruch schneller wieder Fuß fassten und einzelne Erfolgsmeldungen die tristen Gemüter aufhellen konnten, war es gerade im Bereich Real Estate äußerst ruhig geworden. Die Rekrutierung ging hier nahezu auf null zurück und stagnierte auf diesem Level im Jahresverlauf 2009.

Erste Zeichen einer Erholung, die sich auch durch einen personellen Ausbau bemerkbar machen, lassen sich erst zum gegenwärtigen Zeitpunkt ausmachen. Eine Tendenz für die Zukunft lässt sich hieran aktuell aber noch nicht erkennen.

Arbeitsrecht

Arbeitsrechtler/innen gehören wie so oft zu den Krisengewinnern. Eine besonders starke Nachfrage nach entsprechend ausgebildeten Anwälten zeigte sich im letzten Quartal des Jahres 2008. Wohl wissend um den starken Beratungsbedarf in Krisenzeiten verstärkten einige Häuser kurzfristig die eigenen Reihen. Aber auch in diesem Fachbereich zeigten sich schnell Unterschiede. Arbeitsrechtler mit starker Anbindung an den Transaktionsbereich, starker Supportfunktion und wenig autarkem Beratungsgeschäft kamen schnell in die Bedrängnis rückläufiger Auslastung.

Im Laufe des Jahres 2009 hielt die Nachfrage nach arbeitsrechtlichen Fachkräften weiter an. Wenn auch nicht auf höchstem Niveau (was Krisenzeiten vermuten lassen), war der Markt doch stets von einer Sättigung weit entfernt. Aber auch hier liegt der Bedarf vor allem bei den Boutiquen und den Kanzleien mittelständischer Aufstellung.

Der aktuelle Stand lässt darauf schließen, dass sich das Bedarfs - niveau auch in nächster Zeit halten wird und sich wieder einmal mehr bestätigt hat, dass das Arbeitsrecht ein mehr oder weniger krisenresistenter Tätigkeitsbereich ist.

(Fortsetzung des Artikels in NJW 3/2010, Fachbereiche „Banking & Finance, Capital Markets, Restrukturierung und Insolvenzrecht“)

Quelle NJW 52/2009