
Von der Rechtsabteilung zur strategischen Business Unit
Die Anforderungen an UnternehmensjuristInnen und folglich auch die Rolle des Legal Counsel verändert sich zunehmend. Das Management erwartet immer mehr strategische Business Partner mit proaktiver Herangehensweise. Durch regulatorische, (geo)politische, technisch-digitale und wirtschaftliche Veränderungen bewegen sich UnternehmensjuristInnen immer stärker im Spannungsfeld von Recht, Wirtschaft, Politik und technologischem Fortschritt. Dadurch entstehen Unsicherheiten aber auch Chancen. Wir beobachten den Markt seit Jahrzehnten und fragen uns – Quo vadis Legal Counsel?
Aus dem Risikomanagement in die Business Partnerschaft
Rechtsabteilungen denken zunehmend unternehmerisch. Wir beobachten bei unseren Kunden in der Personalberatung, dass bei Legal Counsel Suchen immer mehr ein neues Kandidatenprofil gesucht wird. Die rein rechtliche Bewertung steht nicht mehr im Vordergrund, sondern eine Analyse der wirtschaftlichen Auswirkungen und daraus resultierende Handlungsempfehlungen. Geschäftsentscheidungen sollen vom Legal Counsel frühzeitig aktiv begleitet und unternehmerische Risiken bewertet werden nicht nur juristisch, sondern auch bezogen auf das Business (u.a. auch internes und externes Kostencontrolling). Die Beratung ist somit nicht mehr nur reaktiv, sondern zunehmend proaktiv und antizipiert stärker. Dadurch wird die Beratung des Legal Counsel schneller, pragmatischer und reagiert zunehmend auch auf unerwartete Veränderungen.
Digitalisierung und neue Technologien – Wird die KI den
Legal Counsel ersetzen?
Der Markt spiegelt uns, dass die zunehmende Digitalisierung die Arbeit in Rechtsabteilungen und von UnternehmensjuristInnen nachhaltig verändert. Gerade repetitive Rechtsfragen können inzwischen automatisiert, digital und KI-gestützt erfolgen. KI-Agenten und digitale Tools können unter anderem bei Vertragsanalysen, NDAs oder bei der Compliance Kontrolle unterstützend tätig werden. UnternehmensjuristInnen müssen heute technologische Entwicklungen verstehen, mitgestalten und in der Lage sein diese in die tägliche Arbeit zu integrieren. Einige Tools können inzwischen viele Arbeitsstunden einsparen und führen somit zu enormen Effizienzsteigerungen. KI-Anwendungen und technische Tools müssen aber auch auf regulatorische Anforderungen und Datenschutzkonformität hin geprüft werden und Fehlerquellen oder gar Halluzinationen im Blick behalten werden. UnternehmensjuristInnen müssen folglich ein technologisches Grundverständnis mitbringen aber auch bereit sein, Prozesse und Strukturen grundlegend zu prüfen und zu hinterfragen. Legal Counsels werden langfristig gesehen nicht ersetzt werden; aber diejenigen, die neue Technologien anwenden können, werden diejenigen, die sich dem Fortschritt verschließen, ersetzen. Abzuwarten bleibt, wie stark der Rückgang an externen juristischen Fachkräften ausfallen wird.
Vom Elfenbeinturm zum agilen, schnellen und internationalen Legal Department
Der wirtschaftliche Kontext, in dem Unternehmen agieren, ist globaler und schnelllebiger geworden. Rechtsabteilungen müssen darauf reagieren und sich kontinuierlich anpassen. Ein starker Anstieg an Regulierungen auf EU- und internationaler Ebene sowie kurzfristige Marktentwicklungen erfordern Flexibilität und Geschwindigkeit bei der Umsetzung. Es muss hier vor allem die Balance gefunden werden zwischen gründlicher Rechtsberatung und der rechtlichen Absicherung bis ins letzte Detail und dem gesunden Maß an Pragmatismus.
Compliance, Werte und gesellschaftliche Verantwortung
Compliance-Themen haben in den vergangenen Jahren massiv an Bedeutung gewonnen. UnternehmensjuristInnen übernehmen heute nicht nur die Überwachung und Implementierung gesetzlich-regulatorischer Vorgaben, sondern gestalten auch aktiv Governance-Strukturen und Leitlinien des Unternehmens. Das Thema Nachhaltigkeit, ESG (Environmental, Social, Goverance) und soziale Verantwortung rückt stärker in den Fokus. Menschenrechte, Lieferkettensorgfaltspflichten, Whistlerblower-Richtlinie, Datenschutz, Anti-Korruption, um nur einige zu erwähnen, müssen vom Legal Counsel berücksichtigt und implementiert werden, auch wenn einige Unternehmen sich hier bereits neuen US-Vorgaben unterwerfen. UnternehmensjuristInnen sind folglich dafür verantwortlich, dass Compliance, Werte und gesellschaftliche Verantwortung im Unternehmen umgesetzt und gelebt werden.
War for Talent – Chancen durch neue Berufsbilder
Die Erfahrung zeigt uns, dass der Fachkräftemangel weiterhin ein Thema ist auch im juristischen Bereich, wobei der technologische Fortschritt auch Rechtsfunktionen einsparen wird. Neben den klassischen Karrierewegen entstehen aber auch zunehmend neue Berufsbilder, so sind inzwischen unter anderem Legal Tech, Legal Designer, Legal Engineer, AI Ethics Advisor, Legal Operations und ESG Advisor neue Berufsfelder, die den Wandel widerspiegeln. Einige dieser Karrierewege setzen keine klassische Volljuristen-Ausbildung mehr voraus.
Fazit: Eine Rolle im Wandel und mit Zukunft
Die Rolle des Legal Counsel verändert sich! Erfolgreiche UnternehmensjuristInnen sind inzwischen nicht mehr nur juristisch exzellent, sondern punkten auch durch technisch-digitale Offenheit und Expertise, wirtschaftliches Denken, das gesunde Maß an Pragmatismus, gute Kommunikation, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Insbesondere durch den technologischen Fortschritt und die starke Regulierung entstehen neue Karrierewege und Berufsbilder. Durch Effizienzsteigerungen werden zukünftig zunehmend weniger JuristInnen immer komplexere Aufgaben bewältigen können. Wir sind gespannt, was noch alles kommt.
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Über die Autorin:
Debora Satta - Partnerin und Managerin
Sie ist zuständig für das Inhouse Recruitment in der juristischen Personalberatung Schollmeyer & Steidl. Vor ihrer Tätigkeit als Personalberaterin und Headhunterin war sie als Legal Counsel in der Rechtsabteilung einer Großbank tätig.