Ein Plädoyer für Nachhaltigkeit in Kanzleien

Christine Pehl im Gespräch mit Susanne Kleiner

Unternehmen tragen Verantwortung für Umwelt, Finanzen und Soziales. In diesem Sinne gewinnt Corporate Social Responsibility (CSR) als Zukunftsaufgabe an Priorität. Christine Pehl, Nachhaltigkeitsexpertin und Business-Coach erkennt auch für Kanzleien und Notariate Potenzial, um sich enkeltauglich zu positionieren. Was sich dahinter verbirgt und wie Nachhaltigkeit in der Praxis Gestalt annehmen kann, beschreibt die Beraterin im Interview mit Susanne Kleiner.

1. Was verstehen Sie unter Nachhaltigkeit?
Nachhaltigkeit beschreibt, dass Unternehmen im Einklang mit ökonomischen, ökologischen und sozialen Werten handeln. Sie setzen sich für eine zukunftsfähige Welt ein. Das bedeutet, unseren Kindern und Enkelkindern ein intaktes Gefüge in diesem ausbalancierten Dreiklang zu hinterlassen. Bildhafter formuliert: Es geht um enkeltaugliches Leben und Wirtschaften. Das ist die Aufgabe einer nachhaltigen Unternehmensführung.

2. Wie stellen sich Unternehmen nachhaltig auf?
Nachhaltigkeit betrifft den eigentlichen Geschäftszweck und die Wertschöpfung genauso wie Beziehungen zu Mitarbeitern, Zulieferern, Kunden und dem Gemeinwesen. Oft begegnet mir eine wertebasierte Haltung bei familiengeführten kleinen und mittelständischen Betrieben. Im Idealfall bekennen sich Unternehmen zu ihren Werten und handeln bewusst danach, auch wenn sie gesetzlich nicht dazu verpflichtet sind. Mit ihrer Richtlinie aus dem Jahr 2017 fordert die EU-Kommission kapitalmarktorientierte Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern sowie Banken, Versicherungen und Fondsgesellschaften auf, ihrer Nachhaltigkeits-Berichtspflicht nachzukommen.

3. Welche Voraussetzungen müssen Organisationen erfüllen,
um nachhaltig zu wirtschaften und zu handeln?

Die Basis sind Kultur und Werte, die eine Organisation lebt – entscheidende Faktoren, um eine „gute Unternehmung“ zu sein und als solche wahrgenommen zu werden. Grundlegend ist das Bekenntnis der Führung, Nachhaltigkeit wirklich zu fördern und mit Leben zu füllen – es braucht den festen Entschluss. Dann geht es mit einer bewussten Bestandsaufnahme weiter. Werteorientierte Entscheider fragen sich: Was unternehmen wir bereits am Markt und wie gestalten wir die Rahmenbedingungen für unsere Arbeitsplätze? Setzen wir uns für die Umwelt und unser Gemeinwesen ein? Was wollen die Stakeholder? Schließlich geht es darum, Prioritäten festzulegen und einen konkreten Plan zu entwickeln: Wie wollen wir Nachhaltigkeit konkret leben? Nachhaltige Betriebe kommunizieren ihre Haltung und ihr Engagement nach innen und außen. Kunden, Bewerber und Mitarbeiter schätzen diesen Geist.

4. Wie finden Kanzleien Ansatzpunkte, um Nachhaltigkeit in
der Praxis zu leben?

Ja, auch immer mehr Kanzleien agieren zukunftsfähig. Etwa stehen heutzutage attraktive Angebote zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf ganz oben auf der Agenda. Auch Fort- und Weiterbildungen oder die Sensibilisierung für Gesundheitsfragen sind bedeutend, um Mitarbeiter zu binden. Klimaschützende Kanzleien überdenken ihren Ressourcenverbrauch. Sie fragen sich: Wie gestalten wir unsere Dienstreisen? Was müssen wir tun, um ein möglichst papierloses Büro zu etablieren und Plastik zu minimieren? Kaufen wir bewusst ein und achten auf entsprechende Gütesiegel wie den ‚Blauen Engel‘? Soziale Werte nehmen beispielsweise im ehrenamtlichen Engagement von Mitarbeitern Gestalt an. Oder die Kanzlei spendet für wohltätige Zwecke und fördert ein Herzensanliegen in der Region. Manche vergeben geeignete Arbeitsabläufe an Behinderteneinrichtungen, z.B. das Einscannen von Dokumenten. Wertebasierte Entscheidungen in ökonomischer Sicht können sein: Mit welchen Kunden arbeite ich zusammen? Und mit welchen eben nicht? Gibt es Präferenzen und ethische Grundsätze?

5. Und was haben die Kanzleien als Arbeitgeber, Geschäftspartner
oder Dienstleister davon?

Eine nachhaltige Kanzlei ist sehr attraktiv. Vor allem junge Menschen arbeiten
lieber in Organisationen, die diesen Geist vorleben. Mitarbeiter identifizieren sich stärker mit ihrem Job, wenn sie Sinn erkennen. Insgesamt ist die tägliche Arbeit in einem werthaltigen Kontext befriedigender. Zahlreiche Untersuchungen belegen diesen Zusammenhang. Nachhaltigkeit bietet den Menschen Halt und Orientierung in unserer immer komplizierteren und komplexeren Welt. Wertebewusste Geschäftspartner und Mandanten schätzen klare Bekenntnisse. Aus Überzeugung kooperieren sie langfristig mit nachhaltigen Einrichtungen. Es geht um Zukunftsfähigkeit.

6. Ihr Tipp für Führungskräfte in Kanzleien, Notariaten oder
Rechtsabteilungen?

Kürzlich hat der Inhaber einer großen Kanzlei von seiner 15-jährigen Tochter erzählt, die wöchentlich bei den Schülerdemonstrationen ‚Fridays for Future‘ aktiv ist. Er meinte: ‚Jetzt ist die Nachhaltigkeit am Frühstückstisch angekommen.‘ Ist das nicht ein wunderbarer Ausspruch? Auch Entscheider in Kanzleien handeln nicht isoliert vom Rest der Welt, sondern agieren als Wertebotschafter und Vorbilder für die nachfolgenden Generationen. Sie haben die Chance, eine enorme gestalterische Kraft in Zeiten des Wandels zu entwickeln und als ‚Agenten des Wandels‘ aufzutreten – ganz im Sinne der Corporate Social Responsibility nach der Maxime: for the people, for the planet, for the profit. Meine Empfehlung: Nutzen Sie Ihr Potenzial und sprechen Sie darüber.

Über die Interviewpartnerinnen:

 

Christine Pehl
Business-Coach, Dozentin und Autorin für werteorientierte Unternehmensführung und Corporate Social Responsibility (CSR) in Augsburg.

www.pehl-beratung.de

 

Susanne Kleiner
freie PR-Beraterin, Texterin, Journalistin
und Mediatorin, München

www.susanne-kleiner.de

www.trainings-workshops-seminare.de

 

Quelle BECK Stellenmarkt 14/2019