Heribert Prantl: "Das juristische Denken funktioniert wie ein Schlüssel"

Von Beck'scher Referendarführer 2018/2019

Prof. Dr. Dr. Heribert Prantl ist Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung. Im Interview mit dem Beck'schen Referendarführer spricht er darüber, wie er von der Juristerei zum Journalismus gekommen und wer seine juristischen Vorbilder sind. 

Warum können Sie so gut schreiben, obwohl Sie Jurist sind?

Dass Juristen nicht gut schreiben können, ist ein Gerücht. Gute Juristen können gut schreiben. Es gibt freilich Juristen, die meinen, dass sie besonders kompetent daherkommen, wenn sie gedrechselte Sätze schreiben – à la «Diesseitig wird die Unrechtmäßigkeit als nicht anzuzweifeln erachtet». Das soll irgendwie objektiv klingen, ist aber Schmarrn und wirkt dazu arrogant. Unverständlichkeit ist im Übrigen auch nicht gleichzusetzen mit Wissenschaftlichkeit. Eine für jedermann verständliche Sprache mit Subjekt, Prädikat und Objekt tut auch juristischen Texten gut.

Wie sind Sie von der Juristerei zum  Journalismus gekommen?

Das war Zufall. Ich hatte schon zur Schulzeit für Lokalzeitungen geschrieben, habe dann parallel zum Studium Journalismus gelernt. Von da hatte ich Kontakte – und eines Tages kam ein Anruf bei mir im Gericht; da hatte ich gerade drei Jahre als Richter und zwei als Staatsanwalt hinter mir. Man fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, rechtspolitischer Kommentator und Leitartikler zu werden. Mich reizte das; ich habe es probiert – und es war die richtige Entscheidung. Ich liebe meinen journalistischen Beruf. Er ist Beruf, Berufung und, auch das, Geschenk. Er hat mir Eindrücke und Einblicke geschenkt, die ich sonst nie gehabt hätte. Er hat mich auch hinter die Türen der Macht schauen lassen.

Vermissen Sie Ihre juristische Tätigkeit heute manchmal?

Ich vermisse sie nicht, weil ich eigentlich nie aufgehört habe, juristisch tätig zu sein. Die Juristerei hat ja viele Formen und Gestalten. Wenn ich heute über Politik und Gesellschaft schreibe, hat das sehr oft auch mit Juristerei zu tun. Und das juristische Denken hilft bei jedwedem Tun. Es hilft, Probleme zu durchdenken, zu zerlegen und zu lösen. Das juristische Denken funktioniert wie ein Schlüssel. Es sperrt die Dinge auf.

Welche Erfahrungen haben Sie im  Referendariat gemacht?

Dass man es als Jurist im Referendariat sehr viel besser hat, als es die Lehrer im Referendariat haben. Der juristische Referendar wird, anders als der Lehramtsanwärter, nicht als angeblich fast vollwertige, aber billige Arbeitskraft missbraucht.

Waren Sie lieber als Richter oder lieber als Staatsanwalt tätig?

Beides war reizvoll. Bei Gericht habe ich wunderbare Vorsitzende erlebt, ganz verschiedene Typen und Charaktere, von denen ich viel, sehr viel gelernt habe. Und bei der StA? Da fand ich besonders die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen wohltuend und wunderbar. Jeder hatte sein Referat – und trotzdem war man ein Team, ein gutes. Die Abhängigkeit des Staatsanwalts von Weisungen allerdings habe ich manchmal als irritierend verspürt, die richterliche Unabhängigkeit habe ich genossen.

Welches rechtliche Thema ist für Sie besonders wichtig?

Für mich ist die Rechtsstaatlichkeit ein so wichtiges, so großes Thema. Die Rechtsstaatlichkeit gehört zum Kern unseres Gemeinwesens und unserer Gesellschaft. Ohne Rechtsstaatlichkeit ist die Demokratie eine hinkende und heikle Angelegenheit

Wer ist Ihr juristisches Vorbild?

Ich bewundere die juristische Originalität meines Doktorvaters Dieter Schwab; ich schätze die juristische Akribie des früheren Bundesjustizministers Hans-Jochen Vogel; und ich liebe die juristische und politische Power, die der Politiker Heiner Geißler, mein jahrzehntelanger Gesprächspartner, hatte.

Welche juristischen Fertigkeiten sind Ihrer Ansicht nach in der beruflichen Laufbahn besonders hilfreich?

Neugier. Leidenschaft. Gründlichkeit. Genauigkeit. Haltung. Kollegialität. Das sind übrigens auch Eigenschaften, die ich bei Journalisten schätze.

Wenn Sie heute jemanden einstellen würden, worauf würden Sie besonders achten?

Auf genau diese Fertigkeiten.

Zur Person: Heribert Prantl. Prof. Dr. jur. Dr. theol. h.c., Mitglied der Chefredaktion der «Süddeutschen Zeitung», Leiter des Ressorts Meinung, politischer Publizist. 1981 – 87 Richter an verschiedenen bayerischen Amts- und Landgerichten sowie Staatsanwalt.

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Foto oben: Pixabay/Peggychoucair

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