Compliance - weiterhin sehr gute Karrieremöglichkeiten?

von Nicolai von Steinaecker, Schollmeyer & Steidl

Die Thematik Compliance hat in den letzten Jahren nicht nur viele Vorstände und Geschäftsführer dieser Republik stark beschäftigt, sondern auch die Personalberater. Compliance war am Arbeitsmarkt eine viel gesuchte Spezialisierung. Wenn man die aktuellen Seminarangebote studiert, so könnte man meinen, dass Compliance heißer ist denn je. Zudem gibt es neben einigen Fachzeitschriften zum Thema neue Online-Formate. Auch maßgeschneiderte Fortbildungsangebote wenden sich an Interessenten, wie z. B. der „Certified Compliance Professional“ der Frankfurt School of Finance & Management. Aber gibt es innerhalb des Compliance-Bereiches für Juristen weiterhin gute Karrieremöglichkeiten?

Um es vorweg zu nehmen: Die Möglichkeiten sind weiterhin sehr gut. Die Tatsache, dass in den meisten Unternehmen und Konzernen die Bereiche Recht und Compliance mittlerweile getrennt wurden, steht dem Bedarf an qualifizierten Juristen jedenfalls nicht entgegen. Denn die überwiegende Mehrheit der Chief-Compliance-Officer hierzulande sind ebensolche; es hat sich in vielen Fällen nur die Berichtslinie geändert. Auch arbeiten die Compliance-Abteilungen oftmals im Tagesgeschäft mit den Kollegen der Rechtsabteilungen noch eng zusammen, was die Wahl – ob bewusst oder unbewusst – wieder auf eine Juristin oder einen Juristen fällen lässt. Einzig bei deutschen Teilkonzernen, die ihre Compliance-Abteilungen zu einem Großteil in der Internen Revision oder dem Finanzbereich verortet haben, sind Juristen nicht immer erste Wahl. Aber auch diese Arbeitgeber müssen sich, da sie in Deutschland rekrutieren, nach dem hiesigen Markt richten. Diesen haben sich die Juristen großteils zu eigen gemacht. Das hat einen guten Grund: Betriebswirte oder Ingenieure mögen mit Zahlen oder Prozessen besser umgehen können; Juristen aber sind die Spezialisten, wenn es um die Sicherstellung und Überwachung gesetzestreuen Handelns des Unternehmens und seiner Mitarbeiter geht.

Die Suchprofile und mithin die Anforderungen an die potentiellen Bewerberinnen und Bewerber haben sich allerdings leicht geändert. Dies hängt in erster Linie damit zusammen, dass die Strukturen der meisten Unternehmen in dem Bereich mittlerweile grundsätzlich feststehen und die Schlüsselpositionen vergeben sind. Größere Aufbauszenarien wie in den letzten Jahren dürfte es so schnell nicht wieder geben. Zwar mag es bei großen Unternehmen immer noch vorkommen, dass man einen bestehenden Compliance-Beauftragten, der Nichtjurist ist, durch einen Juristen ablöst und dabei erstmals ein Compliance-Office einrichtet und einige weitere Mitarbeiter rekrutiert. Da aber bei den meisten Unternehmen die Compliance- Abteilungen bereits über Jahre erfolgreich tätig sind und Altfälle abgearbeitet sind, liegt nun der Fokus auf der Prävention. Dies führt dazu, dass speziell bei Großunternehmen innerhalb des Compliance-Office eigene Unterteams für „Beratung & Prävention“ oder „Grundsatzfragen“ eingerichtet werden. Weiterhin implementieren viele Unternehmen nun bei den jeweiligen operativen Töchtern eigene Compliance- Officer. Außerdem benötigen weltweit tätige Großunternehmen in den einzelnen Ländern vor Ort Mitarbeiter, die „nach dem Rechten schauen“. Daneben lässt sich feststellen, dass die meisten Unternehmen des Mittelstands bei der Compliance noch ganz am Anfang stehen.

Jede Vakanz ist natürlich individuell, abhängig von Größe, Provenienz und Branche des Unternehmens. So ist ein kartellrechtlicher Hintergrund bei Kandidaten stets willkommen; in der Mineralölwirtschaft oder bei vielen Industrieunternehmen vielleicht schon ein Muss.

Eine Tendenz lässt sich bei allen Vakanzen heraus lesen: Die Tätigkeit im Compliance-Bereich erfordert nicht nur juristisches Wissen und Fertigkeiten. Stärker als bei einem „klassischen“ Legal Counsel sind die Fähigkeiten, interdisziplinär und prozessbezogen zu arbeiten, mit sehr prekären Situation umgehen zu können und ständig für und mit Nichtjuristen zu arbeiten, gefragt. Dementsprechend ist die Persönlichkeit der Kandidatin oder des Kandidaten oft wichtiger als die Papierform. Auch ohne Prädikatsexamina und Zusatzqualifikationen gelingt somit der Einstieg in ein interessantes Umfeld. Speziell für Bewerberinnen und Bewerber, die gerne „etwas anderes machen wollen“, ist die Arbeit im Compliance-Bereich damit eine interessante und abwechslungsreiche Alternative zu Kanzlei oder Rechtsabteilung. Man verliert nicht den juristischen Bezug und empfiehlt sich bei erfolgreicher Tätigkeit vielleicht sogar für andere, gegebenenfalls „höhere“ Aufgaben.

Quelle NJW 43/2011