Berufsziel Staatsanwalt

von Dr. Wolfgang Bohnen

Als ich mit dem juristischen Studium begann, lag mir die Vorstellung fern, im späteren Berufsleben als Staatsanwalt tätig zu sein. Das Strafrecht hat mich im Studium nicht sonderlich interessiert. Immerhin gilt das Zivilrecht als die Krone der Jurisprudenz. Aus dem Studium ist mir das Zitat in Erinnerung geblieben: »Zivilrecht ist nicht alles, aber alles ist nichts ohne das Zivilrecht«.

Ein junger Beruf

Der älteste juristische Beruf ist der des Richters, ihm folgt der Anwalt, dessen Hilfe sich bereits in der Antike juristische Laien bedienten. Der Staatsanwalt selbst tritt als  Prozessbeteiligter in Deutschland seit nun genau 200 Jahren auf. Als Institution der französischen Strafprozessordnung hatte er sich im Rheinland so etabliert, dass die Rheinländer, obwohl nach 1815 wieder deutsch, ihn nicht mehr missen wollten und sich mit Erfolg für das Fortbestehen dieses Amtes in der damaligen preußischen Rheinprovinz einsetzten. So können nun in diesem Jahr alle Staatsanwaltschaften im ehemals preußischen Rheinland auf eine 200-jährige Geschichte, leider auch mit negativen Höhepunkten, zurückblicken. Das Image der Staatsanwaltschaft hat sich in dieser Zeit immer gewandelt: vom »Wächter des Gesetzes« und der »objektivsten Behörde der Welt« zum Durchsetzer staatlicher Interessen. Eindeutig ist ihre Einordnung bis heute nicht. Die Staatsanwaltschaft gehört zwar zur Justiz, ist aber eine hierarchisch organisierte Behörde. Sie kontrolliert die Polizei durch ihre Rolle im Ermittlungsverfahren, aber auch die Gerichte im gerichtlichen Verfahren. Sie wirkt daher wohltuend machtbeschränkend gegenüber Polizei und Gericht.

Tätigkeitsfelder

Wer beim Berufsbild Staatsanwalt nur an die klassischen Themen des Strafrechts denkt, wird bei näherer Betrachtung überrascht, welch breites Spektrum das Berufsfeld eröffnet. StGB-Normen, die man als Student nie in den Blick genommen hat, und das sog. Nebenstrafrecht, das in der universitären Ausbildung nicht behandelt wird, prägen hier den Arbeitsalltag und bieten ein weites Feld zur beruflichen Orientierung. Im Strafrecht finden Sie alles, wozu Menschen fähig sind, also alles Menschliche (und Unmenschliche). Wichtige Spezialgebiete sind Betäubungsmittelsachen, Wirtschaftssachen, Umweltsachen, Jugendsachen, Sexualstrafsachen. Hinzu kommt der Rechtshilfeverkehr in Strafsachen, also der Kontakt mit ausländischen, insbesondere europäischen Staatsanwaltschaften. Nur erwähnt werden soll hier die Ermittlungsarbeit des Generalbundesanwaltes im Bereich von Terrorismus und Spionage. Mangels eigener Erfahrung soll davon im Weiteren aber nicht mehr die Rede sein.

Vielfältige Betätigungsfelder mit unterschiedlichen Charakteristika

Jedes dieser Gebiete weist Besonderheiten bei der Tätigkeit auf: Betäubungsmittelsachen sind geprägt vom Einsatz der gesamten Klaviatur der strafprozessualen Zwangsmaßnahmen und der engen Zusammenarbeit mit  der Polizei bei den konkreten Ermittlungen, d.h. Einbinden und Führen des Ermittlungsverfahrens von Beginn an. Von großer Bedeutung ist dabei die Beachtung und Einhaltung des rechtlichen Rahmens, damit die Beweisgewinnung letztlich auch zu einer zulässigen Beweisverwertung in einem gerichtlichen Verfahren führen wird.

Wirtschaftssachen wiederum verlangen Kenntnisse in Buchführung und Bilanzen und im Steuerrecht. Regelmäßig stehen hohe Summen in Rede. Scheu vor öffentlichkeitsgewohnten Personen in der für sie ungewohnten Rolle als Beschuldigte (Fußballmanager, Finanzminister, Kammergeschäftsführer) darf man dabei nicht haben. Nirgendwo sonst scheint der Grat zwischen Bundesverdienstkreuz und mehreren Jahren »Knast« schmaler zu sein als hier.

Wer Sexualstrafsachen bearbeitet, muss ein besonderes Gespür dafür entwickeln, welche von zwei verschiedenen geäußerten Versionen zu einem Geschehen die richtige ist, weil häufig keine weiteren Beweismittel vorhanden sind. Was sind die Fakten? Was sind die »alternativen Fakten«?

Jugendsachen verlangen Verständnis dafür, dass der Beschuldigte definitiv noch ein Mensch mit positivem Entwicklungspotential ist. Es geht weniger um Bestrafen als um Erziehen. Dazu stehen dem Jugendstaatsanwalt erheblich mehr Auswahlmöglichkeiten zur Verfügung als bei Erwachsenen. Prägend ist auch die Vielfalt der weiteren Akteure (Jugendgerichtshilfe, Eltern), mit denen Sie Kontakt pflegen müssen.

Kontakt mit anderen

Überhaupt prägt der vielfältige Kontakt mit anderen Akteuren, Richtern, Anwälten, Polizisten, Fahndern des Finanzamtes und des Zolls den Arbeitsalltag. Der Staatsanwalt ist ein Teamplayer. Das zeigt sich bereits beim Einstieg in das Berufsleben: Hier steht als Gegenzeichner dem jungen Kollegen ein erfahrener Kollege (»alter Hase«) zur Seite. Diese »Kontrolle« mag abschreckend erscheinen, ist sie aber in Wirklichkeit nicht. Erstens vermittelt der Gegenzeichner bei der Prüfung der Entscheidungen notwendiges Erfahrungswissen, das man nicht an der Universität erwerben kann. Erfahrung ist die wichtigste Ressource, um effektiv zu arbeiten. Und wo zweitens durch einen Mitentscheider grobe Fehler vermieden werden, wird die eigene Entschlussfreudigkeit gesteigert.

Fazit

Wer einen interessanten, vielfältigen und abwechslungsreichen Beruf sucht, den Umgang mit Menschen nicht scheut und jeden Tag offen für Neues ist, ist bei der Staatsanwaltschaft gut aufgehoben. Die Berufswahl habe ich nicht bereut.

 

Über den Autor:

Dr. Wolfgang Bohnen
Oberstaatsanwalt, Abteilungsleiter
bei der Staatsanwaltschaft Trier