LL.M. in Unternehmensrestrukturierung – interdisziplinär und international

von Aleksandra Krawczyk

Bereits während des Jurastudiums an der Breslauer Universität hatte ich als Ziel, meine zwei Passionen – Anwaltschaft und Management – zu verknüpfen. Ich fühlte mich sehr von freiem Unternehmertum angezogen. Als Syndikusrechtsanwalt immer eine einzige Gesellschaft zu beraten, schien mir jedoch zu wenig abwechslungsreich. Die goldene Mitte fand ich in der Rechtsberatung von kriselnden Unternehmen. Ein wichtiger Schritt auf diesem Wege war das postgraduale Studium an der Ruprecht-Karls Universität Heidelberg.

Der Lebenszyklus von Unternehmen

So wie das Leben eines Menschen in der Regel verläuft, so verläuft auch das Leben eines durchschnittlichen Unternehmens: geboren werden, wachsen, reifen, altern und sterben. Genau das Reifen und Altern stellt eine herausfordernde Zeit für jedes Unternehmen dar. Wenn seine Entscheidungsträger nicht zeitgemäß und genau agieren, endet der Zyklus mit mehr oder weniger gewaltsamen Tod. In dieser schwierigen Zeit steht jedoch ein Ausweg offen: Restrukturierung. Darunter sind vielfältige Prozesse und Maßnahmen – sowohl organisatorischer, betriebswirtschaftlicher und kaufmännischer als auch rechtlicher Natur – zu verstehen. Die Restrukturierung ist komplex, und so ist auch das Berufsbild eines Restrukturierungsanwalts. Bei der Restrukturierung zu beraten, erfordert nicht nur fundiertes Wissen in verschiedenen Rechtsbereichen (etwa im Gesellschafts-, Arbeits-, und Kapitalmarktrecht), sondern auch ein sehr gutes Verständnis der Geschäftsprozesse, die im Unternehmen stattfinden. Das alles bietet weder das Jura- oder BWL Studium noch die Anwaltsausbildung an. Daher lohnt es sich sehr, an die Uni zurückzukehren, um ein postgraduales Studium zu absolvieren.

Komplexe Frage, komplexe Lösung

Bevor ich an der Heidelberger Uni immatrikuliert wurde, recherchierte ich fleißig, um ein postgraduales Studium zu finden, das meinen Erwartungen entsprechen würde. Diese waren grob gesehen wie folgt: Ich wollte entweder auf Englisch oder auf Deutsch studieren; der Studiengang sollte eine theoretisch und praktisch vertiefte wissenschaftliche Weiterbildung anbieten; der Schwerpunkt im  Querschnittsbereich von Recht, Betriebswirtschaft und Managementpraxis sowie internationaler Austausch waren erwünscht; der Ruf der Universität oder Hochschule war auch von Bedeutung; last but not least waren mir neben der Höhe der Gebühren auch die Stipendienmöglichkeiten wichtig.

Ziemlich schnell entschied ich mich für Heidelberg, und im Oktober 2015 begann ich mit dem Studium. Damals war ich schon seit einigen Monaten als Rechtsanwältin tätig und wollte das Studium mit meiner Arbeit in der Kanzlei verbinden. Daher wählte ich die Option des Studierens in Teilzeit. Jede zweite oder dritte Woche während des akademischen Jahres verbrachte ich zwei bis vier Tage in Heidelberg. Der Studiengang gliederte sich in Module, die jeweils ihren Schwerpunkt auf ein für die Unternehmensrestrukturierung relevantes Fachgebiet legten. Die Lehrveranstaltungen eines Moduls fanden verblockt statt. In jedem Modul legten wir drei bis vier Klausuren ab. Neben Lernmodulen sah die Studienordnung auch ein interdisziplinäres Planspiel, schriftliche Masterarbeit und eine mündliche Abschlussprüfung vor. Ferner fand ein spezielles, einwöchiges Modul zum englischen Insolvenz- und Restrukturierungsrecht an der London School of Economics and Political Science (LSE) statt. Dieses Modul war fakultativ, auch für Alumni offen, wobei die Studierenden von Gebühren völlig befreit wurden.

Praktiker und Praxis

Neben den vielen Vorteilen gab es selbstverständlich auch einige verbesserungsfähige Punkte, die ich vor den Lesern nicht verbergen will. Es bestand leider keine Möglichkeit, aus der Ferne, etwa online, Vorlesungen zu besuchen. Die zahlreichen Präsenztermine machten das nebenberufliche Studieren ziemlich anstrengend. Im Gegenzug boten aber die Präsenztermine einen außergewöhnlich direkten Zugang zu renommierten Praktikern in allen Feldern des Restrukturierungsfaches: Richter, Anwälte, darunter sogar spezialisierte Insolvenzstrafrechtler, Restrukturierungsberater, Experten im Bereich Kommunikation in der Krise, Buchhalter, Controller usw. Viele Dozenten zeichneten sich durch relevante berufliche Erfahrungen im Ausland aus. Für mich von Bedeutung war auch der Austausch mit meinen Kommilitonen: deutschen und ausländischen Juristinnen und Juristen sowie Betriebswirtinnen und Betriebswirten. Genau diese Interdisziplinarität und Internationalität des Studiums, die schon auf der Internetseite des Studiengangs hoch angepriesen wurde, hat meiner Meinung nach den Studiengang sehr wertvoll gemacht.

Außerdem wäre es jedoch hilfreich, wenn die Universität im Anschluss an das Studium die Studierenden darin unterstützen würde, ein passendes Praktikum zu finden. Obwohl im Programm viele Praktiker als Dozenten tätig waren, war ein Praktikum nicht als ein Pflichtteil des Studiengangs vorgesehen. Ich finde es sehr wichtig, die gelernte Theorie direkt in Praxis umzusetzen. Davon überzeugte ich mich, als ich nach der letzten Klausur ein Secondment bei einer renommierten Insolvenzkanzlei in Mannheim absolviert habe. Erst dann verstand ich Vieles, was im Vorlesungssaal gelehrt wurde. Dies mag auch der Grund dafür sein, dass ich nun sehr gerne junge Leute in meinem Breslauer Büro willkommen heiße, wenn sie sich dafür entscheiden, an der anderen Oderseite ein Praktikum zu absolvieren. Über LL.M.-corp.-restruc.-Alumni würde ich mich, natürlich, am meisten freuen!

 

Über die Autorin:

Aleksandra Krawczyk
LL.M. corp. restruc. (Heidelberg)
Rechtsanwältin (adwokat) und
Restrukturierungsberaterin