
Psychische Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit: Sie sichert Urteilsfähigkeit, Sorgfalt und Haftungsprävention. Die Weltgesundheitsorganisation versteht unter Mental Health einen Zustand, der es Menschen ermöglicht, Fähigkeiten zu entfalten, Belastungen zu bewältigen, produktiv zu arbeiten und zur Gemeinschaft beizutragen.1
Ausbildung – Hochleistung ja, Dauerzustand nein
Jurastudium und „Stressexamina“ fordern Ausdauer, Tiefgang und Präzision – zu Recht. Doch der Prüfungsmodus taugt nicht als Dauerzustand im Beruf. Internationale Leitlinien empfehlen, Mental-Health-Kompetenzen systematisch in Studium, Referendariat und Fortbildung zu verankern: klare Strukturen, niedrigschwellige Anlaufstellen, lernförderliche Arbeitsorganisation sowie Sensibilisierung von Ausbildenden und Prüferinnen und Prüfern. Wer heute Professionalität lehrt, muss auch Belastungssteuerung lehren.2
Warum die Rechtsbranche hinschauen muss
Durch das Studium und die Examina geprägt, besteht gerade in der Rechtsbranche ein hoher Belastungsdruck. Das Thema wird inzwischen offener diskutiert, so greifen Fachbeiträge mittlerweile die Angst vor Stigmatisierung und Burnout-Risiken auf. Hilfe wird jedoch oft noch zu spät gesucht.3 Die Anwaltsstudie der International Bar Association identifiziert Zeitdruck, Arbeitsintensität und Mandantenerwartungen als zentrale Belastungen.4 Ein ähnliches Bild liefert die Studie des IFB „Anwaltschaft 4.0 – Lage und Entwicklung“.5
Vier Stellschrauben gegen den Zeitdruck
Bewährt gegen Zeitdruck sind u.a. folgende Herangehensweisen:
- Kommunikation bündeln: offline fokussiert und ablenkungsfrei arbeiten; „beA“, E-Mails und ähnliche Nachrichteneingänge 2 bis 3-mal/Tag sichten.
- Puffer planen: Wochenreview; Tages-Top-3; 20–30 % des Arbeitstages nicht verplanen, für Unvorhergesehenes.
- Fokuszeiten: 90–120 Minuten Schriftsatz/Analyse ohne Störung (sichtbares „Bitte nicht stören“).
- Fristen: großzügige Vorfristen und Wiedervorlagen; klare Vertretung. Saubere Fristenkontrolle als Teil der Sorgfalts- und Organisationspflicht.
Gute Arbeitsorganisation ist Qualitäts- und Gesundheitsmanagement.
Ablenkungen & Umschaltkosten
Da die Zeit knapp ist, schleicht sich oft das Gefühl ein, nicht hinterherzukommen.. Abhilfe ist möglich, wenn wir Unterbrechungen minimieren. Das gilt auch für selbst gewählte Unterbrechungen, wie z.B. der Blick auf das Smartphone. Die Forschung zeigt, dass nach Kontextwechseln im Schnitt rund 23 Minuten vergehen, bis tiefe Konzentration wieder erreicht ist.6 Kognitive Studien belegen zusätzliche Umschaltkosten7 sowie den „Aufmerksamkeits-Nachhall“ offener Aufgaben: Unabgeschlossene Themen „kleben“ mental an uns und schwächen Folgeaufgaben.8 Ziel sollte sein: weniger Kontextwechsel, feste Kommunikationsfenster und konsequente Fokusblöcke. Für umfangreiche, komplexe juristische Tätigkeiten kann es einen Mehrwert haben, diese auf verschiedene Tage mit hochfokussierten Arbeitsfenstern von 90 bis 120 Minuten zu splitten. Dies hat zugleich mehrere positive Wirkungen. Erstens den psychologischen Effekt bereits ein erledigtes To-Do zu verzeichnen. Zweitens gelingt das Umschalten auf die neue Aufgabe besser; dem „Klebeeffekt“ wird entgegengewirkt. Drittens arbeitet das Gehirn unterbewusst bis zum nächsten Bearbeitungsabschnitt Backstage weiter.
Resilienz
Diese gezielt eingesetzten mentalen „Leerlauf“-Zeitinseln unterstützen nicht nur Ordnung, Kreativität und Selbstreflexion, sondern sind Teil der kognitiven Wartung und schützen vor mentaler Überforderung. Wer zusätzlich zu den klassischen Effektivitätsmethoden, gezielt Resilienzfaktoren als Entscheidungspfeiler nutzt und sich mit Entspannungstechniken, wie Meditation, Progressiver Muskelentspannung und Atemtechniken befasst, bleibt gelassen, trotz hoher Anforderungen. Selbstredend braucht es für all das jedoch ein Fundament, vor allem bestehend aus erholsamem Schlaf, guter Ernährung und Bewegung.
Fazit
Wichtig ist, Frühwarnsignale, wie Reizbarkeit, Fehlerhäufung, Kopf-/Nacken- und Rückenschmerzen, Schlafprobleme zu erkennen und diese nicht als normal einzustufen, im Sinne von: Es haben doch alle ein hohes Stresslevel; das ist in unserer Branche so.
Mentale Gesundheit ist Haftungsprävention in eigener Sache. Wer mentale Gesundheit systematisch fördert, arbeitet souveräner, menschlicher und nachhaltiger. „CIC“ mal anders belegt: Calm is Care; vorgelagerte Sorgfaltspflicht im Eigen- und Fremdinteresse durch Achtsamkeit und Reflexion.
1 WHO, Mental Health – strengthening our response (Definition/Überblick).
2 IBA, International Guidelines for Wellbeing in Legal Education (2023/24).
3 NJW 31/2024, Interview »Schuften bis zum Burnout?«
4 IBA, Global Study on Mental Wellbeing in the Legal Profession (2021).
5 IFB, Band 42: Bericht Anwaltschaft 4.0 – Lage und Entwicklung – IFB Institut für Freie Berufe.
6 Mark/Gudith/Klocke, CHI 2008 – Unterbrechungen, Stress, Tempo-Kompensation.
7 Rubinstein/Meyer/Evans, JEP:HPP 2001 – Task-Switching-Kosten.
8 Leroy, OBHDP 2009 – »Attention Residue«
Simone Scholz - Rechtsanwältin
LL.M., Div. absolvierte Ausbildungen über die AHAB-Akademie zur Betrieblichen Resilienztrainerin, Mental-/Relax Coach, Burnout-Prävention.
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