Legal Tech für alle! Vom Hype zum alltäglichen Begleiter

Künstliche Intelligenz im Rechtswesen
von Charleen Roloff

Lange Zeit wurde Legal Tech als große Zukunftsverheißung gehandelt und dann leise belächelt. Inzwischen ist die Technologie mit neuer Kraft zurückgekehrt und etabliert sich sukzessive (nicht nur) im juristischen Alltag, nicht zuletzt wegen eines neuen Players. Willkommen zur Rechtsberatung mit access all areas.

Ein holpriger Start

In der juristischen Praxis hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Seit Mitte der 2010er-­Jahre bahnen sich Legal-­Tech-Anwendungen ihren Weg in Kanzleien und Rechtsabteilungen. In der Zeit von 2016 bis 2019 entstand sogar ein regelrechter Hype um Legal Tech. Start­ups schossen aus dem Boden, Investoren zeigten reges Interesse und nicht wenige sahen in der Automatisierung juristischer Prozesse eine Revolution der gesamten Rechtsbranche. Dieser Enthusiasmus wich jedoch bald einer gewissen Ernüchterung. Viele der hochgesteckten Erwartungen blieben unerfüllt.

Die Gründe dafür waren vielfältig: Mal lag es an technologischen Limitationen, rechtlichen Unsicherheiten oder den starren und wenig technologieoffenen Strukturen innerhalb der Kanzlei oder Rechtsabteilung. Der häufigste Grund war aber wohl der, dass eine vielversprechende Anwendung blind und ohne genauere Identifizierung der eigenen Use Cases eingekauft wurde und sich dann als nicht passend und damit überflüssig erwies.

Ein neuer Player: Künstliche Intelligenz

Zunächst stagnierten viele Initiativen. Einige Akteure betrachteten Legal Tech als überbewertet. Start­ups verließen entweder den Markt oder wurden von Kanzleien gekauft, die das ursprüngliche Tool (erfolgreich) weiterentwickelten. Seit 2022 bekommt die Legal­-Tech­-Branche jedoch wieder Aufwind. Das liegt insbesondere an einer Technologie: Künstliche Intelligenz.

Generative KI-­Modelle sind mittlerweile allgegenwärtig. Durch sie haben sich völlig neue Anwendungsmöglichkeiten eröffnet, die den Rechtsmarkt nun nach den Sternen greifen lassen. Dabei ist jedoch Vorsicht geboten. Allzu leicht lässt man sich vom Buzzword KI blenden. Nicht selten jedoch bedarf es für die eigenen Anwendungsfälle gar keiner KI.

Jedenfalls sorgen aber wachsender Kostendruck und veränderte Mandantenerwartungen dafür, dass in der Rechtsberatung immer mehr auf den Support von Softwareanwendungen gesetzt wird.

Wachsende Begeisterung auf beiden Seiten

Nicht nur in Kanzleien und Rechtsabteilungen setzt man zunehmend auf die Unterstützung durch Legal-­Tech-­Tools, ob nun mit KI oder ohne. Auch Verbraucherinnen und Verbraucher freunden sich mit der schnellen und vor allem kostengünstigen Variante der rechtlichen Beratung an. Größere Bekanntheit erlangten beispielsweise Verbraucherportale zur Durchsetzung von Fluggastrechten oder Überprüfungen von mietrechtlichen Angelegenheiten. Einer aktuellen Bitkom-­Umfrage zufolge hat bereits jeder Zehnte eine solche Website besucht und darüber seine Rechte geltend gemacht.

Aber auch hier erfreuen sich Large Language Models (LLM) immer größerer Beliebtheit im Kreise rechtssuchender Personen. Ein kurzer Prompt in einem der gängigen LLM-­Modelle und eine erste, wenn auch nicht zwingend korrekte rechtliche Einordnung, wird geliefert.

Change the (insufficiently) running system

In einigen Fällen kann sogar der inhaltlich völlig fehlerhafte Widerspruch gegen eine absolut fehlerfreie Betriebskostenabrechnung zum Erfolg führen. Denn eines können LLMs zweifellos richtig gut: Antworten liefern, die sich so überzeugend lesen lassen, dass sie dem wenig streitgeneigten Gegenüber suggerieren, man habe es mit einem Profi zu tun. End of discussion. Problem solved.

Unter anderem genau diese erschreckende Effizienz führt dazu, dass sich die Rechtsbranche neu aufstellen muss. Verbesserte Workflows, Entwicklung neuer Skills, Legal Tech und KI als Sparringspartner und attraktiveres Pricing – all das und noch einiges mehr steht nun auf der To­-do-­Liste von Juristinnen und Juristen. Es ist Zeit, von der Regel „never change a running system“ abzuweichen.

Slowly but steadily

In Sachen Transformationsgeschwindigkeit handelt es sich bei der Rechtsbranche wohl eher um einen Tanker als um ein Speedboat. Einmal in Schwung gekommen, ist ein Tanker hingegen wesentlich schwerer zu stoppen und bei Weitem nicht so unfallanfällig wie ein Speedboat.

Legal Tech ist längst kein vorübergehender Trend mehr. Die Technologie wird zunehmend zu einem festen Bestandteil der juristischen Arbeit. Statt experimenteller Einzelanwendungen stehen inzwischen durchdachte, fest integrierte Lösungen im Vordergrund. Sie schaffen echte Effizienzvorteile und übernehmen zunehmend auch komplexere Aufgaben. Vor allem durch den Einsatz von KI hat die Digitalisierung im Rechtsbereich eine neue Dynamik erreicht. Diese Dynamik gilt es nun beizubehalten.

Der technologische Wandel wird in den kommenden Jahren nicht aufzuhalten sein. Es ist daher essenziell für die Rechtsbranche, nun nicht an Fahrt zu verlieren, sondern die Knoten sogar noch zu erhöhen. Full speed ahead!

 

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Über die Autorin:

Charleen Roloff - Rechtsanwältin
Senior Policy Advisor bei eco – Verband der Internetwirtschaft. Zuvor hat Sie als Head of Legal Tech, Corporate und Tax im Digitalverband Bitkom den Bereich Legal Tech aufgebaut.