Globale Übersetzungsnorm soll 2015 die geltende DIN EN 15038 ersetzen

von Bettina Kertscher, Geschäftsführerin der Fix International Services GmbH in Hamburg

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel nimmt im Alten Testament ein schlimmes Ende, Übersetzungsprobleme rufen bei der Bauausführung Chaos hervor. Die ehrgeizigen Bauarbeiter scheitern an einer um sich greifenden Sprachverwirrung, denn Gott missfiel die Idee einer in den Himmel ragenden Turmspitze.
Ehrgeizig sind die Menschen noch immer. Doch immerhin fehlt es nicht an Bemühungen, tragfähige Brücken zwischen die Sprachen zu bauen, um die Qualität von Übersetzungen zu verbessern und auf diese Weise die Zusammenarbeit von Menschen zu optimieren. Es ist naheliegend, entsprechende Qualitätsstandards zu definieren, durch die auf dem Übersetzermarkt Sicherheit und Verlässlichkeit geschaffen werden. Bereits ein falsches Wort in einer technischen Bedienungsanleitung kann fatale Konsequenzen beim Einsatz einer neu angeschafften Maschine haben. Und misslich formulierte Wünsche in der Geschäftskorrespondenz mit irreparablen Konsequenzen auf langfristig geplante Geschäftsbeziehungen sind Legion.

Schon rein praktisch sind Standards im vereinten Europa geboten. Immerhin gibt es alleine in der Europäischen Union 24 Amtssprachen.
Das bekannteste Beispiel für einen Standard sind die Qualitätsmanagementnormen aus der ISO 9000-Normenreihe. Sie definieren allgemein einsetzbare Elemente für nachvollziehbare Qualitätssicherungsprozesse. ISO 9000 ff besteht aus Vorschriften und Anweisungen für den Aufbau eines Qualitätssicherungssystems. Nach ISO 9001 müssen in zertifizierten Unternehmen schriftliche Handlungsanweisungen mit definierten Verantwortlichkeiten für verschiedenste Aufgabenstellungen vorliegen.

Weniger bekannt sind weiterführende spezifische Normen für die Übersetzungsbranche. In einem heterogenen Übersetzungsmarkt ist deren konsequente Anpassung nicht nur wünschenswert, sondern unabdingbar. Und, anders als die nach § 132a StGB geschützten Berufsbezeichnungen Arzt, Apotheker oder Rechtsanwalt ist die Berufsbezeichnung Übersetzer gesetzlich nicht geschützt.

Neue Norm erleichtert Zusammenarbeit im Weltmaßstab

Bereits 1996 veröffentlichte das Deutsche Institut für Normung e.V. daher mit der DIN 2345 eine Qualitätsnorm für die Übersetzungsindustrie. Dieser Standard galt bis zum Jahr 2006 und wurde durch die EN 15038 abgelöst, welche vom Europäischen Komitee für Normung (CEN) im April 2006 verabschiedet wurde und anschließend in 29 europäischen Ländern nationale Norm darstellte. Noch gelten die europäischen Regeln der Norm EN 15038. Sie hat sich seit 2006 bewährt und bestimmt den gesamten Ablauf einer Übersetzung und die Qualifikation aller Mitwirkenden. Dazu zählen die Standardisierung und Normierung derTerminologie, die Bewertung der Übersetzungsqualität und das Sicherstellen der Rückverfolgbarkeit. Die DIN EN 15038 stellt, auch im Vergleich zur DIN 2345, höhere Ansprüche an personelle und technische Ressourcen. Außerdem enthält die Norm präzise Bestimmungen zu den notwendigen beruflichen Kompetenzen eines jeden am Übersetzungsprozess Beteiligten. Diese Bestimmungen betreffen die Übersetzer, aber auch die fachlichen Prüfer und die Korrektoren. Im Gegensatz zur DIN 2345 konzentriert sich die DIN EN 15038 stärker auf das Projektmanagement, legt sämtliche Schritte fest und betrachtet in der Übersetzung selbst, dem Kernprozess, nur einen Aspekt unter mehreren. Besonders hervorzuheben ist als Bestandteil der Norm eine zusätzliche fachliche Prüfung und das Korrekturlesen durch einen Dritten. Der Korrektor muss ebenfalls über die notwendige ausgangs- und zielsprachliche Kompetenz verfügen. Im Rahmen dieser Überprüfung muss, abhängig von den jeweiligen Projektanforderungen, ein Vergleich von Ausgangs- und Zieltext durchgeführt werden, um die Terminologiekonsistenz sowie die Adäquatheit von Sprachregister und Stil sicherzustellen. Zwingend notwendig sind hierfür nach der DIN EN 15038 die sogenannte Recherchierkompetenz, um sprachliches und fachliches Zusatzwissen zu erwerben, und kulturelle Kompetenz, also die Fähigkeit, Informationen über lokale Verhaltensmuster und Wertesysteme einzusetzen, die für die Ausgangs- und die Zielkultur charakteristisch sind.

Und weil der Markt für Übersetzungsdienstleistungen sich nicht auf Europa beschränkt, gibt es aktuelle Normungsvorhaben auch auf globaler (ISO) Ebene. So sollte eigentlich bereits 2014 die Nachfolgenorm der DIN EN 15038 eingeführt werden. Doch die Einführung dieser DIN ISO 17100 verschob sich. Seit 2011 wird daran gearbeitet. Die ISO 17100 basiert in wesentlichen Inhalten auf der EN 15038 und liegt seit 2013 als Normentwurf vor. Die Norm DIN EN 15038 hatte sich seit 2006 zum bewährten Standard entwickelt.

Die nachfolgende Norm soll, neben der globalen Gültigkeit, einige Richtlinien präzisieren, um die Zusammenarbeit im Weltmaßstab zu erleichtern. Das ist auch ihrer jetzt für 2015 angekündigten Nachfolgerin zu wünschen. Immerhin ließen sich eklatante Übersetzungsfehlleistungen so vermeiden. Schlagzeilen machte noch 2014 der Börsengang des chinesischen Internetkonzerns Alibaba. Die deutsche Website war mit Übersetzungsfehlern gespickt. So enthielt die Kategorie „Auto & Motorrad“ auch Körperteile. Gemeint waren Teile für die Karosserie – im Englischen waren dies „body parts“…

Quelle NJW 17/2015