Für Europa an die Donau

Marcus Mandl, verfasst gegenwärtig eine Dissertation zu einem gesellschaftsrechtlichen Thema und Orsolya Lénárt, Oberassistentin am Lehrstuhl für Kulturwissenschaften und Redakteurin der „Andrássy Nachrichten“

Die Andrássy Universität in Budapest (AUB) bietet bereits seit dem Jahr 2002 ein deutschsprachiges LL.M.-Programm „Vergleichende Staats- und Rechtswissenschaften“ an. Dessen Schwerpunkte bilden das Europarecht und die Rechtsvergleichung, wobei die Studierenden zwischen den Spezialisierungsrichtungen „Internationales Unternehmensrecht: Schwerpunkt Ostmitteleuropa“ sowie „Internationale und Europäische Verwaltung“ wählen können. In den vergangenen 15 Jahren haben dieses Studium nicht nur Studierende aus Ungarn und anderen ostmitteleuropäischen Ländern absolviert. Auch viele deutsche Juristen zog es zum LL.M.-Studium in die Donaumetropole. Zu ihnen gehört Marcus Mandl aus Mainz, der im Februar 2016 nach Budapest gekommen ist.

Was hat dich dazu bewogen, deinen LL.M. in Budapest zu machen?
Man macht sich natürlich im Vorfeld Gedanken und vergleicht die Programme verschiedener Universitäten. Da ich mich auch zuvor schon viel mit dem Unternehmensrecht beschäftigt habe, lag es nahe, daran anzuknüpfen. Die Wahl ist auf die AUB gefallen, weil ich explizit ein Programm wählen wollte, bei dem die Vermittlung fachlicher Fähigkeiten im Mittelpunkt steht.

Im Unterschied zur Vermittlung sprachlicher Fähigkeiten?
Ja genau. Die Ausbildung an der AUB findet ausschließlich auf Deutsch statt.

Wird in Deutschland ein LL.M.-Studium aber nicht zumeist mit Englischsprachigkeit verbunden?
Man muss sich entscheiden. Möchte man in fachlicher Hinsicht profitieren oder seine sprachlichen Fertigkeiten schärfen? Für Ersteres ist man hier genau richtig. Und wer zugleich sein Englisch aufpolieren möchte, kann einen der Sprachkurse besuchen, die von der AUB in Zusammenarbeit mit englischen Muttersprachlern angeboten werden. In der eigenen Sprache in einem fremdsprachigen Land zu studieren, war für mich ein besonderes Erlebnis. Die Deutschsprachigkeit sehe ich daher eher als einen Vorteil als einen Nachteil.

Und warum Ostmitteleuropa?
Viele denken wahrscheinlich der geringen Lebenshaltungskosten und überschaubaren Studiengebühren wegen. Diese sind zwar wirklich niedrig. Aber von solchen Erwägungen sollte man sich nicht leiten lassen. Ich fand es spannend, in einem Land zu leben, das historisch enge Verbindungen zu dem deutschsprachigen Teil Europas hat, die im letzten Jahrhundert aber doch etwas gelitten haben. Heute hat Budapest sehr verschiedenartige Gesichter. Das macht den Alltag hier so unglaublich interessant.

Wie hast du es geschafft, das Leben in Budapest zu organisieren? Konntest du schon vorher ein wenig Ungarisch?
Die ungarische Sprache zählt nicht ohne Grund zu den schwierigsten Europas. Das ist den Verantwortlichen der AUB auch bewusst. Deshalb wird versucht, den Studierenden die ungarische Sprache durch Sprachkurse näher zu bringen. Bei mir ist das, glaube ich, aber nicht besonders gut gelungen. (lacht) Sollten im Alltag Probleme auftreten, kann man sich jederzeit an das Studienreferat wenden. Gemeinsam wird dann versucht, eine Lösung zu finden.

Nun ist dein Studium schon fast vorbei. Wie hast du das Studium an der AUB erlebt?
Für Studierende, die zuvor an einer der großen deutschen Universitäten studiert haben, ist es sicher zunächst eine Umstellung, wenn in einer Vorlesung nicht mehrere Hundert Kommilitonen sitzen, sondern mitunter weniger als zehn. Das ist aber ein nicht zu unterschätzender Vorteil, da man mit den Dozenten wesentlich schneller in persönlichen Kontakt kommt und sich besser in die Diskussion einbringen kann. Im Rahmen des Studiums ist es auch möglich, Veranstaltungen anderer Studienrichtungen zu besuchen. Hier eignen sich insbesondere politik- oder wirtschaftswissenschaftliche Vorlesungen und Seminare. Solch einen Blick über den juristischen Tellerrand hinaus bietet nicht jedes LL.M.-Programm.

Und in fachlicher Hinsicht?
… war mein Jahr an der AUB eine sehr bereichernde Zeit. Der deutsche Jurist beschäftigt sich gewöhnlich mit sehr strukturierten und durchdachten Gesetzestexten. Hier wurde ich erstmals damit konfrontiert, dass es auch innerhalb der EU Staaten gibt, die nicht die Kapazität haben, einem Gesetzesvorhaben die gleiche Präzision zu widmen wie wir Deutschen. Wahrscheinlich ist – historisch bedingt – auch eine etwas andere Mentalität nicht zu vernachlässigen. Die zu lösenden Sachverhalte sind jedoch die Gleichen wie bei uns. Das stellt den Rechtsanwender täglich vor neue Herausforderungen.

In Deutschland ist Ungarn und seine Regierung von Zeit zu Zeit Thema in den Medien. Wie waren deine Erfahrungen vor Ort? Gab es Auswirkungen auf dein Studium?
In der Tat. Ungarn steht neben Polen seit einiger Zeit im Zentrum der Kritik. Ich glaube, da wird in Deutschland sicher auch etwas übertrieben. Ganz einfach, weil es eine vergleichbare Polarisierung der öffentlichen Debatte in Deutschland in den letzten Jahrzehnten nicht gegeben hat. Insbesondere in den staatsrechtlichen und politikwissenschaftlichen Vorlesungen werden die damit in Zusammenhang stehenden Fragen aber angesprochen und kritisch begleitet. Keiner der Professoren wurde im Anschluss von der Staatsmacht abgeführt. (lacht)

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Orsolya Lénárt.

Quelle NJW 13/2017