Künstliche Intelligenz als Epochenbruch in der Steuerberatung

Von Götz Kümmerle und Stefan Groß

Die bisherige Sichtweise: KI verändert den Kern der Steuerberatung

Die bisherige Diskussion um den Einsatz generativer KI in der Steuerberatung stellte vor allem eine Verschiebung im Kern des Berufsbildes in den Mittelpunkt. Die Technologie greift zunehmend in jene fachliche Arbeit ein, aus der der Berufsstand seinen Wert und sein Selbstverständnis bezieht.

Vor dem Einsatz generativer KI erleichterte Kanzleisoftware vor allem die Verarbeitung. Dokumente verwalten, Buchungen verarbeiten, Steuern berechnen. Die steuerliche Würdigung eines Falls blieb jedoch im Wesentlichen die gedankliche Arbeit des Steuerberaters. Diese Arbeitsteilung lässt sich mit Aristoteles so beschreiben. Die Technik veränderte die Form der Leistungserbringung, das Akzidens. Die Substanz, also das Verständnis von Steuerberatung als fachliche Beurteilung und normgebundene Beratung, blieb jedoch erhalten.

Mit generativer KI beginnt sich genau diese Grenze zu verschieben. KI kann Sachverhalte strukturieren, Fachquellen auswerten, Argumente entwickeln und Gutachtenentwürfe formulieren. Damit erreicht Technik die fachliche Herleitung und Subsumption selbst. Darin liegt der eigentliche Epochenbruch. Wenn auch gutachterliche Arbeit maschinell vorbereitet werden kann, muss die Kanzlei ihren Wert für den Mandanten neu bestimmen.

Was diesen Epochenbruch technisch ermöglicht, ist nicht das Sprachmodell allein, sondern sein Zusammenspiel mit strukturiertem Wissen und fest programmierten Verfahren. Ein großes Sprachmodell, kurz LLM, erzeugt Antworten anhand erlernter Wahrscheinlichkeitsbeziehungen. Für belastbare fachliche Arbeit muss es um weitere technische und fachliche Komponenten ergänzt werden.

Wie das praktisch aussehen kann, zeigt der Dreiklang aus Wissensgraph, LLM und Skills. Der Wissensgraph hält Fachwissen und Beziehungen fest und agiert als eine Art deterministisches Navigationssystem. Welcher Fall berührt welche Regel, welche Erfahrung gehört dazu? Das Sprachmodell erschließt dieses Wissen im Gespräch. Skills bündeln Arbeitsanweisungen und Fachmaterial und können auch ausführbare Programme enthalten.

Fest programmierte Abfragen, Berechnungen und Prüfungen bilden den deterministischen Anteil. Zusammen mit der probabilistischen Sprachverarbeitung entsteht ein Zusammenspiel aus festen Verfahren und sprachlichem Entwerfen. Ein Harness verbindet diese Bausteine operativ. Er bildet den technischen Steuerungsrahmen, ruft das Modell auf, leitet Werkzeugaufrufe weiter und gibt Ergebnisse an das Modell zurück. Auf Grundlage dieser Zwischenergebnisse kann das Modell weitere Schritte wählen.

Auf dieser technischen Grundlage lässt sich auch das Wissen einzelner Fachleute systematisch erfassen, konservieren und für andere nutzbar machen. Knowledge Twins machen dokumentierte Kenntnisse und Vorgehensweisen erfahrener Fachleute als digitale Wissenszwillinge zugänglich. KI Coworker greifen darauf zu und bearbeiten ihre Aufgaben mit Werkzeugen und entsprechender Arbeitssteuerung. Bei Multi Agent Systemen werden mehrere Agenten oder Subagenten mit Teilaufträgen koordiniert und ihre Ergebnisse zusammengeführt. So lassen sich steuerliche, finanzielle und betriebliche Perspektiven miteinander verbinden. Menschen und KI Coworker bilden dabei inzwischen hybride Teams.

