Netzwerken für Juristinnen

von Nadja Harraschain

Netzwerken ist in seiner Wirkung kaum zu unterschätzen. Egal, ob man auf der Suche nach einem tollen Sportverein oder seinem Traum(studierenden)job ist, oder ob man sich gesellschaftlich gegen den Klimawandel einsetzt – ohne Netzwerke kommt man selten weit. Wer sich in der Mehrheitsgesellschaft nicht immer repräsentiert fühlt, zudem kann davon profitieren, sich zeitweise in einer „Bubble“ aufzuhalten, um sich mit neuer Energie zu versorgen.

Netzwerke erfüllen hierbei gleich mehrere Funktionen: Relevante Informationen werden ausgetauscht. Man unterstützt andere. Man erfährt Unterstützung. Die eigene Sichtbarkeit erhöht sich. Außerdem können Netzwerke die Funktion von „Safe Spaces“ erfüllen, in denen sich Mitglieder über sensible Erfahrungen austauschen können und/oder in einer Art und Weise verstanden wissen, die sie außerhalb des Netzwerks oft nicht erfahren.

Was für Jurist*innen gilt, gilt für Juristinnen* umso mehr

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Egal, für welche Branche man sich entscheidet – Leistung ist in aller Regel ein wichtiger Treiber für das berufliche Fortkommen. Gute Leistung allein ermöglicht es jedoch selten, beruflich weite Sprünge zu machen. Daneben kommt es auf Empfehlungen und die eigene Reputation am Markt an. Beide Faktoren sind oft der Schlüssel für die gerichtliche Abordnung, für die Einladung, um einen Pitch für ein Mandat einzureichen oder um auf einer Fachkonferenz einen Vortrag zu halten. Haben Netzwerke damit für Jurist*innen im Allgemeinen schon eine besondere Bedeutung, können sie für Juristinnen* einige zusätzliche Komponenten bieten:

Wer sich als Juristin* dazu entscheidet, Familie und eine zeitlich anspruchsvolle Berufstätigkeit miteinander zu vereinbaren, bewegt sich damit noch immer außerhalb der gesellschaftlichen Norm. So müssen sich beruflich ambitionierte Mütter oftmals für ihre Entscheidungen rechtfertigen und es wird ihnen schnell unterstellt, aufgrund ihrer „Rolle“ als Mutter nicht mehr leistungsfähig zu sein. Aber auch Frauen ohne Kinder sehen sich immer wieder Vorurteilen oder unangemessenem Verhalten durch Vorgesetzte ausgesetzt. Um sich eine gesunde Resilienz für solche Situationen aufzubauen, kann es helfen, sich gezielt mit Personen zu umgeben, vor denen der eigene Werdegang nicht gerechtfertigt werden muss. Noch besser ist, wenn der Austausch die Inspiration für den eigenen Werdegang fördert.

Einige der klassischen Netzwerkgelegenheiten sind für Juristinnen* deutlich schwerer zugänglich als für Juristen. Mehr oder wenige feste durch den*die Arbeitgeber*in organisierte Fußballrunden, exzessive Abende an der Bar oder Verabredungen zum Dinner sind für viele Juristen eine willkommene Gelegenheit, sich innerhalb kurzer Zeit über Alters-, Abteilungs- und Hierarchiegrenzen hinaus zu vernetzen. Was für Juristen jedoch ohne Weiteres gesellschaftlich anerkannt ist, wird für Juristinnen* oftmals zum Problem. Nicht zufällig wird gerade jungen Juristinnen* regelmäßig empfohlen, keine missverständlich wirkenden Dinner-Einladungen auszusprechen oder anzunehmen, sondern auf einen Lunchtermin auszuweichen. Umso wichtiger ist es daher, sich andere Netzwerk-Gelegenheiten zu schaffen

Praktische Tipps: Eine positive Einstellung zum Netzwerken entwickeln. Sich eine gewisse Offenheit und Grundfreundlichkeit in allen Lebenssituationen aneignen – manchmal ergeben sich Kontakte in gänzlich unvorhergesehenen Situationen. Schon im Studium mit dem Netzwerken anfangen. Sich spätestens nach dem ersten Examen ein LinkedIn-Profil anlegen und sein Netzwerk dort aufbauen.

Der Aufbau eines professionellen Netzwerks

Der Aufbau eines stabilen Netzwerks dauert oftmals Jahre. Der Weg dahin besteht aus vielen kleinen Schritten. Viele davon lassen sich ganz einfach umsetzen.

