
Die Geschichte der technischen Modernisierung in der Steuerberatung ließ sich lange mit einer aristotelischen Unterscheidung beschreiben. Anders als Platon, der das eigentlich Wirkliche in einer von den Einzeldingen getrennten Ideenwelt verortet, erklärt Aristoteles Wandel aus der Sache selbst heraus durch die Unterscheidung von Substanz (Ousia) und Akzidens. Technik war in diesem Sinn Akzidens: etwas, das hinzutritt, die Erscheinungsweise prägt und Abläufe verändert, ohne den Wesenskern aufzuheben. Ob Papierakte oder Dokumentenmanagement, ob Tabellenkalkulation oder Fachanwendung: gewandelt hat sich die Form der Leistungserbringung, nicht die Vorstellung davon, was Steuerberatung ihrem Selbstverständnis nach ist: normgebundene, verlässliche Steuerrechtspflege. Die IT veränderte das Wie, nicht das Was.
Die strukturelle Zäsur: KI im Kernbereich der Steuerberatung
Mit Künstlicher Intelligenz gerät diese Ordnung ins Wanken; nicht, weil ein weiteres Werkzeug in die Kanzlei einzieht, sondern weil Technik in Bereiche vordringt, die bislang als eigentlicher Ort steuerlicher Wertschöpfung galten. Was wir erleben, ist kein evolutionärer Schritt, sondern ein kategorialer Bruch: Das Akzidens beginnt, die Substanz selbst zu bestimmen.
Zunächst zeigt sich dies an den Routinetätigkeiten. Buchführung, Deklaration und weite Teile der Compliance lassen sich, sofern strukturierte Daten vorliegen, in durchgängige Prozessketten überführen. Mit der seit 2025 geltenden Pflicht, elektronische Rechnungen im inländischen B2B-Bereich empfangen zu können, und den Übergangsfristen für ihre Ausstellung bis 2027/2028, verdichtet sich diese Entwicklung zu einer infrastrukturellen Zäsur. Digitale Anschlussfähigkeit wird zum Kriterium dafür, mit welchen Kanzleien Unternehmen künftig überhaupt arbeiten wollen. Wer nicht anschlussfähig ist, verliert nicht einzelne Aufträge, sondern ganze Mandatssegmente.
KI übernimmt Kanzleiarbeit – die Letztverantwortung bleibt beim Menschen
Die eigentliche Verschiebung endet jedoch nicht an der Peripherie des Berufs. Multiagentische Architekturen auf RAG-Basis liefern bereits heute subsumtionsfähige Ergebnisse von der Strukturierung des Sachverhalts über die Verdichtung steuerlicher Fragestellungen bis hin zum ersten formulierten Memorandumentwurf. Dass solche Systeme die Steuerberaterprüfung unter realitätsnahen Bedingungen bestehen können, ist keine Theorie mehr. Die gutachterliche Arbeit, das Herzstück steuerlicher Beratung, ist nicht mehr exklusiv menschlichen Fachleuten vorbehalten. Das bedeutet nicht, dass Verantwortung, Haftung oder Letztentscheidung auf die Maschine übergingen, diese verbleibt beim Menschen; wohl aber verschiebt sich die Grenze dessen, was bislang als genuin menschlicher Kern beruflicher Arbeit angesehen wurde. Gerade für die Steuerberatung ist diese Verschiebung Neuland, weil ihr Selbstverständnis von regelbasierter Rationalität geprägt ist.
Zwei Logiken in der Kanzlei‑Operationalisierung: Steuerliche Rationalität gegenüber KI‑Wahrscheinlichkeit
Die Steuerberatung denkt in Kategorien des Zulässigen und Unzulässigen, der tragfähigen und der nicht tragfähigen Subsumtion. KI operiert demgegenüber probabilistisch: Sie bewegt sich in Wahrscheinlichkeiten, Kontextbezügen und semantischen Vektorräumen, nicht in starren Wenn-Dann-Schemata. Dass zwei Anfragen nicht notwendig zu deckungsgleichen Antworten führen, erscheint aus klassischer Berufssicht als Mangel. Darin liegt jedoch gerade die produktive Qualität, weil wirtschaftliche Entscheidungen selten eindimensional sind und Beratung von der Fähigkeit lebt, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen und in eine belastbare Empfehlung zu überführen.
Damit verlagert sich der Ort des professionellen Mehrwerts. Wenn Routinen automatisiert und steuerrechtliche Würdigungen maschinell vorbereitet werden können, entsteht der eigentliche Wert nicht mehr in der Reproduktion von Normwissen. Er entsteht dort, wo steuerliche Folgen in einen größeren Zusammenhang gestellt werden: in die Logik von Geschäftsmodellen, in Finanzierungsfragen, in Investitionsentscheidungen und in die strategischen Zielkonflikte eines Unternehmens. Die Beraterin und der Berater der Zukunft arbeiten näher am Mandanten, näher an dessen Branche und näher an der Frage, welche Handlung im Ganzen vernünftig ist – und genau dafür ist KI, richtig eingesetzt, das ideale Werkzeug.
Wie sich das Wesen des steuerberatenden Berufs aufgrund von KI essenziell verändert
An dieser Stelle erweist sich die aristotelische Analogie als besonders aufschlussreich. Es geht nicht darum, im strengen philosophischen Sinn zu behaupten, ein Akzidens werde zur Substanz. Es geht darum, dass die technische Form der Leistungserbringung inzwischen so tief in Praxis, Wertschöpfung und Erwartungshaltung eingreift, dass sich die Frage nach dem Wesen der Steuerberatung neu stellt. Wer Künstliche Intelligenz weiterhin als bloßes Zubehör behandelt, wird zu spät bemerken, dass sich das Zentrum der Wertschöpfung bereits verlagert hat. Wer diesen Wandel hingegen annimmt, kann die Rolle der Steuerberatung neu und stärker bestimmen; näher am Unternehmen, näher an seinen Entscheidungen. In diesem Sinn rührt das frühere Akzidens heute an die Substanz des Berufs.
Götz Kümmerle
Er ist Gründer von parcourage in Leverkusen. Er berät Steuerberatungskanzleien bei der strategischen Integration von KI.
Stefan Groß
Er ist Steuerberater und Managing Partner bei Peters, Schönberger & Partner mbB in München.
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