Entscheidend ist jedoch nicht die technische Architektur selbst, sondern was sie für die Beratungsrolle ermöglicht. Ein Mandant steht vor einer strategischen Weichenstellung. Ein hybrides Team aus menschlicher Erfahrung und KI kann gemeinsam mit ihm unterschiedliche Handlungsoptionen entwickeln und bewerten, etwa den Ausbau eigener Kapazitäten, den Eintritt in neue Märkte oder die Zusammenarbeit mit einem strategischen Partner. Steuerliche Expertise fließt dabei nicht erst in die Umsetzung einer bereits getroffenen Entscheidung ein, sondern wird Teil ihrer wirtschaftlichen und strategischen Bewertung.

Genau darin lag bislang der Fokus. KI eröffnet der Steuerberatung die Möglichkeit, näher an die Entscheidungen ihrer Mandanten heranzurücken. Inzwischen stellt sich jedoch weniger die Frage, ob diese Verschiebung technisch möglich ist, sondern wofür Kanzleien sie nutzen wollen.

Die neue Sichtweise: Jetzt kommt es auf die strategische Wahl an

Heute fragen wir, welchem Zweck diese KI dienen soll. Denn dieselbe Technik lässt sich auch gezielt einsetzen, um das bestehende Kanzleimodell zu perfektionieren. Open Weight Modelle lassen sich auf eigenen Rechnern betreiben und fachlich anpassen. Damit kann die Kanzlei ihr vertrautes Wissen und ihre gewohnten Abläufe immer leistungsfähiger reproduzieren. Sie vertieft ihren Burggraben und bleibt im eigenen fachlichen Silo. Auch Knowledge Twins können ausschließlich diesem Zweck dienen.

Dieselbe Technik kann jedoch auch dazu dienen, das Leistungsversprechen und Serviceangebot der Kanzlei zu verändern.

Hier liegt die eigentliche Weggabelung, die Michael Porters Unterscheidung zwischen operativer Effektivität und Strategie sichtbar macht. Die Steuererklärung schneller zu bearbeiten verbessert die Leistungserbringung. Eine strategische Position entsteht dagegen durch die Entscheidung, welchen besonderen Nutzen die Kanzlei welchen Mandanten bieten will und wie sie sich dafür organisiert.

Wer allein auf Preis und Tempo setzt, tritt mittelfristig gegen Technologieunternehmen an, deren Prozesse auf Automatisierung und große Fallzahlen ausgelegt sind. Für das Gros der Kanzleien dürfte dieser Wettlauf als Zukunftsstrategie nicht tragen. Eine strategische Alternative liegt darin, das eigene Beratungsangebot weiterzuentwickeln. Finanzdaten laufend auszuwerten, Entwicklungen früh zu erkennen und unternehmerische Optionen gemeinsam mit dem Mandanten zu erarbeiten.

So wird die Kanzlei zum Financial Concierge, der das Geschäftsmodell und die wirtschaftliche Entwicklung des Mandanten kontinuierlich begleitet. Dafür braucht sie Datenkompetenz, Branchenwissen und eine Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg.

Mit der beschriebenen Architektur ist beides möglich, die Perfektionierung des bestehenden Silos ebenso wie seine Öffnung. Welchen Weg hybride Teams einschlagen, bestimmt die Kanzlei mit ihrem Beratungsziel. KI kann das Bestehende perfektionieren. Ob daraus Wandel entsteht, entscheidet allerdings nicht die Technologie, sondern die strategische Zielsetzung der Kanzlei.


Über die Autoren:
Autoren Name

Götz Kümmerle

Er ist Gründer von parcourage in Leverkusen. Er berät Steuerberatungskanzleien bei der strategischen Integration von KI.

Autoren Name

Stefan Groß

Er ist Steuerberater und Managing Partner bei Peters, Schönberger & Partner mbB in München.

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