
Wer zwischen unterschiedlichen Rechtssystemen arbeitet, merkt schnell, dass es nicht nur um Gesetze geht. Es geht um Erwartungen, um Vertrauen, um die Frage, wie man in einem internationalen Umfeld Verantwortung übernimmt, ohne sich selbst zu verlieren.
Als deutsche Juristin in Dubai erlebe ich täglich, wie unterschiedlich rechtliche Denkweisen, Kulturen und berufliche Rollenbilder sein können. Was in Deutschland als selbstverständlich gilt, wird in einem anderen Kontext neu bewertet. Internationale Beratung bedeutet daher nicht nur fachliche Präzision, sondern auch Anpassungsfähigkeit und die Bereitschaft, die eigene Rolle immer wieder neu zu definieren.
Mit anderen Rechtsordnungen und neuen Mandant:innen verändern sich auch die Anforderungen und Erwartungen an die eigene Rolle – oft jenseits klassischer Rollenbilder. Damit kommt auch die Erkenntnis, dass Female Leadership im juristischen Alltag oft leiser beginnt, als man es erwarten würde.
Was Female Leadership wirklich meint
Female Leadership beschreibt nicht nur Frauen in klassischen Führungspositionen. Female Leadership steht für Frauen, die Einfluss nehmen, Frauen, die Entscheidungen prägen und Frauen, die andere inspirieren, in Organisationen, in Kanzleien oder im öffentlichen Raum. Gerade im Kontext von Diversity, Equity & Inclusion gilt Female Leadership als wichtiger Baustein für chancengerechte und zukunftsfähige Organisationen. Wie Alice H. Eagly & Linda L. Carli in „The Female Leadership Advantage: An Evaluation of the Evidence“1 bereits festhielten: „Organizations benefit from a more diverse leadership because it brings a broader range of perspectives, experiences, and problem- solving approaches, which can enhance organizational performance.“
Dabei geht es nicht um irgendein bestimmtes Führungsmodell, sondern es geht um die Vielfalt in Denkweisen und Herangehens weisen. Führung kann analytisch, empathisch, klar und verbindlich zugleich sein. Gerade bei der Arbeit im juristischen Bereich, die oft von Komplexität und Verantwortung bestimmt ist, gewinnt diese Form von Einfluss immer mehr an Bedeutung.
Vom deutschen Jurastudium in den internationalen Beratungsalltag
Die deutsche juristische Ausbildung ist anspruchsvoll und stark auf Genauigkeit ausgerichtet. Diese Qualitäten sind im internationalen Umfeld ein solides Fundament. Gleichzeitig habe ich in ihrer täglichen Beratungspraxis in Dubai gelernt, dass juristische Kenntnisse allein nicht ausreichen. In der internationalen Rechts beratung stehen Mandant:innen vor komplexen, grenzüberschreitenden Fragestellungen, bei denen rechtliche, steuerliche und wirtschaftliche Aspekte untrennbar miteinander verwoben sind.
Female Leadership zeigt sich im Beratungsalltag oft dort, wo Verantwortung wenig sichtbar ist, aber entscheidend wirkt. Zum Beispiel dann, wenn rechtliche und steuerliche Risiken so einge ordnet werden müssen, dass Mandant:innen trotz Unsicherheiten tragfähige Entscheidungen treffen können. Ebenso im internen Austausch, wenn unterschiedliche fachliche Positionen zusammengeführt, Erwartungen realistisch eingeordnet oder Unsicher heiten aufgefangen werden, ohne dass dies ausdrücklich einge fordert wird. Verantwortung liegt auch darin, Grenzen klar zu benennen – bei Mandant:innen wie auch innerhalb des Teams – und auch mal Positionen zu vertreten, die unbequem sind. Im internationalen Kontext kommt hinzu, kulturelle und rechtliche Unterschiede mitzudenken und Mandant:innen vor vorschnellen Übertragungen vertrauter Denkmuster zu bewahren, die im internationalen Umfeld so nicht ohne Weiteres funktionieren. In solchen Situationen geht es darum, eine Richtung anzugeben und Verantwortung zu übernehmen.
