Juristen in der Selbstverwaltung der Hochschulen

von Ghazzal Novid, Student an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Mitarbeiter am dortigen Lehrstuhl für Bürgerliches Recht und Zivilprozessrecht

Hochschulen haben seit jeher eine besondere Stellung in der Gesellschaft. Die ersten Universitäten sind im Hochmittelalter im Laufe der Kreuzzüge vermutlich als Antwort auf die hochentwickelte arabische Bildungskultur gegründet worden. Die ersten Studienfächer waren vor allem Medizin, Jura und Theologie. Insbesondere die Rechtswissenschaft konzentrierte sich auf das geerbte römische Recht und unterlag sehr der kirchlichen Dogmatik. Um losgelöst von diesen Fesseln die Freiheit der Wissenschaft zu gewährleisten, haben Gelehrte wie Alexander von Humboldt und Politiker wie Friedrich Althoff seinerzeit die Vorarbeit für die heutigen freien und selbstverwalteten Universitäten und ihre besondere gesellschaftliche Stellung geleistet. Mitte der 1920er, in der Weimarer Republik, wurde die akademische Selbstverwaltung erstmals gesetzlich geregelt. Mittlerweile hat die Selbstverwaltung der Hochschulen, konkreter als in Art. 5 Abs. 3 GG, in vielen Bundesländern Verfassungsrang, ist aber zumindest in den Hochschulgesetzen verankert.

Föderalismus auf kleinster Ebene

In der Selbstverwaltung Engagierte schätzen diesen Föderalismus auf kleinster Ebene sehr. Können Hochschulangehörige über ihre beruflichen und studentischen Belange in eigener Verantwortung sehr weitreichend entscheiden, ist es doch diese Gestaltungsfreiheit, die das eigene Arbeitsumfeld zu einer Basis für echte Wissenschaftsfreiheit macht. Alle Regelungen, von Hausordnung über Studien- und Promotionsordnungen bis hin zur Verfassung der Hochschule, sind von ihrer Natur her Rechtssatzungen. Sie wirken wie eine Rechtsnorm gegenüber allen betroffenen Kreisen.

Juristen können überzeugen

Wie in gesetzgebenden Parlamenten, müssen Rechtsänderungen auch auf Hochschulebene einen gewissen politischen Prozess durchlaufen. Menschen haben neue Ideen, erkennen Regelungsbedarf, wollen Interessen verfolgen und müssen überzeugen, um Mehrheiten zu bekommen. Daher der Begriff des Hochschulpolitikers, der weniger auf Landes- und Bundespolitiker, sondern vielmehr auf die in der Selbstverwaltung Tätigen zutrifft. Juristen, sowohl als Studierende als auch als Hochschulmitarbeiter, bringen von Haus aus die Fähigkeiten mit, Argumente überzeugend abzuwägen und abstrakt-generelle Regelungen zu treffen.

Einsatzgebiete in der Hochschulpolitik

Die Einsatzgebiete sind so vielfältig wie die Hochschule selbst. Trotz des der Selbstverwaltung zugrundeliegenden Subsidiaritätsprinzips wird in top-down-Manier selbstverständlich in der Verfassung der Hochschule vorgegeben, wie z. B. die Gliederung der Hochschule auszusehen hat, welche Fakultäten und weitere (Unter-)Organe es geben soll und wie die Wahlen ablaufen sollen. Natürlich wird die Verfassung vom Akademischen Senat als höchstes Hochschulorgan beschlossen. Juristen können mit ihren Fähigkeiten auch in Ausschüssen der Organe glänzen. Sehen viele andere Fachbereiche z. B. eine Berufungskommission als eher lästig an, wissen bereits die studentischen Mitglieder einer Berufungskommission ihrer juristischen Fakultät, welche elementare Bedeutung ihnen eigentlich zuteil wird. Und welche Mitarbeiter können denn schon bei der Anstellung von neuen Arbeitskollegen so gewichtig mitreden? Welche Arbeitnehmer können über den Gegenstand ihrer Arbeit so grundlegend entscheiden, wie etwa Hochschullehrer und Studierende bei einer Akkreditierung von Studienfächern? Diese geschieht zwar grundsätzlich von Externen, jedoch werden die betroffenen Hochschulmitglieder in einer Akkreditierung meist konsultiert.

Studierendenvertretung

Ob Studierendenrat (bzw. -parlament), Allgemeiner Studierendenausschuss (AStA) oder mangels einer Verfassten Studierendenschaft die „Unabhängige Studierendenschaft“ (etwa in Bayern): Entscheider an den Hochschulen kommen an den Studierenden nicht vorbei. Studierende sind die größte Statusgruppe an der Hochschule. Dass viele Politiker-Biographien bei der Studierendenvertretung ihren Anfang nehmen, ist kein Zufall. Die aktive Hochschulpolitik ist quasi Teil der Ausbildung von Studierenden, die den Weg in die Berufspolitik einschlagen möchten. Die Jugendorganisationen aller Parteien sind an den Hochschulen meist als Hochschulgruppe vertreten und über entsprechende Wahllisten wählbar.
Eindrucksvolle Fakten nebenbei: Das allseits beliebte Semesterticket wird von der Studierendenvertretung mit den Verkehrsbetrieben ausgehandelt. Die Verfasste Studierendenschaft etwa der Universität Kiel hat abzüglich des Betrags für das Semesterticket einen Jahreshaushalt von ca. 2,5 Millionen Euro. Ein Betrag, mit dem man viel gestalten kann.

Ehrenamt als Karriere-Katalysator

Hochschulpolitik bedeutet Abwechslung und Aufgabenvielfalt. Verbringen passionierte Hochschulpolitiker viele Wochenstunden mit dieser ehrenamtlichen Arbeit, liegt der Nutzen, wie bei Ehrenämtern in anderen Gesellschaftsbereichen, auf der Hand: Man lernt den Umgang mit Konfliktlagen und unterschiedlichsten Charakteren. Darüber hinaus gelingt das Treffen von Entscheidungen leichter. Denn man ist aufgefordert, Dinge in die Hand zu nehmen. Insbesondere Studierende profitieren von den Erfahrungen in der Hochschulpolitik. Sowohl persönlich als auch durch den Eintrag im Lebenslauf bei der nächsten Bewerbung. Bei Hochschulverwaltungen und vielen Behörden sind Stationen in der Hochschulpolitik zu Recht gern gesehen.

Quelle BECK Stellenmarkt 11/2017