Richtiges Lernen – Mit individualisierten Kurskonzepten erfolgreich zum Steuerberaterexamen

von Prof. Dr. Wolfgang Kessler und Dipl.-Vw. Carmen Hugger, M.A

Das Steuerberaterexamen gilt als äußerst anspruchsvoll, was sich auch in den hohen Durchfallquoten bemerkbar macht. Von den jährlich etwa 5.000 Teilnehmenden (2021: 4.914) schaffen letztlich nur ca. 50 % (2021: 48,5%) das Examen.1 Die Ursache hierfür liegt nur zu einem Teil in der kom­plexen und umfangreichen Materie. Die niedrigen Bestehensquoten lassen sich hingegen auch auf ein vielfach falsches Lernen und oft­ mals veraltete Kurskonzepte zurückführen.

Lerndefizite durch Massenkurse

Obwohl es mittlerweile einige Unterschiede hinsichtlich der Präsentation und Vermittlung des Lernstoffes gibt, ist der Großteil der Vorbereitungskurse am Markt noch immer als Massenkurs im klassischen Frontalunterrichtsformat ausgestaltet. Dieses didaktisch veraltete Konzept hat zur Folge, dass viele Teilnehmenden trotz unzählig verbrachter Stunden in den Block- oder Wochenendveranstaltungen nicht dazu befähigt werden, das Gelernte im Anschluss selbst zu Papier zu bringen. Allein einem guten Dozenten oder einer guten Dozentin zuzuhören reicht hierfür üblicherweise nicht aus. Vielmehr ist es notwendig, das Wissen auch zu verinnerlichen, um es eigenständig und nachhaltig anwenden zu können. Um dies zu schaffen, ist eine effektive Vor- und Nachbereitung des Stoffes essentiell. Nur so können Steuerberateranwärterinnen und -anwärter lernen, Muster zu erkennen sowie bewährte Strategien und Techniken zu entwickeln, um letztlich nachhaltige Lernfortschritte zu erzielen.

Frontalvorträge statt individueller Betreuung

Klassische Massenkurse mit Frontalvorträgen eignen sich hierfür jedoch nur bedingt. Zum einen animiert das Unterrichtsformat nicht zum Mitmachen und zur Interaktion. Die Folge ist ein lediglich passives Lernen, wodurch ein selbständiges Anwenden des Stoffes erschwert wird. Zum anderen führt die große Anzahl an Teilnehmenden dazu, dass Dozentinnen und Dozenten nicht auf alle Lernenden ausreichend eingehen können. Für individuelle Fragen, Probleme und Bedürfnisse jedes Einzelnen bleibt den Dozentinnen und Dozenten in der Regel keine Zeit. Zudem können aufgrund der Masse an Teilnehmenden persönliche Wissensstände nicht berücksichtigt werden. Somit werden alle Kursteilnehmenden gleichbehandelt, egal auf welchem Lernstand sie sich gerade befinden. Ein weiterer Nachteil großer Gruppen ist, dass viele Personen gehemmt sind, ihre Fragen offen anzusprechen. Auch macht sich häufig erst später beim Wiederholen zu Hause bemerkbar, dass Teile des vermittelten Stoffes nicht verstanden wurden. Zu dieser Zeit ist der Kurs jedoch meist schon vorbei oder es werden bereits anderweitige Themen behandelt, sodass Fragen oftmals unbeantwortet bleiben und die Nachbereitung nicht zufriedenstellend abgeschlossen werden kann.

Zielgerichtetes Lernen dank innovativer und flexibler Kurskonzepte

Damit zukünftig ein größerer Anteil an Steuerberateranwärterinnen und -anwärtern erfolgreich das Examen ablegen kann, sind innovative Kursformate gefragt, die die individuellen Bedürfnisse und persönlichen Voraussetzungen der Lernenden umfassender berücksichtigen. Einerseits sollte es sich dabei um Kursangebote handeln, die den Steuerberateranwärterinnen und -anwärtern eine größere Flexibilität einräumen. Denn Menschen sind vielfältig und weisen unterschiedliche Lebensumstände und Verpflichtungen auf. Dies kann beispielsweise eine Krankheit, die Betreuung von Kindern, die Pflege von Angehörigen oder eine besonders stressige Phase im Beruf sein. Da die persönlichen Umstände in hohem Maße beeinflussen, wie, wann und wie viel jemand lernen kann, sind Kursanbieterinnen und -anbieter dazu angehalten, nicht nur den einen klassischen Weg zum Examen aufzuzeigen. Vielmehr sind individuelle, zeitlich und örtlich flexible Kurskonzepte (z. B. On-Demand-Kurse, Online-Kurse) erforderlich, damit mehr Personen das StB-Examen sicher bestehen können.

