Moderne Steuerfortbildung: mehr als Fachwissen

von Sabine Oettinger

Der steuerberatende Berufsstand steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Digitalisierung, Fachkräftemangel, veränderte Mandantenerwartungen und der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz verändern den Kanzleialltag spürbar. Diese Entwicklungen betreffen nicht nur die tägliche Arbeit – sie definieren auch neu, was Fortbildung künftig leisten muss. Reines Fachwissen allein wird dafür nicht mehr ausreichen.

Wer künftig erfolgreich arbeiten will, braucht Kompetenzen, die fachliche Sicherheit, technisches Verständnis und menschliche Stärke miteinander zu verbinden. Aus und Weiterbildung gewinnt damit an strategischer Bedeutung. Sie begleitet nicht mehr nur den Berufsweg, sondern wird zu einem zentralen Instrument zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit von Kanzleien. Moderne Fortbildung muss sich konsequent an den tatsächlichen Anforderungen des Berufsalltags orientieren und den Wandel im Berufsbild abbilden.

Spezialisierung als Antwort auf wachsende Anforderungen

Besonders deutlich zeigt sich dieser Wandel im Bereich der Spezialisierung. Die Anforderungen an Kanzleien und Mitarbeitende werden breiter und komplexer – gezielte Qualifikation ist darauf eine naheliegende Antwort.

Die Fachassistentinnen und Fachassistenten sind ein gutes Beispiel dafür, wie Qualifizierung heute funktionieren kann: gezielt, praxisnah und eng an den Bedürfnissen der Kanzleien orientiert. Ob im Bereich Digitalisierung (FAIT), Rechnungswesen (FARC) oder Lohn und Gehalt (FALG) entstehen Spezialisierungen, die im Alltag unmittelbar gebraucht werden.

Gerade in arbeitsteiligen Kanzleistrukturen werden solche Zusatzqualifikationen immer wichtiger. Nicht jede Frage muss und kann von der Kanzleileitung selbst beantwortet werden. Vielmehr braucht es gut qualifizierte Mitarbeitende, die bestimmte Themen eigenständig bearbeiten und Verantwortung übernehmen können. Dieses Prinzip beschränkt sich nicht auf Fachassistenten. Für alle Rollen in der Kanzlei gewinnen klar definierte Kompetenzprofile an Bedeutung – von der Sachbearbeitung bis zur Führungsebene.

Fortbildung als Mittel der Fachkräftesicherung

Das ist auch für die Fachkräftesicherung von großer Bedeutung. Kanzleien, die transparente Qualifikationswege und Entwicklungsmöglichkeiten anbieten, sind für Nachwuchskräfte deutlich attraktiver. Wer Perspektiven sieht, bleibt eher. Wer sich entwickeln kann, identifiziert sich stärker mit dem Arbeitgeber. Fortbildung wird damit zu einem Instrument der Mitarbeiterbindung und nicht nur der Wissensvermittlung.

Hinzu kommt: Die Erwartungen vieler jüngerer Beschäftigter haben sich verändert. Eine gute fachliche Ausbildung allein genügt vielen nicht mehr. Gefragt sind Entwicklungschancen, Flexibilität und ein erkennbarer Weg innerhalb der Kanzlei. Wer darauf überzeugende Antworten gibt, verbessert nicht nur seine Personalgewinnung, sondern auch seine Wettbewerbsfähigkeit.

KI und neue Anforderungen an Kompetenz

Mit der zunehmenden Verbreitung von Künstlicher Intelligenz verändert sich auch die Nutzung von Informationen. Ergebnisse lassen sich schnell erzeugen, ihre Verlässlichkeit ist jedoch nicht immer eindeutig. Die Fähigkeit zur Einordnung und Bewertung wird damit zentral.

Für die Aus und Fortbildung ergeben sich daraus neue Anforderungen. Neben fachlichem Wissen treten Kompetenzen im Umgang mit KI-Systemen: das Verständnis von Funktionsweisen, der sichere Einsatz von Tools sowie die Fähigkeit, Ergebnisse kritisch zu prüfen und fachlich zu verantworten. Wer weniger selbst bucht oder berechnet, muss dennoch verstehen, wie Ergebnisse zustande kommen und wie ihre Qualität gesichert wird. Fortbildung muss daher Methodenkompetenz, Prozessverständnis und Qualitätssicherung stärker in den Fokus rücken.

Empathie als Schlüsselkompetenz

In einer Umgebung, in der technische Unterstützung selbstverständlicher wird, gewinnen menschliche Fähigkeiten weiter an Gewicht. Steuerberatung ist und bleibt eine Vertrauensdienstleistung. Wer Mandate beraten, Mitarbeitendeführen und komplexe Sachverhalte einordnen will, braucht neben fachlicher und digitaler Kompetenz auch Empathie.

Empathie ist mehr als bloßes Einfühlungsvermögen. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, Bedürfnisse von Mandantinnen und Mandanten zu erkennen, komplexe Inhalte verständlich zu vermitteln und unterschiedliche Persönlichkeiten in Kanzleien zusammenzubringen. Dabei geht es auch um Verlässlichkeit, klare Kommunikation und situatives Verhalten – gerade in anspruchsvollen Gesprächssituationen wie Jahresabschlussgesprächen, Betriebsprüfungen oder Konfliktlagen.

Empathie ist kein Talent, das man entweder besitzt oder nicht. Sie lässt sich entwickeln, durch aktives Zuhören, bewusstes Nachfragen, Perspektivwechsel und eine Kultur, in der Rückmeldungen ernst genommen werden. Kanzleien, die diese Fähigkeiten gezielt fördern, stärken Mandantenbeziehungen ebenso wie Zusammenarbeit und Führung.

Berufsbild im Wandel

Die Weiterentwicklung des Berufsbildes wird daher nicht allein von Technik und Spezialwissen geprägt sein. Entscheidend ist, ob es gelingt, fachliche Exzellenz mit Prozessverständnis, Spezialisierung und menschlicher Kompetenz zu verbinden. Genau hier setzt moderne Steuerfortbildung an. Sie bereitet nicht nur auf einzelne Aufgaben vor, sondern auf einen Berufsstand, der sich inhaltlich und strukturell weiterentwickelt.

Wenn Fortbildung diesen Anspruch erfüllt, ist sie weit mehr als Pflicht oder Kür. Sie wird zum aktiven Bestandteil der Zukunftssicherung des Berufs und hilft dabei, den Wandel nicht nur zu begleiten, sondern mitzugestalten.

Über die Autorin:
Autoren Name

Sabine Oettinger

Sie ist Steuerberaterin und Geschäftsführerin der Oettinger & Coll. GmbH Steuerberatungsgesellschaft in Starnberg. Sie ist Vizepräsidentin des Landesverbands der steuerberatenden und wirtschaftsprüfenden Berufe in Bayern e.V., Mitglied der Delegiertenversammlung des Verbands Freier Berufe in Bayern e.V. sowie Mitglied der DATEVVertreterversammlung.

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