E-Learning-Konzepte für die Fortbildung in der Steuerberatung

von Prof. Dr. Wolfgang Kessler, Steuerberater, Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Vorstandsvorsitzender des Zentrums für Business and Law an der Universität Freiburg sowie Initiator und Gründungsgesellschafter der Tax Academy und Dipl.-Vw. Carmen Hugger, M.A., seit 2015 Produktmanagerin bei der Tax Academy und Akademische Mitarbeiterin am Zentrum für Business and Law an der Universität Freiburg

Lebenslanges Lernen gehört in der Steuerberatung zum Alltag. Qualitativ hochwertige Steuerberatung ist angesichts der extremen Änderungsgeschwindigkeit des Steuerrechts ohne permanente Fortbildung nicht zu leisten1. Anders sind auch die enormen Haftungsrisiken gar nicht zu beherrschen.

Berufsträger und deren Mitarbeiter können aus einem großen Pool an Weiterbildungsangeboten wählen. Unterschiede bestehen dabei vor allem in der Form der Präsentation und Vermittlung von Lerninhalten. Waren es früher fast ausschließlich Präsenzveranstaltungen, setzen sich mittlerweile zunehmend Fortbildungen in Form des E-Learnings und des Blended Learnings durch. Laut einer Erhebung des MMB-Instituts für Medien- und Kompetenzforschung wenden bereits 66 % der Großunternehmen in Deutschland und 55 % der kleinen und mittleren Unternehmen E-Learning für die Aus- und Weiterbildung an. Auch in der Hochschullehre kommen zunehmend E-Learning-Elemente zum Einsatz.

E-Learning umfasst alle Formen des elektronisch unterstützten Lernens. Aktuelle Angebote werden über das Internet bereitgestellt, was z.B. eine Nutzung auf verschiedenen Endgeräten mit Speicherung des jeweiligen Lernfortschritts ermöglicht. Die Wissensvermittlung erfolgt bei diesen webbasierten Trainings (WBTs) multimedial, beispielsweise in Form von Lernvideos, digitalen Skripten oder Wikis. Auch E-Tests zur Wissenskontrolle mit direktem Feedback bilden ein wesentliches Element. In die Lernplattform oftmals integrierte Kommunikationsformen wie Foren, Chats und Virtuelle Klassenzimmer helfen beim Austausch von Fragen, Ideen oder Lehrmaterialien. Somit können Lernende tutoriell begleitet werden oder von anderen Lernenden Unterstützung erfahren (Guided Learning).

Anbieter im Bereich der steuerlichen Fortbildung vermitteln Lerninhalte mithilfe unterschiedlicher E-Learning-Konzepte.
Breite Anwendung finden Online-Seminare – aufgezeichnete Vorträge mit Powerpoint-Folien und oftmals mit Begleitskript (z.B. DWS-Steuerberater-Online, TeleTax, BeckAkademie Seminare, Verlag Dashöfer, Tax Academy, Lecturio). Zusätzlich werden auch Vorträge via Live-Übertragung über das Internet angeboten (z.B. H.a.a.S.). Hierbei ergibt sich die Möglichkeit eines direkten Austausches zwischen Lernenden und Dozierenden. Bislang noch wenig verbreitet sind Apps, mit denen z.B. Reise- und Wartezeiten sinnvoll genutzt werden können, und zertifizierte Lehrgänge zu bestimmten steuerrechtlichen Themen, die einen breiten Methodenmix anwenden, wie Begleitskripte, die Aufbereitung von Lerninhalten mithilfe von Schaubildern, Fallsammlungen, Lehrvideos und Übungsaufgaben auf einem Learning-Management-System sowie einer Abschlussprüfung (z.B. Tax Academy).

E-Learning ermöglicht die Wissensvermittlung und Informationsaufnahme zu jeder Zeit an jedem Ort. Für den Lernenden ergibt sich daraus eine bisher nicht dagewesene Flexibilität. Der Lernende legt – angepasst an seine Bedürfnisse – seinen individuellen Lern- und Zeitplan fest. So hat der Lernende die Möglichkeit, eigene Schwerpunkte entsprechend seinem individuellen Wissensstand zu legen. Sind dem Lernenden Themenfelder bereits bekannt, absolviert er Lernabschnitte schneller, wohingegen er sich anderen Bereichen intensiver widmen kann.

Geradezu ideal eignet sich E-Learning dazu, unterschiedliches Vorwissen in einer Gruppe auf einen einheitlichen Stand zu bringen. Vor allem für das Onboarding von Young Professionals ist dies ein Vorteil.

Werden Lehrinhalte so aufbereitet, dass sie mehrere Sinnesorgane ansprechen (Videos, Präsentationen etc.) und eigenständiges Erarbeiten und Denken erfordern (Fallsammlungen, Testfragen), so ist ein nachhaltigerer Lernerfolg und vor allem ein besserer Transfer zu erreichen als mit bloßem Frontalunterricht.

Neben didaktischen Aspekten sind vor allem die deutlich geringeren Kosten ein ganz zentrales Argument für Fortbildungen mittels E-Learning. Dabei sind es nur zum kleineren Teil die gänzlich wegfallenden Reise- und Übernachtungskosten, sondern die niedrigeren Gebühren und die hohen Opportunitätskosten traditioneller Lernformen, bestehend aus den Fehlzeiten und den dadurch entgangenen Einnahmen, die das E-Learning im Vergleich zu herkömmlicher Fortbildung so attraktiv machen. Berechnungen zeigen, dass reines E-Learning etwa 1/10 und Blended Learning etwa 1/3 der Kosten traditioneller Fortbildung verursacht.

E-Learning bietet damit eine großartige Chance – sowohl für den Lernenden als auch für Kanzleien und Unternehmen. Der E-Learning-Anteil wird daher weiter wachsen, ohne allerdings klassische Fortbildungsformen ganz zu verdrängen. Denn die Begegnung mit Kolleginnen und Kollegen und den Vortragenden wird nach wie vor wichtig bleiben.

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1Die nächste Bundeskammerversammlung der Steuerberater wird sich mit dem Thema befassen. Es wird damit gerechnet, dass Steuerberater in Zukunft Fortbildungen im Umfang von 40 Stunden nachweisen müssen; 10 Stunden davon können E-Learning sein.

Quelle DStR 36/2016