Die digitale Lawine

von André Scheffknecht, Vorstand STP Informationstechnologie AG, Karlsruhe

Die fortschreitende Digitalisierung des Rechtsmarktes führt dazu, dass sich die Komplexität der Arbeitsabläufe, Geschwindigkeiten und Erwartungshaltungen von Mandanten zunehmend verändern. Wer sich eine Position für seine Kanzlei ganz oben auf der Rangliste erarbeiten und sichern will, braucht dafür eine sehr gute Basis. Diese Basis besteht in erster Linie aus hochmotivierten Menschen und einer smarten Umgebung, die diese Menschen unterstützt und entlastet. Perfektes Handling setzt perfekte IT-Lösungen voraus – anders ist der Wettlauf der Kanzleien nicht zu gewinnen.

Digitalisierung des Rechtsmarkts: Service sells!

Mandanten setzen neben Skills wie tiefe Sachkenntnis und hohe Identifikation mit den formulierten Problemen zunehmend eine sehr schnelle und unkomplizierte Kommunikation voraus. Eine früher übliche Abwesenheitsnotiz ist heute schon nicht mehr state of the art. Sofortige Lösungsansätze, Tipps und Hilfen sind gefragt, frei nach dem Motto „Was ich meinem Anwalt übergeben kann, spart mir Zeit für andere Dinge“.

Zunehmend berichten Kanzleien, dass die Kommunikation mit dem Mandanten auf allen verfügbaren Kanälen erfolgt. Es werden Verträge abfotografiert und per WhatsApp versendet und die Erwartungshaltung des Mandanten ist bei dieser Kommunikationsform nicht anders, als wenn er den Vertrag persönlich vorbeigebracht hätte: Er wünscht sachgemäße Prüfung, Rechtsverbindlichkeit und damit Sicherheit und das so schnell wie möglich.

Aufstrebende Kanzleien müssen sich darüber Gedanken machen, wie weit sie mit diesem Trend mitgehen wollen, dem Kommunikationsbedürfnis der Mandanten gerecht werden können und ob sie an dieser Stelle überhaupt eine Wahl haben. Kanzleien müssen ihre Konsequenzen aus den erhöhten Service-Erwartungen der Mandanten ziehen. Fest steht, der Service-Gedanke rückt zunehmend in den Vordergrund und die alten Zeiten geduldiger Mandanten sind passé.

Wettbewerbsvorteil?

Es gibt Unternehmens-Mandanten, die sich laut eigener Aussage für Kanzleien entscheiden, weil diese ausgereifte IT-Lösungen nutzen. Das wird immer dann der Fall sein, wenn es um Performance geht, die Kraft also, die es braucht, um schnell und effizient auch komplexe Fälle zu bearbeiten. Die juristische Dienstleistung mit allem was dazugehört, ist eine alte Profession und wird jetzt durch Technologie modelliert. Modelliert, aber nicht ersetzt! Denn jede gute juristische Dienstleistung basiert auf Können, auf Erfahrung, auf Feingefühl. Und das ist eben menschlich. Allerdings gibt es Bereiche, die ausgelagert werden können. Beispiel Due Diligence – gerade bei großen Deals.

Sicher werden einfache Verträge in der Zukunft via Eingabemaske vom Mandanten selbst bearbeitet und automatisiert erstellt werden können. Nicht verwundern würde es, wenn die Service-Erwartung des Mandanten auch in die Automatisierung der Produkterstellung eingreift. Möglich ist das, aber eben nur ein Anfang.

Apps halten Einzug in den Markt. Mobil sein ist notwendig – vor Gericht, aber auch bei Beratungen und in Verhandlungen und das international – unabhängig von Zeit und Raum. Kollaborationsplattformen ermöglichen gemeinsame Dokumenten-Erstellung und Bearbeitung. Alles bereits verfügbar.

Weiteres Thema und echter Wettbewerbsvorteil ist Transparenz. So zahlen zunehmend kritische Mandanten nicht mehr ohne Weiteres Kostennoten. Offen transparente Rechnungsstellung schafft Vertrauen und erhöht natürlich die Rechnungsakzeptanz.

Mobile Arbeitsplätze auch innerhalb der Kanzleien kommen in Mode. Terminal-Lösungen, die komplett papierloses Arbeiten ermöglichen, Räume freigeben und damit Kosten sparen,  werden bereits realisiert – auch interdisziplinär und international. Dieses Arbeiten ist Technologie-getrieben, erlaubt agile und skalierbare Teamzusammenstellungen und macht Premium-Büroflächen eigentlich unnötig – zumindest aber reduzierbar.

Fazit

Wer heute in der Position des Einkäufers juristischer Dienstleistungen ist, ist stark. Die Digitale Transformation erhöht die Erwartungshaltung von Mandanten. Gewünscht wird die Erbringung der Anwaltsarbeit nahtlos und global, transparent, schnell und möglichst zu einer festen Gebühr. Dahin geht die Reise. Feste Gebühren bedeuten allerdings, die eigene Effizienz zu steigern, um die Rentabilität zu erhöhen. Und hier gilt es, smarte Technologien nicht nur bei der Erbringung der juristischen Dienstleistung einzusetzen, sondern das Unternehmen Kanzlei durch modernste IT-Lösungen kennzahlenbasiert zu steuern.

(Foto oben:  Jakub Jirsák/stock.adobe.com)

Quelle NJW 47/2016