Empathisch agieren und wertschätzend kommunizieren

Susanne Kallista im Gespräch mit Susanne Kleiner

Wer konstruktiv kommuniziert, gestaltet tragfähige Beziehungen. Kanzleien wissen das und stärken bewusst die Kommunikationskompetenz ihrer Führungskräfte und Mitarbeiter. Susanne Kallista erkennt in der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg Chancen für vertrauensvolle Rechtsberatung, nachhaltige Mandantenbindung und stärkenorientierte Mitarbeiterführung. Die Trainerin, Coach und Kommunikationsexpertin berichtet im Gespräch mit Susanne Kleiner, wie eine wertschätzende Kommunikation wirkt und sie erklärt, wie Anwaltskanzleien davon profitieren.

Was bedeutet es, gewaltfrei zu kommunizieren?

Die Gewaltfreie Kommunikation, kurz: GFK, geht auf Marschall B. Rosenberg zurück. Sie ermöglicht Menschen, zielgerichtet, klar und wertschätzend zu kommunizieren. Die GFK hilft dabei, eigene Gedanken und Gefühle und daraus entstehende Handlungen besser zu verstehen und zielgerichtet zu steuern. So können Konflikte deeskaliert und Lösungen gefunden werden. Wertschätzende Kommunikation frei von emotionaler Betroffenheit und damit verbundenen Abwertungen fördert Verständigung und verbessert Beziehungen.

Wie kann die Anwaltschaft von der Gewaltfreien Kommunikation profitieren?

Wenn Anwälte ihr Gegenüber nicht erreichen, verschenken sie enormes Potenzial: im Kontakt mit Mandanten, als Führungskraft in der Kanzlei, unter Kollegen, bei der Gegenseite und vor Gericht. Die Integration von GFK in den juristischen Alltag ermöglicht beispielsweise gerade in vermeintlich aussichtslosen oder uferlosen Verfahren Deeskalation und zeitgleich mehr Einfluss auf das Verfahrensgeschehen. Der Beziehungsaufbau zu Mandanten – auch zu übrigen Prozessbeteiligten – wird erleichtert und der Einfluss auf deren Konfliktverhalten verstärkt. So werden mitunter kostenintensive gerichtliche Verfahren vermieden. Und: Eine bedürfnisund lösungsorientierte Haltung ersetzt erlernte destruktive beziehungsweise herkömmliche anwaltliche Verhaltensmuster.

Wie unterscheiden sich Gespräche nach Rosenbergs Methode von herkömmlichen Konversationen?

Unsere Sprache kultiviert Elemente, die Beziehungen belasten. Oft bewirken wir bei unseren Gesprächspartnern innere Widerstände und Abwehr, wenn wir sprechen. Etwa wenn wir bewerten und verurteilen. Und meist tun wir das unbewusst. Ein Beispiel: „Warum hast du mir nichts von dem Termin gesagt?“ Hier wird angeklagt; was sich – noch – dahinter verbirgt, bleibt unklar. Der Satz „Ich bin wütend, weil Du mir nichts von dem Termin gesagt hast!“ transportiert zwar das Gefühl, ist jedoch geprägt von Schuldzuweisung: Du bist schuld, dass ich mich so fühle. In beiden Fällen, wird der Gesprächspartner eine Vereidigungshaltung einnehmen. Rechtfertigung und Vorwurf drehen sich nun im Kreis. „Ich bin wütend, weil mir Zuverlässigkeit wichtig ist!“ Diese Formulierung verdeutlicht das Gefühl und das dahinterliegende Bedürfnis. Damit werden Verständnis und Bereitschaft zu Klärung möglich. Nach den GFK-Regeln folgt nun die Bitte: „Ich bitte dich, mir künftig alle Termine mitzuteilen.“ Für Anwälte heißt das: Mandanten, Mitarbeitern und Kollegen – durchaus auch der Gegenseite – oder Richtern aufmerksam zuhören, Bedürfnisse eruieren und emotionale Informationen von Sachinformationen trennen. Diese Wertschätzung spiegelt sich im Kontakt wider. Sie stärkt Vertrauen, fördert gelingende Zusammenarbeit und ermöglicht Lösungen.

Wo sehen Sie das größte Entwicklungspotenzial für Juristen?

Juristinnen und Juristen folgen einer klaren Struktur und Logik und formulieren folglich eher sachlich. Doch auch, oder besser: Gerade in der Rechtsberatung findet Kommunikation nicht nur auf der Sachebene statt.
Hier sehe ich großes Potential, vertrauensfördernder und beziehungsstärkender zu kommunizieren. Wer Empathie für seine eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse anderer empfindet, schafft Verbundenheit. Wer das wertschätzend auszudrücken vermag, erzeugt Nähe. Wer konstruktiv ausspricht, welches Verhalten er sich von anderen wünscht, vermittelt Klarheit. Das heißt auch: Wer empathisch lebt, geht wertschätzender mit sich selbst um. Das stärkt die persönliche Ausstrahlung spürbar und sichtbar.

Wie schaffen Sie es, Juristen für die Gewaltfreie Kommunikation zu begeistern?

Wer gewaltfrei kommuniziert, erlernt quasi eine neue Sprache. Doch Gewaltfreie Kommunikation kommt ohne innere Haltung nicht aus. Sie zu erlernen initiiert einen Veränderungsprozess, der Geduld mit sich selbst und anderen erfordert. In meinen Seminaren arbeiten wir mit erlebbare Beispielen, intensivem Gedankenaustausch und Feedback. Wir erörtern Fragen wie: Was löst diese oder jene Ansprache bei mir aus? Wie fühlt sich das an? Was möchte ich meinem Gegenüber gerne entgegnen? Oder: Wie reagieren Menschen auf das, was ich sage? In welchen Situationen komme ich nicht weiter, obwohl ich vermeintlich klar und deutlich spreche? Die Motivation, Verhalten und Haltung zu verändern, resultiert aus der Reflexion des eigenen Erlebens.

Sie sprechen sehr begeistert von Ihrer Arbeit mit der Gewaltfreien Kommunikation. Was ist Ihre Kernbotschaft?

Erfolgreiche Kommunikation wird uns nicht geschenkt. Sie ist ein Geschenk.

Über die Interviewpartnerinnen:

Susanne Kallista
Sozialpädagogin und Diplomingenieurin

www.kallista.works

Susanne Kleiner
freie PR-Beraterin, Texterin, Journalistin
und Mediatorin, München

www.susanne-kleiner.de

www.trainings-workshops-seminare.de

Quelle BECK Stellenmarkt 3/2019