Fachliche Zusammenkünfte sind ein hervorragendes Mittel, um den eigenen Kontakt-Radius zu erweitern und sich mit Personen mit überschneidenden beruflichen Interessen zu vernetzen. Egal, ob wissenschaftliche Konferenz, Workshop, Moot Court oder Kanzlei-Event, grundsätzlich kommt es immer auf dieselben drei Schritte an: Vorbereitung, aktive Teilnahme und Nachbereitung. Kontakte lassen sich besser knüpfen, wenn man Gesprächspatner*innen eine Visitenkarte mit Namen und E-Mail-Adresse überreichen kann. Interessante Gespräche entstehen, wenn man sich selbst aktiv in die Veranstaltung einbringt und auf eine Begleitung verzichtet. Nachhaltig fruchten können geknüpfte lose Kontakte aber nur, wenn man sich regelmäßig auf weiteren Veranstaltungen, beim Lunch oder über berufliche Online-Netzwerke wie LinkedIn „über den Weg läuft“.

Publikationen und Vorträge steigern die eigene Sichtbarkeit in der fachlichen Szene, vermögen dadurch den fachlichen Austausch anzuregen und einen selbst für das Netzwerk anderer interessant zu machen. Vervielfältigen lässt sich dieser Effekt, indem man auf die Publikation in seinem online gepflegten Netzwerk aufmerksam macht. Auch wenn Privates in diesen nur wenig Erwähnung findet, können auch persönliche Stellungnahmen – solange wohl dosiert – zu einer interessanten Erweiterung des Netzwerks beitragen.

Zuletzt sollte man nie die Kontakte zu den eigenen „Peers“ unterschätzen – wer heute noch in der Vorlesung neben einem sitzt könnte in mehreren Jahren Leiter*in einer Rechtsabteilung sein.

Praktische Tipps: Veranstaltungen vorzugsweise alleine besuchen. Mindestens einen inhaltlichen Beitrag auf jeder Veranstaltung leisten. Ein interessantes Gespräch bei einem (virtuellen) Kaffee fortsetzen. Neue Kontakte seinem professionellen Online-Netzwerk hinzufügen. Professionelle Online-Netzwerken über die Vernetzung hinaus aktiv nutzen für Posts und Kommentare.

Netzwerken beitreten: Die Qual der (Aus-)Wahl

Auch bereits bestehende Netzwerke können eine hervorragende Anknüpfmöglichkeit sein, um das eigene Netzwerk aufzubauen. Spätestens mit dem Eintritt ins Berufsleben wird die Zeit aber knapp. Besonders rares Gut ist sie meist für Eltern, die Berufsleben, familiäre Zeit und Netzwerken miteinander vereinbaren wollen. Entsprechend sorgfältig sollte die Auswahl der Netzwerke erfolgen, denen man sich anschließen möchte.

Wer insbesondere den Markt kennenlernen und die eigene Reputation am Markt aufbauen möchte, tut gut daran, sich in den entsprechenden juristischen oder fachlichen Netzwerken umzusehen. In vielen Rechtsgebieten gibt es deutschlandweit, regional und/oder international agierende Netzwerke, die den fachlichen Austausch für Jurist*innen erleichtern. Hinzukommend gibt es in vielen Netzwerken „Jugend-“Organisationen für die jüngeren Mitglieder.

Wer seine Resilienz stärken will und Inspiration sucht, ist gut darin beraten, sich einem entsprechenden Netzwerk anzuschließen. Dies können Frauennetzwerke sein, die ihre Schnittmenge über ein juristisches Fachgebiet, die Vereinbarung von Mutterschaft mit einer anspruchsvollen beruflichen Tätigkeit, oder das Interesse an einer Karriere in der Wirtschaft haben. Netzwerke mit vergleichbaren Effekten gibt es etwa für Migrant*innen der ersten oder zweiten Generation, die auf keine oder wenige beruflich unterstützende Netzwerke der Eltern zurückgreifen können.

Wer gezielt Austausch außerhalb der beruflich ausgetretenen Pfade sucht, kann sich außerdem geschlechtsunabhängigen, themenübergreifenden Netzwerken anschließen. Diese können sich zum Beispiel politischen oder karikativen Zwecken verschrieben haben.

Praktische Tipps: Sich vorab gut überlegen, was man in einem Netzwerk genau sucht. Unternehmensinterne und unternehmensexterne Netzwerke in die Überlegung mit einbeziehen. Sich nur an Netzwerke binden, deren Mitglieder einem spannend und sympathisch genug erscheinen, um regelmäßig an Veranstaltungen teilzunehmen. Ämter übernehmen.

Ausblick

Der Einstieg ins Netzwerken fällt nicht immer leicht. Gleichwohl kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass es sich lernen lässt. Insbesondere die tägliche oder zumindest wöchentliche Routine kann hierbei helfen. Das Einarbeiten lohnt sich: Ganz abgesehen von den potentiellen beruflichen Entwicklungschancen kann Netzwerken unheimlich viel Spaß machen und den eigenen Horizont beständig erweitern.

 

Über die Autorin:

Dr. Nadja Harraschain
Gründerin und Geschäftsführerin von breaking.through
Rechtsreferendarin am OLG Frankfurt