Der passgenaue Lernpfad zum Erfolg

Weiterhin sind für eine erfolgreiche Vorbereitung auch Kursformate notwendig, die ein effektives und zielgerichtetes Lernen fördern, sodass die nur begrenzt zur Verfügung stehenden persönlichen Ressourcen optimal eingesetzt werden. Hierfür eignen sich Konzepte, die den Fokus ganz gezielt auf das Individuum richten und einen auf die jeweilige Person passgenauen Lernpfad bereitstellen. Durch eine individuelle Anleitung ist es möglich, den Lernenden eine geeignete Vorgehensweise aufzuzeigen und ihnen damit die Angst und Überforderung aufgrund des enormen Stoffumfangs zu nehmen. Zahlreiche Steuerberateranwärterinnen und -anwärter sind der Auffassung, dass die gesamten Kursmaterialien detailliert auswendig zu lernen sind. Dies ist aufgrund der Fülle des Stoffes jedoch schlichtweg unmöglich. Notwendig sind vielmehr ein strukturiertes und verständnisorientiertes Lernen sowie die Aneignung geeigneter Techniken. Weiterhin sollten die Lernenden den Schwerpunkt der Vorbereitung auf Bereiche legen, wo noch die größten Schwächen und Wissenslücken bestehen. Hierfür eignen sich jedoch keine starren Kurskonzepte, sondern es sind Formate notwendig, die den individuellen Bedarf kontinuierlich ermitteln.

Mit persönlicher Betreuung und Individual­ coachings zum Lernerfolg

Um für Steuerberateranwärterinnen bzw. -anwärter einen optimal zugeschnittenen Lernplan zu entwickeln, bedarf es zunächst einer Analyse des individuellen Kenntnisstands und Lerntyps. Eine regelmäßige Lernstandskontrolle über die gesamte Vorbereitungszeit hinweg kann zudem dazu beitragen, dass der bzw. die Lernende auf dem „richtigen“ Lernpfad verbleibt und sich weiterhin entsprechend dem individuellen Bedarf vorbereitet. Ohne eine persönliche Ansprechperson ist das kaum zu leisten. Diese kann neben fachlicher Hilfestellung auch moralische Unterstützung anbieten und dabei helfen, die Motivation und Disziplin des bzw. der Lernenden über die lange Zeit der Vorbereitung hinweg aufrechtzuerhalten. Werden Steuerberateranwärterinnen und -anwärtern zusätzlich noch Einzelcoachings oder Besprechungen in Kleingruppen angeboten, kann auf individuelle Bedürfnisse und Probleme noch intensiver eingegangen werden. In diesem Format ist es Lernenden möglich, Fragen zu Klausuraufgaben und Fällen zu stellen, die sie mit den vorhandenen Kursmaterialien allein nicht lösen können. Durch die gemeinsame Diskussion des Sachverhalts im Rahmen eines Coachings erfolgt eine interaktive Auseinandersetzung mit den Lerninhalten. Dies trägt dazu bei, dass sich die Lernenden den Stoff viel besser einprägen können als bei bloßem Zuhören während eines Frontalvortrags. Der Austausch mit den Coaches kann Lernenden zudem aufzeigen, ob sie Themen falsch verstanden haben und sich diesbezüglich gerade auf dem „Holzweg“ befinden. Die kleinen Gruppen bzw. die 4-Augen-Gespräche bieten weiterhin den Vorteil, dass sich die Lernenden eher trauen, alle Zweifel und Fragen offen anzusprechen und sich intensiver an den Diskussionen zu beteiligen.

Fazit

Kurskonzepte dieser Art, die bislang nur von wenigen Anbietern am Markt zur Verfügung gestellt werden, eröffnen Steuerberateranwärterinnen und -anwärtern daher ein neues Lernerlebnis. Sie erlauben nicht nur eine größere Flexibilität und Individualisierung, sondern darüber hinaus auch ein aktives und zielgerichteteres Lernen. Es wird eine bedarfsgerechte und effektive Vorbereitung ermöglicht, die dazu beitragen kann, dass das Examen mit größerer Wahrscheinlichkeit erfolgreich gelingt.

1Kammerrundschreiben, https://www.kammerrundschreiben.de/ausgabe/aus-und- fortbildung/20213-ergebnisse-stb-pruefung?tx_scnewsexport_p1%5Baction%5D=generate PDF&cHash=bf52a01b4f9c41bf39e75dc085f8c6f0, abgerufen am 02.12.2022.

Dieser Artikel erschien erstmals als Beitrag im Special "Aus- und Weiterbildung" der DStR 03/2023.

Über die Autoren:

Prof. Dr. Wolfgang Kessler,
ist Steuerberater, Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Initiator und Gründungsgesellschafter der Tax Academy und Leiter der von ihm initiierten berufs- begleitenden Masterstudiengänge „Master of Arts – Taxation“ und „MBA International Taxation“.

 

Dipl.-Vw. Carmen Hugger, M.A.,
studierte an der Albert-Ludwigs-Universität Sinologie auf Magister Artium und Volkswirtschaftslehre auf Diplom. Seit 2015 ist sie bei der Tax Academy tätig. Zudem promoviert sie bei Prof. Dr. Wolfgang Kessler am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre der Universität Freiburg.