Die Corona-Pandemie als Katalysator für die Digitale Lehre – Teil 2

von Ghazzal Novid

Prof. Dr. Susanne Lilian Gössl, LL.M. (Tulane) hat die Professur für Bürgerliches Recht und Digitalisierung des deutschen, ausländischen und internationalen Privatrechts an der Uni Kiel inne. Im zweiten Teil des Interviews mit unserem Autor Ghazzal Novid erzählt sie über Digitalisierungsfragen in der Rechtswissenschaft und Digitaler Lehre wegen Corona.

GN: Ich nehme die Coronakrise, sinnbildlich gesprochen, auch als Katalysator für Digitalisierung wahr. Vielleicht ist das überwiegend auch Wunschdenken. Und sicherlich hätte ich angesichts der vielen menschlichen Schicksale auf die Pandemie verzichten können. Nehmen Sie denn hinsichtlich Ihres Forschungsfeldes positive Entwicklungen wahr, die nun besonders hervortreten?

SG: Digitalisierung war natürlich schon vor der Pandemie ein Modewort und es gab eine starke wissenschaftliche, aber häufig noch sehr theoretische Diskussion. Die große Veränderung ist meines Erachtens, dass nicht nur die Theorie, sondern auch die Praxis plötzlich erhöhten Bedarf an digitalen Lösungen zeigt. Damit hat alles an Geschwindigkeit aufgenommen. Und in dieser Hinsicht zeigt sich die Pandemie als digitalisierungsfördernd, oder, wie Sie sagen, katalysierend. Fragen, die vorher eher in kleinen Communities diskutiert werden, gewinnen plötzlich an Relevanz. Als Beispiel denke ich hier an die Digitalisierung der Justiz - plötzlich ist der § 128a ZPO in aller Munde, ebenso allgemein Möglichkeiten, Streitbeilegung über Online-Medien durchzuführen. Ebenso diskutieren plötzlich die Notare über eine virtuelle Beglaubigung, wie sie es in anderen Ländern bereits gibt. Es liegt ein Gesetzesentwurf für ein elektronisches Wertpapier vor, ein weltweites Novum. Diese Entwicklungen hätte es sicher auch so irgendwann gegeben, aber wahrscheinlich deutlich später und möglicherweise auch weniger innovativ. Wobei wir natürlich abwarten müssen, wie sich alles entwickelt, wenn die Pandemie (hoffentlich) wieder abebbt. In Kiel konkret hat die Pandemie darüber hinaus geholfen, das Interesse an Digitalisierung der Lehre zu fördern. Es gibt aktuell Überlegungen, hier einen stärkeren Fokus auch aus wissenschaftlicher Sicht zu legen. Vorher hatte ich den Eindruck, wurde doch eher darüber gelächelt, wenn sich jemand in dem Bereich engagierte. Auch hier hoffe ich, dass diese Tendenz nicht vorübergeht, sondern das Interesse erhalten bleibt, auch wenn ich ebenso hoffe, dass Präsenzveranstaltungen bald wieder ohne große logistische Probleme möglich sein werden.

GN: Das Computer-Examen wird breit diskutiert, Studierende kommen heutzutage mit Tablets und Ultrabooks in den Hörsaal (wenn nicht gerade Pandemie ist). Lernzettel werden mittlerweile im PDF-Format erstellt und immer weniger auf den Collegeblock gekritzelt. Wofür nutzen Sie als Professorin lieber Papier und wann ist für Sie Elektronik doch die bessere Wahl?

SG: Was das betrifft, habe ich im Lauf von Studium, Promotion und Habilitation gewisse Routinen entwickelt, abhängig davon, was für mich am „ertragreichsten“ ist. Wie in allem würde ich hier jedem empfehlen, selbst herauszufinden, was für wen am besten geeignet ist. Ich, zum Beispiel, habe schon früh im Studium gemerkt, dass ich mich besser konzentrieren kann, wenn ich mich aktiv beteilige und wenn ich Stichpunkte mitschreibe. Letzteres mache ich noch bis heute auf Konferenzen oder anderen Veranstaltungen so, um nicht gedanklich abzuschweifen. Allerdings nutze ich hierzu weder Papier noch Laptop, sondern habe einen E-Reader/Writer, der die E-Paper- Technologie nutzt. Es sieht also aus wie Papier und fühlt sich so an, die Notizen bleiben aber digital. Damit vermeide ich ein späteres Zettel-Chaos und schone Bäume. Einen Computer würde ich aus Selbstschutz nicht verwenden, weil ich sein Ablenkungspotential kenne – ich fände mich viel zu schnell in meinen E-Mails oder Chat- Nachrichten und nicht der Veranstaltung wieder.

Ansonsten nutze ich Stift und Papier primär zum Korrekturlesen von Texten, eigener und fremder. Ich habe bemerkt, dass ich am Bildschirm andere Fehler finde als bei einem Ausdruck (und wahrscheinlich finde ich immer noch nicht genug). Daher versuche ich, wenn die Zeit es erlaubt, jeden meiner Texte auf beiden Medien gegenzulesen. Ansonsten lese ich ungern längere Texte am Bildschirm und weiche auch hier gerne auf meinen E-Reader aus, etwa bei Schwerpunktarbeiten oder Exposés. Bei letzteren ist mir das auch lieber, um Verweise oder Pfeile zu machen, wenn mir am Aufbau etwas nicht gefällt und um spontan Kommentare an den Rand zu machen. Aktuell denke ich über ein Update nach - nämlich einen Reader, der meine Handschrift in Klartext überträgt, das wäre wahrscheinlich für alle, die bei mir promovieren, besser.

GN: Frau Gössl, haben Sie vielen herzlichen Dank für diese ergiebigen Einblicke!

Lesen Sie Teil 1 dieses Interviews.

Über den Interviewer:

Ghazzal Novid
ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für
Bürgerliches Recht und Zivilprozessrecht an der Uni Kiel

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Quelle BECK Stellenmarkt 22/2020