Legal Interim – leicht gemacht!

Interview mit Dr. Christoph Wittekindt, Leiter Legal People, München - Frankfurt/Main

Herr Dr. Wittekindt, viele Arbeitgeber denken in letzter Zeit verstärkt über den Einsatz von sog. Projekt- oder Interims-Juristen, auch Legal Interim genannt, nach, nachdem es ihnen zunehmend schwerfällt, geeignete und qualifizierte Juristen zu finden, insbesondere für spezielle Projekte oder zur kurzfristigen Überbrückung einer Vakanz. Was genau versteht man darunter?

Wittekindt: Unter dem Begriff Legal Interim versteht man den kurzfristigen Einsatz von Volljuristen mit oft langjähriger Berufs- und Branchenerfahrung für einen Zeitraum von 3 bis 18 Monaten zur rechtlichen Beratung bzw. Unterstützung eines Unternehmens, einer Kanzlei oder eines Verbands. Der Einsatz erfolgt zumeist vor Ort beim Auftraggeber. Der Interimsjurist schließt dabei in der Regel einen entsprechenden Werk- oder Dienstleistungsvertrag („Beratervertrag“) über seinen Einsatz mit dem Auftraggeber ab; wird wie regelmäßig ein Vermittler eingeschaltet, schließt dieser einen separaten Vertrag mit dem Auftraggeber über seine Vermittlungstätigkeit ab, die bis hin zu einer Projektbegleitung und -betreuung reichen kann. Negativ gewendet, ist Legal Interim weder Arbeitnehmerüberlassung, auch keine Tätigkeit von Diplomjuristen als sog. Support Lawyer (für „Document Review“, „Forensic Services“ oder „Investigations“) noch eine Entsendung von jüngeren Rechtsanwälten aus der Großkanzlei in die Rechtsabteilung des Unternehmens („Secondment“).

Können Sie Beispiele für den Einsatz von solchen Interimsjuristen nennen?

Wittekindt: Es gibt für den Legal Interim drei klassische Einsatzmöglichkeiten:

1. Der Projekteinsatz, d.h., die Übernahme und Steuerung eines Projekts, welches der Auftraggeber, z.B. ein Unternehmen, eine Kanzlei oder ein Verband, nicht mit ihren „Bordmitteln“ managen kann, sei es, weil es an der nötigen (Wo)men-Power fehlt, sei es, weil spezifische Rechtskenntnisse nicht vorhanden sind. Klassische Beispiele für solche Projekte sind die Einführung von Compliance- oder Datenschutzsystemen in Unternehmen, ein größeres M&A-Projekt oder die Anpassung sämtlicher Unternehmensverträge einschließlich der AGB an aktuelle gesetzliche Vorgaben und ähnliches mehr.

2. Die Überbrückung von Vakanzen, also z.B. Elternzeitvertretung oder wenn und solange eine vakante Position nicht oder nicht adäquat (nach-)besetzt werden kann.

3. Die ausgelagerte Rechtsabteilung. Gerade kleinere und mittlere Unternehmen, die nur über eine kleine oder gar keine eigene Rechtsabteilung verfügen, greifen gerne zur Unterstützung beim laufenden Geschäft oder bei Spezialfragen auf Interims-Juristen zurück, da diese über längere Zeit „vor Ort“ im Unternehmen verfügbar sind, deren Strukturen kennen und in der Regel günstiger sind als externe Rechtsanwälte.

Wie läuft so ein Interims-Einsatz in der Praxis ab?

Wittekindt: Legal Interim ist ein schnelles Geschäft: Von der Anfrage bis zum Einsatz des Interimsjuristen beim Kunden vergehen in der Regel nicht mehr als zehn Tage. Wenn wir eine solche Anfrage erhalten, klären wir zunächst, ob der Kunde über das nötige Budget für den Einsatz eines Interimsjuristen verfügt. An einem nicht ausreichenden bzw. zu knapp kalkulierten Budget scheitern in der Praxis von vorneherein viele Einsätze. Sodann klären wir mit dem Kunden das Profil, Umfang, Dauer und Ort des geplanten Einsatzes. Danach kontaktieren wir auf Basis unserer Interims-Datenbank innerhalb von 48 Stunden sämtliche auf das Profil passenden und verfügbaren Kandidaten, bevorzugt in geographischer Nähe zum geplanten Einsatzort. Der Kunde erhält dann die Profile der in Frage kommenden Kandidaten. Es folgen in der Regel kurzfristig Interviews mit den Kandidaten. Sobald sich Kunde und Kandidat über den rechtlichen und zeitlichen Rahmen des Einsatzes einig sind und die „Chemie stimmt“, kann der Interimer starten.

Wie sieht der „klassische“ Interimsjurist aus und wie viele gibt es davon derzeit überhaupt?

Wittekindt: Der „typische“ Interimsjurist, den es natürlich so nicht gibt, verfügt über mehrjährige, oft langjährige Berufserfahrung, z.B. als leitender Syndikusanwalt in einem Unternehmen, als ehemaliger Partner einer Kanzlei oder ehemaliger Geschäftsführer eines Verbandes; das Ganze oft gepaart mit einschlägiger Branchenerfahrung. Die Palette reicht vom Generalisten bis zum hochspezialisierten Experten für bestimmte Rechtsthemen. Wichtig ist, dass der Interimer sich schnell und flexibel in unbekannte Aufgaben und Strukturen einarbeiten kann. Er muss umgehend beim Auftraggeber für die jeweilige Aufgabe einsatzfähig sein. Ihre Anzahl liegt derzeit bundesweit unter 100, ist also noch sehr übersichtlich.

Und wie sieht deren Vergütung aus?

Wittekindt: Aufgerufen werden derzeit Tagessätze von netto € 900 – € 1250,–, je nach Aufgabe, Berufserfahrung und Einsatzort. Auftraggeber müssen im Schnitt mit netto € 1000,– pro Tag rechnen, ggf. zzgl. Reise- und Übernachtungskosten. Also deutlich günstiger als mancher „Secondee“ aus der Großkanzlei oder die klassischen Unternehmensberater.

Zusammengefasst: Welche Vorteile bietet der Einsatz eines Interimjuristen aus Auftraggebersicht?

Legal Interim bedeutet: „Einkauf“ von rechtlicher Fachkompetenz und Erfahrung auf Zeit, d.h., kein Headcount, keine Schaffung eines neuen Arbeitsplatzes, keine Mitbestimmung, flexible Kündigungs- oder Verlängerungsmöglichkeit. Aus unserer Sicht ein Zukunftsmodell mit noch viel Potential in Deutschland.

Quelle BECK Stellenmarkt 17/2017