Warum Sichtbarkeit für Frauen in Tax & Law entscheidend ist
Viele Frauen in Tax & Law sind fachlich hervorragend aufgestellt, agieren jedoch zurückhaltender, wenn es um die eigene Positionierung geht. Gerade im Steuerrecht, das stark von Zahlen und Detailfragen geprägt ist, wird Expertise häufig im Hintergrund erbracht. Außerdem ist das Steuerrecht ein noch immer traditionell eher männlich dominierter Bereich. Im internationalen Kanzeiumfeld habe ich oft erlebt, dass fachliche Qualität allein nicht automatisch wahrgenommen wird. Wirkung entsteht erst dort, wo die Kompetenzen auch sichtbar werden.
Female Leadership bedeutet in diesem Zusammenhang, Argumente klar zu vertreten, Position zu beziehen und Verantwortung nicht nur intern zu tragen, sondern auch nach außen zu zeigen. Das erfordert Mut, insbesondere in nach wie vor männerdominierten Strukturen, die von hohem Tempo, Wettbewerbsdruck und teils unausgesprochenen Erwartungen geprägt sind.
Dubai als Spiegel und Verstärker
Dubai ist ein Standort, der Entwicklungen beschleunigt. Die Arbeitswelt ist international, leistungsorientiert und kulturell sehr vielfältig. Rollenbilder sind teilweise weniger festgelegt, teilweise aber auch deutlich präsenter. Die Erwartungen an Leistungsbereitschaft und Verfügbarkeit sind hoch. Gleichzeitig verlangt dieses Umfeld aber auch eine klare innere Positionierung: Wer bin ich als Juristin, wofür stehe ich und wie trete ich auf?
Der stark internationale Charakter Dubais prägt damit auch die Rolle von Frauen im juristischen Arbeitsumfeld. In den Kanzleien und Unternehmen arbeiten Juristinnen aus unterschiedlichen Rechtssystemen und kulturellen Hintergründen zusammen, was Erwartungen und Rollenverständnisse vielfältiger, aber auch anspruchsvoller macht. Gerade für Frauen kann dieses Spannungsfeld herausfordernd, aber auch befreiend sein. Es eröffnet die Möglichkeit, die eigene berufliche Rolle bewusst auszugestalten und sich nicht an traditionellen Erwartungen zu orientieren. Das setzt voraus, die eigene Position bewusst einzunehmen und auch unter Druck standhaft zu bleiben.
Female Leadership als tägliche Praxis
Female Leadership zeigt sich im Kanzleialltag oft in unspektakulären, aber entscheidenden Momenten. Wenn komplizierte Sachverhalte für Mandant:innen verständlich aufbereitet werden, wenn in gemischten Teams unterschiedliche Interessen zusammengeführt werden oder wenn Verantwortung übernommen wird, ohne dass dies ausdrücklich eingefordert wird. Auch die Art, wie Feedback gegeben, Entscheidungen vorbereitet oder Konflikte adressiert werden, ist ausschlaggebend.
Ein häufig genanntes Beispiel für Female Leadership ist Jacinda Ardern, die als Premierministerin Neuseelands durch empathische, klare und verantwortungsvolle Kommunikation internationale Aufmerksamkeit erlangte. Ihr Führungsverständnis zeigte, dass Wirkung nicht durch Dominanz entsteht, sondern durch Haltung und Entscheidungsfähigkeit. Das sind die Qualitäten, die auch im juristischen Kontext unglaublich wichtig sind.
Warum Female Leadership in Law & Tax kein Trend ist
Female Leadership ist keine Modeerscheinung, sie ist eine Notwendigkeit für eine moderne, internationale Rechtsberatung. Kanzleien profitieren von vielfältigen und neuen Perspektiven, Mandant:innen von differenzierten Lösungen.
Meine persönlichen Erfahrungen in Dubai haben gezeigt, dass Verantwortung im juristischen Kontext oft früher beginnt, als es offizielle Karrierestufen vermuten lassen. Female Leadership entwickelt sich im täglichen Arbeiten, im professionellen und zugleich empathischen Umgang mit den Mandant:innen und im Mut, eine eigene Position einzunehmen und diese auch zu vertreten.
Katharina Jung
Sie ist deutsche Volljuristin und als Rechtsanwältin bei der international tätigen Beratungs- und Prüfungsgesellschaft Rödl in Dubai tätig. Sie berät im Steuerrecht, Gesellschaftsrecht sowie zu grenzüberschreitenden Unternehmens- und Beteiligungsstrukturen. Zuvor war sie in Deutschland und Europa in international ausgerichteten Großkanzleien tätig und sammelte dort umfassende Erfahrung in der wirtschaftsrechtlichen Beratung.
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