Executive LL.M. und gleichzeitig als Anwalt arbeiten – Erfahrungsbericht

Interview mit Markus Beyer, derzeit ExLL.M.-Student der IE Business School

Wie sind deine Eindrücke soweit?

Neben der Arbeit als Rechtsanwalt noch ein volles Postgraduiertenstudium  zu absolvieren, ist eine Herausforderung, die eine gewisse Vorplanung erfordert. Schließlich gilt es die Arbeit und das Studium unter einen Hut zu bekommen, ohne Abstriche bei dem einen oder anderen in Kauf zu nehmen. Das führt unweigerlich zu einer gewissen Doppelbelastung, die jedoch nach meinen bisherigen Erfahrungen auf jeden Fall lohnt. Die Eindrücke, die man im Rahmen des Executive LL.M. erfährt, sind die Anstrengungen unter allen Umständen wert. Man trifft wunderbare Menschen, erhält Einblicke in andere Rechtsordnungen und profitiert von den Erfahrungen renommierter Universitäten. In meinem Fall sind es gleich zwei Universitäten: Zum einen IE Law School, Madrid, die einen ausgeprägten Business-Ansatz verfolgt sowie die renommierte Pritzker School of Law in Chicago.

Konntest du das Gelernte schon anwenden oder hat dir das Programm schon weiterhelfen können?

Das Studium vermittelt ein grundlegendes Verständnis eines anderen Rechtskreises. Das Ganze wird in verschiedenen Fächern illustriert. Man erfährt Spezifika aus anderen Jurisdiktionen. Teilweise sind diese so tiefgreifend, dass man die Erkenntnisse im Rahmen der täglichen Arbeit nutzen kann. Grundlegender für die eigene Arbeit ist aber, nach meiner Erfahrung, das Verständnis der Wertvorstellungen und Grundpfeiler einer anderen Rechtsordnung. Dies hilft im Rahmen der Beratung eines Mandanten aus einem anderen Rechtskreis, der Verhandlung mit ausländischen Partnern und dem Verständnis von Verträgen und Dokumenten aus dem meist anglo-amerikanischen Rechtskreis. Das bisher Gelernte findet somit unmittelbar Eingang in meine tägliche Arbeit.

Was waren die wichtigsten Beweggründe, dich für dieses Programm zu entscheiden?

Schlussendlich waren für mich drei Gründe maßgeblich: Zum einen der Ansatz des blended programs. Das Masterprogramm ist, anders als vergleichbare berufsbegleitende Programme, nicht als bloßes Online-Programm konzipiert. Vielmehr werden die Vorteile von Präsenz-Veranstaltung und Online-Learning sinnvoll miteinander kombiniert. Durch die blockweisen Präsenzveranstaltungen in Madrid und Chicago hat man zum einen die Möglichkeit, einzelne Themenbereiche zu vertiefen und zum anderen die LL.M.-Kollegen aus der ganzen Welt kennenzulernen. Ich bin überzeugt, dass das Netzwerk über die Dauer des Programms bestehen bleibt und sich weiterentwickeln wird. Schliesslich konnten bereits enge freundschaftliche Beziehungen geknüpft werden.

Der zweite Grund betraf den Umstand, dass es sich um ein Executive-Program handelt: Die Teilnehmer sind allesamt bereits beruflich etabliert und verfügen über Erfahrungen in ihren jeweiligen Rechtsordnungen. Diese Erfahrungen und Kenntnisse fließen selbstredend in das Programm ein. Dies unterscheidet das Programm von einem LL.M.-Programm, das regelmäßig direkt nach dem Abschluss des Studiums erfolgt, bei dem die Teilnehmer zwar bereits gut ausgebildet sind, aber nur über wenige praktische Erfahrungen verfügen. Darüber hinaus ist das berufliche Netzwerk mit erfolgreichen Berufskollegen stets bereichernd.

Last but not least ist die Geschwindigkeit des Programmes zu nennen. Innerhalb eines knappen Jahres kann man den Master trotz weiterer beruflicher Involvierung abschließen. Dies ist für einen berufsbegleitenden Master ausserordentlich zügig. Allerdings ist zu beachten, dass aufgrund der Kürze des Studiums der vermittelte Stoff sehr verdichtet ist und dadurch das Pensum nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollte.

Wie lautet dein Rat an mögliche ExLL.M.-Interessenten?

Zunächst ist zu eruieren, welches Programm inhaltlich und nach seinem Aufbau zu einem passt. Dabei ist auch zu berücksichtigen, wie viel Zeit man realistischerweise tatsächlich neben der Arbeit erübrigen und welche Unterstützung vom Arbeitgeber erfolgen kann. So kann es eine erhebliche Erleichterung sein, wenn der Arbeitgeber Freiräume schafft, so dass man auch einmal während der normalen Arbeitszeit beispielsweise an einem Paper für die anstehende Präsentation arbeiten kann.

Meines Erachtens ist es ebenfalls wichtig, soweit es möglich ist, dafür zu sorgen, sich während der Vor-Ort-Einheiten ausschließlich auf den Master und die begleitenden Veranstaltungen zu konzentrieren. Eine „Ablenkung“ durch allzu starke berufliche Einbindung kann möglicherweise der Gesamterfahrung abträglich sein. Der LL.M. ist eine wunderbare Erfahrung, dem man sich auch im entsprechenden Maße widmen sollte.
Nach Abschluss des Ganzen ist man nicht nur um wesentliche Erkenntnisse und praktisch anwendbares Wissen reicher, sondern hat zudem den Grundstein für ein nachhaltiges internationales Netzwerk gelegt und eine Vielzahl von Freundschaften geschlossen.

Quelle NJW 13/2017