Arbeitsfeld und berufliche Perspektiven eines M&A-Beraters

Interview mit Prof. Dr. Christoph Schalast, LL.M., Sozietät Schalast und Partner, Professor für Mergers & Acquisitions, Wirtschaftsrecht und Europarecht an der Frankfurt School of Finance and Management und Dunya Trautmann, LL.M., Senior Manager Acquisitions & Subsidiaries, Aareal Bank AG, Dozentin des berufsbegleitenden „Master of Mergers & Acquisitons“ an der Frankfurt School of Finance and Management

Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung des M&A-Marktes?

Schalast: Der M&A-Markt hat sich von seinem letzten Einbruch – nach der Lehman-Insolvenz 2008 – wieder erholt, allerdings ist er in Deutschland seit einigen Jahren von einer stabilen „Seitwärtsbewegung“ gekennzeichnet. Finanzinvestoren/Private Equity sind heute nicht mehr so dominant. Die Ursache hierfür ist nicht zuletzt, dass wegen der aktuellen Niedrigzinsen und der hohen Liquidität auch entsprechend hohe Unternehmensbewertungen, vor allem in strategischen Branchen wie Pharma oder Gesundheit, im Raum stehen. Hohe Unternehmensbewertungen können in der Regel eher von strategischen Investoren, die entsprechende Synergien in ihren Case einrechnen können, bezahlt werden. Doch insgesamt lassen sich einige Megatrends feststellen: Wir sehen eine starke Zunahme von grenzüberschreitenden Transaktionen. Dies bedeutet, dass deutsche Unternehmen und Unternehmer zunehmend im Ausland investieren und ausländische Investoren engagieren sich zunehmend in Deutschland, wobei die signifikante Zunahme chinesischer Investments im Jahr 2015 besonders hervorzuheben ist. Dominiert bleibt der deutsche Markt aber weiterhin von den sogenannten Small- und Mid Cap-Transaktionen, d. h., Transaktionen bis zu einem Volumen von ca. € 500 Mio. und dies spiegelt auch die vom „großen“ Mittelstand geprägte deutsche Industrie- und Wirtschaftslandschaft wider. Interessant ist darüber hinaus, dass der Frühphasen-/Wagniskapital-/Venturebereich sich erstmals seit dem Zusammenbruch der dot.com-Blase 2000/2001 lauter bemerkbar macht. Dafür stehen Schlagwörter wie FinTech, InsurTech, LegalTech oder CleanTech. Das wichtigste Hub für die Startup Industrie ist derzeit Berlin, aber andere Zentren, wie etwa Frankfurt für FinTech, ziehen nach.

Trautmann: Aktuell liest man fast jeden Tag von einem neuen Highlight am M&A-Markt. Sowohl die Transaktionsvolumina als auch die Unternehmensbewertungen haben in 2015 neue Höchststände erreicht, was den hohen Cash-Beständen der Unternehmen sowie den aktuell noch günstigen Finanzierungen für M&A-Transaktionen geschuldet ist. Es herrscht ein allgemeiner Anlagedruck unter den Investoren. In dieser Situation stellt sich unmittelbar die Frage, wie lange kann diese Ralley noch weitergehen? Wohin entwickelt sich der Markt?

Angesichts der aktuellen Entwicklungen haben Verkäufer oftmals die bessere Verhandlungsposition. Sie müssen weniger häufig Risiken zurückbehalten oder gar Kaufpreisabschläge hinnehmen, da sie – sofern es sich nicht um eine absolute Industrienische handelt – recht leicht einen anderen Käufer ausmachen können. Aus Käuferperspektive wird es immer schwieriger, Targets zu Preisen zu finden, bei denen ein Erwerb nicht unmittelbar mit einem Abschreibungsrisiko einhergeht, also die meist zugrunde liegende Wachstumsstory tatsächlich realisiert werden kann. Übernahmeschlachten, wie die von Vonovia und Deutsche Wohnen, suggerieren öffentlich, dass der Ton am Markt und auch die Rechtstechniken, mit denen gearbeitet wird, rauer werden. Als Verkäufer erlebt man teilweise fast schon absurd anmutende Verhandlungssituationen, wie „Haftungspersilscheine“ bei minimalem Due Diligence-Aufwand.

Was ist das Spannende an diesem Fachgebiet im Rahmen Ihrer beruflichen Tätigkeit und worin liegen die größten Herausforderungen?

Schalast: Das Spannende an M&A ist die Komplexität jeder Transaktion. Unabhängig davon, ob sie nun grenzüberschreitende Elemente hat oder nicht: Immer ist eine M&A-Transaktion vom Zusammenwirken und interdisziplinären Zusammenarbeiten von Teams gekennzeichnet: Schon längst sind nicht mehr nur die „Klassiker“, wie Legal, Tax und Business Case gesetzt, hinzu kommen heute Disziplinen wie HR, Environment oder Compliance und Regulatory. Große Herausforderungen entstehen bei grenzüberschreitenden Transaktionen, die angesichts der Globalisierung und Digitalisierung des M&A-Business immer häufiger werden.

Trautmann: Spannend ist, dass, egal, wie gut man eine Transaktion plant, diese meist anders verläuft. Ferner ist die Psychologie in solchen Prozessen faszinierend, oft auch herausfordernd. Ob es um den sukzessiven Aufbau einer klugen Verhandlungsstrategie geht, die lückenlos und in sich konsistent zu sein hat oder ob im Falle länger andauernder Übernahmen mit aufwändigen Integrationsprozessen dafür zu sorgen ist, dass die Stimmung in den Projektteams und dem übernommenen Target möglichst konstruktiv und spannungsfrei bleibt. Beide Themen stellen den Deal-Manager vor große Herausforderungen.

