
Legal Tech ist in der Rechtspraxis angekommen. Es wirkt, wenn Einsatz und Prüfung klar geregelt sind und Rollen und Zugriffe feststehen. Als Infrastruktur zusammengeführt, entstehen stimmige Abläufe mit belastbaren Ergebnissen.
Drei Ebenen in der Kanzleipraxis
Die digitale Transformation von Kanzleien lässt sich in drei Ebenen gliedern. Am Anfang stehen die Grundlagen wie elektronischer Rechtsverkehr, E-Akte sowie Fristen und Dokumentenführung. Danach folgt die Automatisierung mit Vorlagen und klaren Abläufen. Als dritte Ebene unterstützen juristische KI- Anwendungen bei Recherche, Prüfung und Entwürfen. Entscheidend ist der Einsatz im Alltag. Maßstab bleiben nachvollziehbare Qualität, Vertraulichkeit und klare Verantwortlichkeiten in einfachen wie in komplexen Fällen.
Wird Legal Tech als Infrastruktur verstanden, rücken die einzelnen Arbeitsschritte enger zusammen. Mandatsannahme und Konfliktprüfung, Fristenführung und Akte, Schriftsatzarbeit und Kommunikation greifen ineinander. Organisation bedeutet Prozesse festzulegen, Zuständigkeiten zu klären und Wissen zu pflegen. Zur kanzleiinternen Aus- und Weiterbildung gehören sauberes Prompting, Quellenprüfung und das Einordnen von KI-Vorschlägen.
Wie das in der Praxis aussieht, zeigen drei Szenarien: In der Mandatsannahme sorgen strukturierte Aufnahmeformulare und automatisierte Konfliktprüfungen für einen sauberen Start. Fristen werden automatisch berechnet und im Kalender angelegt. Bei Unklarheiten prüft das Team und entscheidet. Bei Schriftsatzentwürfen und in der Recherche wird der Akteninhalt rechtskonform in einem KI-Arbeitsbereich verarbeitet, Quellen stehen zentral bereit. Die KI schlägt Formulierungen und Nachweise vor, markiert Lücken und verweist auf Fundstellen. Das Team entscheidet und hält den roten Faden. In der Vertragsprüfung werden Abweichungen vom Kanzleistandard sichtbar. Passende Klauselvarianten und Kommentare werden angezeigt. Risiken lassen sich priorisieren und mit Mandantenvorgaben abgleichen.
Wohin sich die Arbeit verlagert
Mit wachsender Technik verschieben sich Schwerpunkte. Relevante Anwendungsfälle, klare Prüfkriterien und Abwägungen im Einzelfall sind entscheidend. Vorteile entstehen im Serienfall wie im komplexen Mandat. In Transaktionen zählen saubere Datenräume, klare Vertraulichkeitsregeln und ein gepflegtes, versioniertes Klauselwerk. Wirksam wird dies nur, wenn Freigaben und Zuständigkeiten eindeutig organisiert sind.
Zusammenspiel mit Rechtsabteilungen
Viele Mandantinnen und Mandanten nutzen bereits eigene Lösungen. Wichtig ist die Kompatibilität der Systeme. Ebenso wichtig sind klare Ansprechpersonen und feste Reaktionszeiten. Ein transparenter Freigabepfad macht den Status jederzeit nachvollziehbar.
Regulatorische Leitplanken in der Praxis
KI und Automatisierung wirken nur in einem tragfähigen Rechtsrahmen. Maßgeblich sind unter anderem Berufsrecht, RDG, DSGVO und die EU KI Verordnung. Für Kanzleien heißt das, Rollen zuzuordnen, Entscheidungen zu dokumentieren, Quellen rechtssicher zu verwenden und Freigaben verlässlich zu organisieren. So wird KI vom Experiment zum Werkzeug, das dem juristischen Qualitätsmaßstab standhält.
Startpunkt für Kanzleien
Der Einstieg gelingt dort, wo Standardisierung greift: Im Posteingang, bei Fristen, Standardverträgen und Massenvorgängen mit KI-Unterstützung. Parallel werden Grundlagen geordnet und eine verlässliche Wissensbasis aufgebaut. Anschließend entsteht ein klarer Rahmen mit Zuständigkeiten, Protokollierung und Schulung. Ob der Ansatz wirkt, zeigen Durchlaufzeit und Änderungsquote.
Justizdigitalisierung als wichtiger Hebel
Rechtsdurchsetzung gewinnt durch Interoperabilität. Elektronischer Rechtsverkehr und E-Akte müssen zu durchgängig digitalen Verfahren werden. Dafür braucht es gemeinsame Formate, verlässlich dokumentierte Schnittstellen und eine zentrale Koordination, die Zuständigkeiten klärt und Konflikte zügig löst. Bund und Länder müssen Alleingänge beenden und sich auf eine verbindliche Standardbasis verständigen. Pilotprojekte sollen nicht nebeneinander laufen, sondern in den Regelbetrieb wachsen. So entstehen Abläufe, an die Kanzleien und Rechtsabteilungen ohne Medienbruch anschließen können. Verfahren werden planbarer und schneller.
Gemeinsam umsetzen: Der Arbeitskreis Legal Tech im Bitkom
Der Arbeitskreis Legal Tech verbindet Kanzleien, Rechtsabteilungen und Anbieter an einer gemeinsamen Schnittstelle. Er arbeitet entlang von drei Linien: Justizdigitalisierung beschleunigen, Technologieentwicklungen juristisch einordnen und Regulatorik kritisch begleiten. Die Arbeit ist auf Ergebnisse wie Leitfäden, Positionspapiere und Stellungnahmen ausgerichtet. Als Arbeitsplattform bringt der Arbeitskreis Anwender und Anbieter zusammen, konkretisiert Anforderungen, Schnittstellen und die Steuerung des KI-Einsatzes und trägt die Debatte durch Veranstaltungen in die Breite, mit Fokus auf Praxis statt Produkte.
Simon Thomas
Er ist Referent für Legal Tech und Recht beim Digitalverband Bitkom. Er verantwortet die Themen Legal Tech, Compliance, Vertragsrecht und Steuern und treibt die digitale Transformation im Rechts- und Steuerumfeld voran.
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