Kanzleien in Zeiten von Personalmangel: können Onboarding-Kurse entlasten?

von Andreas Wellmann

Nahezu jede Steuer-Kanzlei kennt dieses Szenario: Das  E-Mail-Postfach quillt über, die Überstunden der Mitarbeiter lassen sich schon lange nicht mehr abfeiern und jeden Monat kommen neue Anfragen von potenziellen Mandanten herein. An Aufträgen mangelt es der Branche aktuell nicht – aber dafür an Arbeitskräften.

Der Kampf um Mitarbeiter und qualifizierten Nachwuchs ist in vollem Gange – wie nahezu überall ist das Steuer- und Rechnungswesen längst ein Arbeitnehmermarkt, auf dem sich wechselwillige Fachkräfte und Berufseinsteiger aussuchen können, wohin sie gehen. Wer sich im Wettbewerb um neue Mitarbeiter behaupten will, muss den potenziellen Bewerbern also etwas bieten.

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Und hat man einen neuen Mitarbeiter gewinnen können, kommt die nächste Herausforderung: wie schafft man es als Kanzlei, insbesondere Berufseinsteiger am Anfang nicht mit der Masse und Komplexität der Aufgaben zu überfordern – und dadurch Gefahr zu laufen, den gefrusteten Mitarbeiter schon nach kurzer Zeit wieder zu verlieren? Ein Szenario, das Arbeitgeber heutzutage immer häufiger erleben.

Insbesondere kleine und mittelständische Kanzleien sind beim Recruiting und beim sogenannten Onboarding neuer Mitarbeiter oft benachteiligt. Sie bieten – zumindest augenscheinlich – geringere Entwicklungsperspektiven an als die Großen. Bei der Einarbeitung müssen sie häufig den Spagat leisten, in einer ohnehin angespannten Personalsituation auch noch Kapazitäten für den neuen Kollegen abzustellen. Die Suche und das Einarbeiten von neuem Personal werden so oft zum echten Kraftakt – und können den gerade erst gewonnenen Mitarbeiter im schlimmsten Fall sogar wieder abschrecken.

Onboarding-Kurse: Stressreduzierung in der Einarbeitunsphase

Spezielle Onboarding-Kurse könnten die Kleinen und Mittelgroßen in Zukunft entlasten. Das Angebot ist neu und wird von Steuerfachschulen oder Weiterbildungsinstituten angeboten, die bereits Erfahrung in der Ausbildung von Steuerberatern, Steuerfachwirten & Co. haben. Die Kurse sind meist auf Berufseinsteiger ausgerichtet, die frisch von der Uni kommen und als Steuer- oder Wirtschaftsprüfungsassistent/innen anfangen. Aber auch für Quer- und Wiedereinsteiger ist ein gezieltes Onboarding sinnvoll. 

„Die Absolventen sind in der Regel hochmotiviert und verfügen über ein großes theoretisches Wissen, haben aber meist nur wenig Erfahrung, was davon wirklich für die Praxis der steuerlichen Beratung relevant ist. Und sie brauchen natürlich noch Unterstützung, wenn es um kompliziertere Sachverhalte oder das richtige Ausfüllen der Steuererklärungsformulare geht.“ so Dr. Elke Lehmann, Steuerberaterin und Dozentin in der Steuerberaterausbildung.

Genau diese Punkte werden daher in den Onboarding-Kursen aufgegriffen:    

  • Vermittlung und Vertiefung der wichtigsten steuerrechtlichen Themenfelder für die Praxis
  • Buchführung & Bilanzierung
  • Praxisnahe Fallstudien inkl. Ausfüllen der Steuererklärungsformulare
  • Umgang mit Gesetzestexten, Verwaltungsanweisungen und Datenbanken
  • Kommunikation mit Mandanten und Finanzverwaltung
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Idealerweise sollten die Einarbeitung beim neuen Arbeitgeber vor Ort und das Skill-Training parallel ablaufen, um eine noch stärkere Verzahnung herzustellen. Aus diesem Grunde werden die Kurse in der Regel auch nachmittags oder abends und am Wochenende angeboten. Ein Großteil findet online statt. So bleibt noch genug Zeit, die neuen Kollegen kennenzulernen und erste Aufgaben in der Kanzlei zu übernehmen.

Neben dem Vorteil eines schnellen Einstiegs von Kanzlei-Neulingen, kann ein professionelles Onboarding aber auch im Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter punkten. Insbesondere für die gut ausgebildeten und motivierten Absolventen der Unis und Fachhochschulen spielen Fortbildungen und Entwicklungsmöglichkeiten eine immer größere Rolle. Die Aussicht auf ein professionelles praxisnahes Training – oder die finanzielle Unterstützung dessen – kann also ein wichtiges Zeichen und echtes Argument für potenzielle neue Mitarbeiter darstellen.

Fazit

Onboarding-Kurse bieten das, was bei vielen Großen der Branche bereits fester Bestandteil ist – was Klein- und Mittelständler aber oft firmenintern nicht leisten können. Berufseinsteiger bekommen eine fundierte fachliche Einarbeitung und sind somit schneller fit für die Praxis. Chefs und Kollegen werden entlastet – sie können sich beim Onboarding neuer Kollegen ganz auf die Spezifika der Kanzlei wie Mandanten oder Kanzlei-Software, konzentrieren. Die Gefahr von Frust und Überforderung sinkt auf beiden Seiten – eine Win-Win-Situation, die allen den Start in die neue Stelle erleichtert und sich bereits vorab positiv auf die Attraktivität einer Kanzlei auswirken kann.

Onboarding-Kurse können also noch immer nicht das persönliche Kennenlernen der neuen Kollegen ersetzen oder auf Kanzleispezifische Besonderheiten eingehen, aber mit ihrem fachlichen Know-How durchaus einen echten Beitrag zur Einarbeitung neuer Mitarbeiter leisten.

Über den Autor: 

Andreas Wellmann
ist Geschäftsführer der Steuerlehrgänge Dr. Bannas GmbH. Der Diplom-Kaufmann ist Autor mehrerer betriebs- und volkswirtschaftlicher Lehrbücher und verschiedener Aufsätze zur Steuerberaterprüfung.