Wie bewerten Sie die Karriereperspektiven im M&A-Markt?

Schalast: In der Vergangenheit war M&A vor allem konzentriert auf entsprechend spezialisierte Anwaltskanzleien und die Business Transaction Services der großen WP-Gesellschaften. Hinzu kam eine nicht allzu große Anzahl von M&A-Beratern oder Finanzinvestoren. Die große Veränderung ist, dass „notorische“ Unternehmenskäufer, wie Fresenius oder Bayer, aber auch Mittelständler, gelernt haben, wie wichtig die Post Merger Integration ist und begonnen haben, Inhouse-Teams sowohl für den M&A-Prozess wie auch die spätere Integration – und hier entscheidet sich ja der Erfolg eines Deals – aufzubauen. Auch Family Offices entdecken M&A zunehmend als Betätigungsfeld. Dieser Prozess der Professionalisierung von M&A muss und wird weiter zunehmen.

Trautmann: Grundsätzlich als sehr gut. Allerdings muss dem, der in diesen Markt einsteigen möchte, klar sein, dass dies nicht ohne Fleiß und Durchhaltevermögen funktionieren wird. Dafür ist die Arbeit aber auch sehr abwechslungsreich und vielschichtig. Wer eine größere Portion Neugier, Agilität und Fachwissen mitbringt, kann schnell viel lernen. Sei es, dass man Branchendynamiken oder Marktentwicklungen versteht oder die Fähigkeit erlangt, aus im Rahmen von Due Diligence-Prozessen gewonnenen Erkenntnissen das richtige Fazit für die Vertragsverhandlungen zu ziehen.

Inwieweit fördert ein auf M&A spezialisiertes Studium die beruflichen Perspektiven?

Schalast: Auf M&A spezialisierte Studiengänge in Form eines berufsbegleitenden LL.M.s gibt es sowohl in Deutschland wie in Europa und auch weltweit eher selten. Natürlich bieten viele wirtschaftswissenschaftlich orientierte Programme M&A-Vertiefungen an, doch den gesamten Prozess in einem Studium abzubilden, das schaffen nur wenige. Und genau das ist das Ziel eines LL.M.-M&A-Studiengangs: Interdisziplinäre Herangehensweise und Verständnis für das Deal Management zu schärfen, denn nur auf dieser Grundlage können echte Deal Manager, die große oder kleine Teams auch grenzüberschreitend dirigieren, ausgebildet werden. Und für die Unternehmen ist es sehr viel „günstiger“ und effizienter, ihre Deal Manager über einen entsprechend spezialisierten Studiengang zu formen als über das altbekannte „try and error“ System im Rahmen eines Deals. Letztendlich spart ein LL.M. insoweit auch richtig Geld.

Trautmann: Oft haben M&Aler ursprünglich einen rein juristischen oder betriebswirtschaftlichen Hintergrund. Allerdings liegt die Kunst im M&A gerade darin, beide Fachgebiete miteinander zu vereinen. So muss dem, was der Ökonom eventuell rechnerisch und risikotechnisch ermittelt, irgendwie in den Transaktionsverträgen adäquat Rechnung getragen werden. Ferner bedarf es Projektsteuerungstechniken oder spezifischem Fachwissen, das in einem typisch universitären Studium meist nicht vermittelt wird. Genau diese Fähigkeiten und Kenntnisse lassen sich durch ein spezialisiertes berufsbegleitendes LL.M.-Studium vermitteln und fördern hierdurch das berufliche Vorankommen und damit die Perspektiven eines Deal Managers.

Inwieweit spielt der Netzwerkgedanke, der sich aus solch einem berufsbegleitenden LL.M.-Studium ergibt, eine Rolle für die berufliche Perspektive?

Schalast: M&A ist nicht nur, aber auch, People Business. Warum vertrauen Sie einem Transaktionsanwalt? Warum beauftragen Sie einen Tax oder HR Consultant? Vielleicht gerade deshalb, weil er, als er mit Ihnen zusammen während des Studiums zwei Tage und zwei Nächte lang eine Case Study bearbeitet und präsentiert hat, zeigte, über welche Führungsqualitäten, Teamorientierung, fachliche Kompetenz und nicht zuletzt Stressresistenz er verfügt. Unser Netzwerkgedanke geht aber noch weiter: Da M&A vor allem ein Praxisphänomen ist, können vor allem Praktiker M&A auch am besten vermitteln. Und wenn man einen Praktiker einmal im Classroom erlebt hat, kann man sich auch ganz gut vorstellen, wie er im Deal agiert. Insoweit: Das Netzwerk, das während eines M&A-Studiums entsteht, kann so zum wichtigsten Mosaikstein für eine erfolgreiche Transaktion werden.

Trautmann: Hier sprechen Sie einen zentralen Punkt an. Wie häufig kommt es vor, dass sie ein spezielles Target, einen Käufer oder gar einen Spezialisten für eine bestimmte Branche suchen? Durch ein spezialisiertes Studium lernen sie für gewöhnlich primär Persönlichkeiten kennen, die sich im M&A-Markt bewegen und die jeder für sich ein eigenes Netzwerk in einer bestimmen Branche haben. D. h., sie rufen im besten Fall einen ehemaligen Studienkollegen an, der einen direkten Kontakt zu einer Person mit der gewünschten Kompetenz herstellen kann. Bei einem allgemeinen Studium ist es doch so, dass die meisten sich in unterschiedliche Fachrichtungen entwickeln, die oft nichts miteinander zu tun haben. Dieses Netzwerk ist ebenfalls wertvoll, aber eben auf eine andere Art und Weise.

Quelle NJW 13/2016